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Glossar der Krise Entschuldigung

19.05.2009 ·  Für viele wäre es an der Zeit, sich jetzt für etwas zu entschuldigen, aber das fällt bekanntlich schwer. Zumal das Entschuldigen schnell zum gelangweilten oder aggressiven Akt wird. „Entschuldigung“ bleibt auch in der Krise das härteste Wort.

Von Tilman Spreckelsen
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Dass manche Menschen sich lieber die Zunge abbeißen, als „Entschuldigung“ zu sagen, wissen wir spätestens seit Tracy Chapman. Nur dass ihr Vorschlag, wie man als Leidtragender mit derlei umzugehen habe, allenfalls in einer Liebesbeziehung angebracht ist („Baby, can I hold you tonight“), nicht aber, sagen wir, gegenüber einem Kundenberater, der einem fröhlich Schrottzertifikate aufgeschwatzt hatte und den man nun damit konfrontiert. Hier wäre das Angebot einer innigen Umarmung sehr unpassend.

Kompliziert wird die Sache, weil man derzeit weithin beobachten kann, dass Entschuldigungsagen von Wiedergutmachen durch einen geradezu königskindertiefen Abgrund getrennt ist, befördert durch eine Bedeutungsvariante des Wortes „Entschuldigung“, die sich gern im flotten „sorry“ manifestiert, fest mit dem Wort „aber“ verknüpft ist und umso freimütiger gebraucht wird, je vertrauter man miteinander ist oder einmal war: „Sorry, aber diese Entwicklung konnte nun wirklich niemand vorhersehen“ demonstriert kein Mitgefühl, sondern offensichtliche Genervtheit, den Unwillen also, sich mit dem verlorenen Haus, dem pulverisierten Bankkonto, der Arbeitslosigkeit infolge der Krise und der darüber zerbrochenen Ehe seines Gegenübers auseinanderzusetzen.

Fast eine Liebeserklärung

„Entschuldigung“, derart gebraucht, hat nichts vom redlichen Vorsatz, die eigene Entschuldung, moralisch wie finanziell, endlich anzugehen, und sie ist nur einen Wimpernschlag von der noch aggressiveren Variante entfernt, die das Verhalten, das Wesen, die ganze Existenz des anderen verächtlich macht, seine Bedürfnisse als lächerlich zurückweist und seine Verluste als selbstverschuldet - wärst du mal nicht so gierig gewesen! - brandmarkt, dieses im Frageton vorgebrachte „Ich mein' - sorry?“

„Sorry is all that you can't say“, sang Tracy Chapman einst. Aus heutiger Sicht klingt das fast wie eine Liebeserklärung.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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