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Gläserner Patient : Der Computer ersetzt den Arzt

Goldenes Kalb im digitalen Ökosystem: Supercomputer Watson Bild: AP

Der Supercomputer Watson stellt die Medizin auf den Kopf. Er sammelt Daten und spuckt Diagnosen aus. Das soll den Patienten nützen. Doch haben wir noch die Wahl, wie wir behandelt werden?

          Mein Arzt ist ein intelligenter BMW. Auf den Gedanken kann man leicht kommen, wenn man Manuela Müller-Gerndt zuhört. Die junge, eloquente Frau war in dieser Woche auf die Cebit gekommen, um dem, was sie eine „disruptive Technologie“ nennt, zum Durchbruch zu verhelfen. Jeder in Hannover und weit darüber hinaus hat den Namen ihres Prachtstücks schon gehört: Watson, der Supercomputer, der von IBM entwickelt wurde und die gewieftesten Rätselspieler und die kreativsten Köche mit seiner kognitiven Computerarbeit übertrumpft hat, soll zum goldenen Kalb in einem gewaltigen digitalen „Ökosystem“ werden: Gesundheit und Wellness sind die Megaspielplätze der Zukunft. In nur vier Jahren haben sich laut McKinsey mehr als zweihundert Unternehmen etabliert und sind dem Verband Bitkom zufolge bis heute mindestens 70 000 Handy-Apps entwickelt worden, die nichts anderes im Sinn haben, als Informationen aus unseren Körpern zu sammeln und alle möglichen Vitaldaten abzusaugen und zu interpretieren. Müller-Gerndt, die zurzeit die Klinik- und Forschungslandschaft in Deutschland bereist, um Watson als trainingsfleißigen Arztratgeber zu vermarkten („Watson vergisst nie etwas“), bringt die Philosophie der Branche auf einen Nenner: „Mehr Wahrhaftigkeit in diagnostischen Entscheidungen.“

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Künstlich-intelligente Datenkraken wie Watson heißen auf Computermessen wie der Cebit „Decision-Support-Systeme“. Die Entscheidung, ob, wie, wann und im Zweifel wer einen kranken Menschen therapiert, liegen bald nicht mehr allein in der Hand des Arztes. Die Fähigkeit, so schnell so viele Daten zu verarbeiten wie solche Parallelrechner, ist keinem menschlichen Gehirn gegeben. Pure Empirie ist Trumpf. In der Schulmedizin sowieso. Was also, fragte Balazs Szathmary von Oracle, sollte die Patienten davon abhalten, ihre digitale Chance auf ein körperliches Optimum zu nutzen? „Der Patient wird unser Treiber sein“, meint der Oracle-Vermarkter. Oder der Zwang zu ökonomischer Effizienz. Obama-Care, die amerikanische Neuregelung des Gesundheitssektors, hat den staatlichen Kliniken unter dem Label „Value-based Healthcare Delivery“ ein Ultimatum für die Etablierung elektronischer Systeme gesetzt. Bessere Gesundheit, weniger Behandlungen, mehr Vorsorge, frühere Diagnosen, weniger Komplikationen, kurz: mehr medizinische Qualität - die Motive dafür sind immer dieselben, und die Werkzeuge dafür werden angepasst. Echtzeitdaten aus dem Körper werden immer wertvoller. Jeden Tag werden allein im amerikanischen Gesundheitssektor mittlerweile fünfzehn Petabyte Daten verarbeitet. Das ist eine Eins mit fünfzehn Nullen oder etwa achtmal so viele Daten, wie von Google Earth insgesamt gemanagt werden. Und mit jedem Projekt, das die Datensammlung weiter vernetzt, wachsen die Datenpools exponentiell: Die „Konvergenz“ der Sensoren füttert nach den Vorstellungen ihrer Erfinder eine medizinische Informationsbörse: Das Auto sammelt bald Daten über Herz- und Atemfrequenz, die Uhr ermittelt Schrittfrequenz und Bewegungsmuster, im Bad werden Zucker- und Blutwerte, unter der Matratze wird das Schlafverhalten erfasst.

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