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Glossar der Krise Rechnen

 ·  Alle sind am Rechnen: Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem Rekordminus. Die Institute rechnen mit mehr Arbeitslosen. Die Unternehmen rechnen mit Staatshilfe. Allerdings: Wann, wenn jemand mit etwas rechnet, rechnet er tatsächlich?

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Im Glossar zur Krise fischen wir Wörter aus dem Strom des Geredes über die Wirtschaftskrise, die allesamt mehr und deshalb etwas anderes bedeuten, als ihnen zugetraut wird. Wörter, die vielleicht noch gebraucht werden, wenn nach dem Untergang des Alten etwas Neues beginnt (siehe auch: Glossar der Krise: Alle Folgen).

RECHNEN

Die Wirtschaftsweisen rechnen mit einem Rekordminus. Die Institute rechnen mit mehr Arbeitslosen. Die Experten rechnen mit Kreditausfällen. Die Unternehmen rechnen mit Staatshilfe. Alle sind am Rechnen, tagtäglich wird eine so gewaltige Rechenleistung erbracht, als wolle man beim nächsten Pisa-Ranking wenigstens Mathesieger werden. Und das, obwohl manches Bundesland es in diesem Fach nicht einmal schafft, den Schülern korrekte Abituraufgaben vorzusetzen.

Allerdings: Wann, wenn jemand mit etwas rechnet, rechnet er tatsächlich? Mit etwas rechnen, das heißt hoffen, schätzen, spekulieren – und an Spekulanten hat es uns gewiss nicht gefehlt. Bauchrechnen statt Kopfrechnen, daher kommt ja die ganze Misere. An deutschen Universitäten gibt es Kurse namens „Mathematik für Ökonomen“, was klingt wie „Lenken für Autofahrer“ oder „Operieren für Chirurgen“, also wie etwas, das längst beherrscht werden sollte.

Die Rechnung ohne den Volkswirt

Doch da hat man die Rechnung ohne den Volkswirt gemacht, der derlei Nachhilfe tatsächlich benötigt. Er rechnet, so stand es einst in unserem Zeugnis, sicher im Zahlenraum von eins bis hundert. Die Zahlenräume, die es heute zu bewältigen gilt, gleichen Kathedralen: Wer wissen will, wie viel Vermögen die Krise bislang vernichtet hat, muss von eins bis fünfzig Billionen rechnen. Doch wie sollen wir das lernen? Die Menschen sind keine Rechner mehr, sondern sitzen an welchen.

Rechnen, schrieb der Pädagoge Pestalozzi, „ist das Band der Natur, das uns im Forschen nach Wahrheit vor Irrtum bewahrt, und die Grundsäule der Ruhe und des Wohlstands, den nur ein bedächtliches und sorgfältiges Berufsleben den Kindern der Menschen beschert“. Ein bedächtliches und sorgfältiges Berufsleben: Da hat er wohl nicht an die Investmentbanker gedacht. Das Band ist gerissen, die Säule gestürzt, die Ruhe dahin und der Wohlstand bald auch. Wir jedenfalls rechnen mit dem Schlimmsten.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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