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Glossar der Krise Die Gießkanne

21.08.2009 ·  Solange sie nur die Beete und Pflanzen gleichmäßig benetzt, ist die Gießkanne ein geachtetes Werkzeug. Sobald sie zur Metapher für die Verteilung von Finanzmitteln wird, hat sie allen Kredit verspielt.

Von Paul Ingendaay
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Einer der meistdiffamierten Gegenstände im öffentlich-rechtlichen Gerede über Subventionslücken ist die Gießkanne. Nicht die Gießkanne als solche, sondern das Gießkannenprinzip. Die Ungerechtigkeit ereignet sich beim Übergang vom konkreten Ding zur Metapher. Alle finden es schön, dass die Gießkanne gleichmäßig Wasser spendet und die Gartenerde trinken darf. Unbemerkt ist die Gießkanne sogar zum Dekorationselement für das gepflegte Wohnzimmer aufgestiegen, und längst gibt es neben dem grünen Plastikexemplar die Edelstahlausführung mit schwanenhalsartig geschwungener Tülle. Die Gießkanne als solche lebt unter uns geachtet und völlig undiskriminiert.

Das Gießkannenprinzip dagegen kommt ausschließlich im negativen Zusammenhang vor. Und zwar, weil in der übertragenen Bedeutung kein Wasser fließt, sondern Geld. Aha. Wasser darf gleichmäßig fallen, Wasser darf auf alles demokratisch hinuntergehen, notfalls auch versickern, denn davon gibt es genug. Nur Geld darf das nicht. Geld soll an die gehen, die es angeblich am dringendsten benötigen, vor allem an sie, nur an sie, und an andere bitte nicht. Geld darf keinen Unwürdigen benetzen. Geld nach dem Gießkannenprinzip auszugeben heißt Geld verschwenden! Auch in der Kommunalpolitik, in der Jugend- und Sozialpolitik, wo immer wir hinschauen, starrt uns die Fratze des Gießkannenprinzips an. Gleichmäßig von oben auf alle: Das geht nicht mehr. Die heutige Welt fordert Individualität, Einzelfallprüfung, Nachhaltigkeit. Selbst Versender von Spams und Massenmailings haben das Ende des Gießkannenprinzips ausgerufen.

Mut zur Gießkanne

Der spanischen Regierung allerdings hätte etwas mehr Gießkannenprinzip gutgetan. Im Eilverfahren hat die Zapatero-Mannschaft letzte Woche ein Gesetz durchgepeitscht, nach welchem sich jene, die seit zwei Jahren arbeitslos sind und keinerlei staatliche Unterstützung mehr bekommen, sechs Monate lang 421,79 Euro monatlich abholen können. Eine soziale Sofortmaßnahme. Ein Werbegeschenk. Leider nicht für alle. Die Arbeitsämter waren zum Bersten gefüllt, die Menschenschlangen zogen sich um die Häuser, da kam heraus, dass nur die Anspruch auf Zahlung haben, deren Arbeitslosengeld nach dem 1. August 2009 weggefallen ist.

Wer im vorhergehenden Zeitraum ins Nichts stürzte und schon seit Monaten nicht mehr schlafen kann – der hat Anrecht auf gar nichts. Es sei nicht mehr Geld da, heißt es aus der Regierung, die Bedingungen stünden doch im amtlichen Mitteilungsblatt. Pech, dass das amtliche Mitteilungsblatt nicht zur täglichen Lektüre von Arbeitslosen zählt. Mehr als 1,2 Millionen Spanier brauchten dringend Hilfe, doch nur 340.000 dürfen sich unter die Gießkanne stellen. Das vordere Teil übrigens, wo das Wasser herauskommt, nennt man Brausemundstück. Wenn man nicht will, dass die Gießkanne nach dem Gießkannenprinzip gießt, kann man einen Teil der Gusslöcher zukleben. Im spanischen Fall wären es etwa sieben Löcher von zehn.

Die bisherigen Folgen der Serie finden Sie im Internet auf unseren Seiten www.faz.net/krisenglossar.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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