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Veröffentlicht: 03.12.2014, 16:50 Uhr

Glenn Greenwald erzählt Und dann traf ich den Mann mit dem Zauberwürfel

Glenn Greenwald hätte Edward Snowden fast für einen Wichtigtuer gehalten - und die Welt nichts von der Massenüberwachung durch die NSA erfahren. Nun will er das Material freigeben. Wozu?

© Lüdecke, Matthias „Snowdens Archiv lässt mich nicht los. Wenn ich an etwas anderem arbeite, denke ich: Da gibt es noch etwas, von dem die Welt wissen sollte“, sagt Glenn Greenwald.

Die Geschichte der Snowden-Enthüllungen begann vor zwei Jahren wie ein verrückter Spionagethriller.

(lacht) Stimmt.

Sie arbeiteten für den „Guardian“, als Snowden Ihnen unter dem Namen Cincinnatus eine E-Mail schrieb, die Sie nicht ernst nahmen. Dann versuchte er monatelang, Ihnen Material zuzuspielen. Das scheiterte daran, dass Sie sich nicht mit Verschlüsselungs-Software auskannten.

Ja, es war wirklich verrückt. Mir wäre die Geschichte beinahe durch die Lappen gegangen.

Erst als Snowden mit der Dokumentarfilmerin Laura Poitras Kontakt aufgenommen hatte - sie kannte sich mit Verschlüsselung aus -, wurde Ihnen klar, was er zu bieten hatte, und Sie reisten nach Hongkong, um den Whistleblower zu treffen. Wie verlief die erste Begegnung?

Das war am 3. Juni 2013. Wir hatten vereinbart, uns an diesem Tag in einem Hotel zu treffen, um 10.20 Uhr, neben dem großen Plastikkrokodil. Snowdens Erkennungszeichen sollte ein Zauberwürfel sein. Und dann stand er da. Mir wurde regelrecht schwindlig, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich wusste ja nichts über ihn. Er war so - durchschnittlich. Und so jung, Ende zwanzig. Er sah aus wie eines dieser Computerkids, wie man sie an Colleges trifft. Ich hatte einen wesentlich älteren Mann erwartet, am Ende seiner Karriere.

Wie ging es weiter?

Wir befragten ihn in seinem Hotelzimmer, und mein Erstaunen wurde nur größer. Da war diese Diskrepanz zwischen diesem gewaltigen Datenmaterial - Zehntausende streng geheime NSA-Dokumente, die eine beispiellose staatliche Massenüberwachung belegten - und der beinahe übermenschlichen Ruhe, die Snowden ausstrahlte. Er setzte sein Leben aufs Spiel, er musste damit rechnen, für immer hinter Gittern zu landen. Aber da war kein Zögern, keine Panik, nichts. Er tat, was seiner Überzeugung entsprach. Das strahlte eine ungeheure Kraft aus, die sich auf uns übertrug.

Welche Enthüllung Snowdens hat Sie persönlich am meisten schockiert?

Das waren die Dokumente, in denen die NSA und der britische GCHQ ihr gemeinsames Ziel in den Satz gießen: „Collect it all!“ Seit 2005 war klar, dass die NSA Telefondaten von Amerikanern im großen Stil hortet, wir vermuteten, dass da viel mehr laufen musste, aber im Hinterkopf hat man ja immer: So schlimm wird es wohl nicht sein. Nach Snowden war klar, dass die NSA und Geheimdienste, die mit ihr zusammenarbeiten, das gesamte Internet überwachen wollen und speichern, was sie können. Das bedeutet: Sie wollen die Privatsphäre vernichten.

Mit dem Argument, so die Bürger besser vor Terroristen schützen zu können?

Ja, das war immer das Argument. Inzwischen wissen wir, dass Massenüberwachung als Instrument ungeeignet ist, um Terroristen zu fassen. Wer Milliarden Daten wahllos hortet, muss einen ungeheuren Aufwand betreiben, um zu finden, was er sucht. Tatsächlich geht es um wirtschaftliche Interessen und politische Macht.

Die Snowden-Enthüllungen sind der Watergate-Skandal unserer Tage. Warum hat er keine Regierung gestürzt?

Weil selbst Watergate heute keine Regierung mehr stürzen würde. Weil die Mächtigen immun geworden sind. Die Regierung hat Menschen foltern lassen, die Tycoone der Wall Street haben die Weltwirtschaft in den Abgrund getrieben, zur Verantwortung gezogen wurde niemand.

Was haben die Enthüllungen bewirkt?

Die amerikanische Regierung hat bisher keine Gesetze erlassen, die ihre Machtmittel beschränken. Warum sollte sie? Regierungen neigen zu symbolischen Gesten oder kleinen Schritten, die wie eine Reform aussehen, aber das System nicht antasten. Die wichtigen Veränderungen haben bei den großen Internetfirmen stattgefunden. Sie wissen jetzt, dass es ihr Geschäft bedroht, wenn die Menschen denken: Diese Firmen arbeiten mit dem Geheimdienst zusammen.

Die Dokumente über das Prism-Programm sagen genau das.

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