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Glossar der Krise Giftige Papiere

26.04.2009 ·  Dass Papier giftig sein kann, weiß man aus der Literaturgeschichte. Das giftige an den toxischen Papieren, die derzeit kursieren, ist aber nicht, dass sie uns töten, sondern dass sie uns lähmen. Keiner weiß, was hinter ihnen steckt. Diese Angst ist das stärkste Gift.

Von Richard Kämmerlings
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In einem Glossar zur Krise werden wir Wörter aus dem Strom des Geredes über die Wirtschaftskrise fischen, die allesamt mehr und deshalb etwas anderes bedeuten, als ihnen zugetraut wird. Wörter, die vielleicht noch gebraucht werden, wenn nach dem Untergang des Alten etwas Neues beginnt (siehe auch: Einführung: Glossar der Krise).

GIFTIGE PAPIERE

Die Vorstellung, dass Papier tödlich sein könnte, löst tiefe Ängste aus. Gehen wir doch täglich mit Papieren aller Art um, mit Fahrzeug-, Drucker- oder Zigarettenpapieren, ohne dass wir in ihnen eine Gefahr wittern. Auch Wertpapiere nehmen wir in Form von Geldscheinen oder Schecks arglos in die Hand, wenn wir uns nicht gerade fragen, woher das Geld stammt. Vielleicht aus einer Geldwaschanlage? Gewaschenes, sauberes oder frisch gedrucktes Geld scheint paradoxerweise viel bedrohlicher als der schmutzig-schmuddelige, abgewetzte Schein, dessen vielfältige Gebrauchsspuren gerade die Ungefährlichkeit bezeugen.

Doch wenn Papier giftig wird, verliert das Alltägliche seine Harmlosigkeit. In der Literaturgeschichte wusste man immer schon um die potentiell fatale Wirkung des geschriebenen Wortes, wobei meist die Schrift, nicht ihr Trägermedium, zur Waffe wurde. Doch es gibt Ausnahmen. In Umberto Ecos „Name der Rose“ ist es das mit Gift getränkte Papier einer Aristoteles-Abschrift, an dem ihre neugierigen Leser zugrunde gehen. Der Inhalt soll zugleich aufbewahrt und für immer geheimgehalten werden. Das toxische Papier schützt hier die Welt vor einer Lehre, die geeignet ist, das christliche Weltbild umzustürzen: die vermeintlich verlorene Abhandlung des Aristoteles über das Komische.

Das Gift Angst

Doch jede Bibliothek könnte solche Schriften enthalten, deren Risiken man erst dann exakt einschätzen könnte, wenn man sie liest und verbreitet oder eben durch das Befeuchten der Finger beim Umblättern das Gift schon geschluckt hat. Die Wertpapierabteilungen der Banken sind nun auch solche Archive voll tödlicher Fallen. Man stellt sich vor, wie in allen einsturzgefährdeten Finanzhäusern Heerscharen von Angestellten mit zitternden Fingern und zunehmend trockeneren Lippen die Papiere durchblättern und bei jedem Lecken an den Fingern für eine Schrecksekunde das Gift zu schmecken glauben.

Das Toxische an den toxischen Papieren ist aber nun gerade die Zweifelhaftigkeit ihrer Substanz. Es sind in Wertpapiere gebündelte, tranchierte und wieder gebündelte Kredite, deren Ausfallwahrscheinlichkeit wegen der Komplexität der Finanzoperationen nicht mehr zu beurteilen ist. Die Angst ist das stärkste Gift, es lähmt und tötet schleichend. Lieber wüssten wir ganz sicher, dass alles wertlos ist, als diese Ungewissheit zu ertragen. Erst wenn der Verlust bezifferbar ist, fühlen wir uns wieder auf der Habenseite.

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