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Glossar der Krise Sturz

30.04.2009 ·  Das Gebäude steht, erkannte einst der Spaziergänger Heinrich von Kleist, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen. Ein in diesen Zeiten, da alles niederzustürzen droht, sehr tröstlicher Gedanke.

Von Paul Ingendaay
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Im Glossar zur Krise fischen wir Wörter aus dem Strom des Geredes über die Wirtschaftskrise, die allesamt mehr und deshalb etwas anderes bedeuten, als ihnen zugetraut wird. Wörter, die vielleicht noch gebraucht werden, wenn nach dem Untergang des Alten etwas Neues beginnt (siehe auch: Einführung: Glossar der Krise).

STURZ

Es ist das Jahr 1800. Ein Mann geht in Würzburg spazieren. Er sieht einen Torbogen, der aus der Stadt herausführt, nimmt die Steine des Gewölbes wahr und stutzt. Wenig später zeichnet er eine kleine Skizze, auf der man sieht, wie der oberste Stein gleichsam hineingesenkt wird, damit das Ganze einen stabilen Bogen ergibt. An jenem Tag geht der Mann, Heinrich von Kleist, sinnend zurück in die Stadt. „Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat? Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen. Und ich zog aus diesem Gedanken einen unbeschreiblich erquickenden Trost, der mir bis zu dem entscheidenden Augenblicke immer mit der Hoffnung zur Seite stand, daß auch ich mich halten würde, wenn alles mich sinken läßt.“

Es wurde eine Lebenstheorie daraus, ein Bewusstsein um die Brüchigkeit aller Dinge. Ein Mensch zu sein bedeutet Sturzgefahr. Nicht aufzuhalten, leider. Nur aufschiebbar – eben dadurch, dass alles in einem regelrechten Untergangswettbewerb, der uns heute nicht mehr so absurd anmutet, wie er es vor zwanzig Monaten getan hätte, zugleich in Richtung Boden drängt.

Reif für den Niedersturz

Das Bild einer existentiellen Abwärtsbewegung ließ Kleist nicht mehr los. In „Penthesilea“ kehrt es wieder. „Steh, stehe fest, wie das Gewölbe steht, / Weil seiner Blöcke jeder stürzen will.“ Wir müssen schon reif sein für den Niedersturz, dann können wir uns vielleicht noch eine Weile halten. Aber nur, wenn wir zusammenbleiben wie die Blöcke des Steingewölbes und alle eine ähnliche Sturzbereitschaft haben.

Kleist hat nicht genauer ausgeführt, wie man sich diese Katastrophenfitness antrainiert, er hatte sie einfach. Doch er hätte sicherlich empfohlen, nicht auf das Erreichen der Talsohle zu lauern. Besser ist es, sich einzurichten und die Zähne zusammenzubeißen. Vorsicht vor der Zwischenerholung! Vergessen Sie Gewinnmitnahmen! Es darf uns nicht zu früh wieder gutgehen. „Die abgestorbene Eiche“, schreibt Kleist in einem Brief, „sie steht unerschüttert im Sturm, aber die blühende stürzt er, weil er in ihre Krone greifen kann.“

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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