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Gläserner Patient : Der Computer ersetzt den Arzt

Gefahr der toxischen Daten

An den Rechnerkapazitäten werden Projekte wie Watson oder das „Medical Knowledge Cockpit“, das vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam entwickelt und auf der Cebit vorgestellt wurde, nicht scheitern. Fünf bis zehn Jahre, das ist so der Zeitraum, den die Protagonisten für die Realisierung ihrer Visionen auf der Cebit kommunizierten. Und damit auch keine Zweifel aufkommen, dass dieser Fortschritt unerwünscht oder angesichts der virulenten Cybersicherheitsdebatte gar riskant sein könnte, hat man sich mit Umfragen rückversichert. Accenture, ein weiterer Fahrgast auf dem kommerziellen Gesundheitsdaten-Karussell, hat einen Acht-Länder-Vergleich vorgelegt: Mehr als neuntausend Patienten, fast viertausend Ärzte und hundertsechzig Gesundheitsexperten wurden befragt. Ergebnis: Mindestens zwei Drittel der Ärzte versprechen sich Vorteile von der digitalen Revolution, allerdings mit ganz unterschiedlichen nationalen Quoten und „Reifegraden der Vernetzung“, wie es Sebastian Krolop bezeichnete: Spanien und Singapur sind Vorreiter, Deutschland und Frankreich die „Schlusslichter“. Warum das so ist, macht das Schicksal der Gesundheitskarte mit der elektronischen Patientenakte anschaulich: Seit sieben Jahren bewegt sich das Vorhaben auf der Stufe von kleinen Pilotprojekten. Nirgends, das zeigt die Accenture-Studie unmissverständlich, sei der Widerstand so groß wie in Deutschland - und zwar auf professioneller Seite: siebzig Prozent der Patienten, aber nur zwölf Prozent der Ärzte wollen Zugang zu elektronischen Patientenakten mit den entsprechenden Daten. Oder nehmen wir die „Silver Surfer“, also die über 65 Jahre alten, internetaffinen Senioren. Zwei Drittel im Land wollen der Umfrage zufolge „ihre Gesundheit durch Digitalisierung und E-Health-Lösungen verstärkt selbst managen“, ein Viertel zeichnet angeblich schon heute die eigene Gesundheitshistorie auf, ein Drittel dokumentiert bereits regelmäßig Gesundheitswerte wie Gewicht und Blutdruck im eigenen Computer. Mit anderen Worten: Bereit für die Revolution?

Von wegen. Dem Wunschgedanken der Unternehmen „eine „Kultur des Einverständnisses“ zu schaffen und die „schleichende Durchdringung“ des Gesundheitsmarktes zu fördern, wie es der Telekom-Experte Timo Baumann auf der Cebit formulierte, steht ein Bollwerk von beachtlichen technologischen und regulatorischen Hürden gegenüber. „Kraut und Rüben“, so hat Sonja Zillner von Siemens die Erkenntnisse zusammengefasst, die sie in einer Auftragsstudie der Europäischen Kommission hinsichtlich der Datenstandards ermittelt hat. Mit anderen Worten: Gemessen wird, verstanden wird nichts. Mit bis zu siebzig Software-Applikationen wird so ein Krankenhaus heute betrieben, und jede Computeranwendung hat ihr eigenes Vokabular. Genominformationen, Laborwerte, Röntgenbilder, Verschreibungen - schon die medizinischen Basisdaten, soweit sie erfasst werden, lassen sich nicht ohne Weiteres zusammenführen und nach den annoncierten Effizienzkriterien sinnvoll nutzen. Kein Ökosystem, eher schon ein Flickenteppich von Systemen. Von Harmonisierung ist die Rede und von Datenverdichtung, von „toxischen Daten“ gar, die den Arzt eher verwirren, als eine Entscheidungshilfe sind. Trotzdem bleibt man dabei: „Galileos Programm muss weiterlaufen“, forderte Markus Löffler von der Universität Leipzig. Was messbar ist, muss gemessen und bezeichnet werden. Und was öffentlich gefördert wird, wie sein Leipziger „Health Atlas“, der durch die digitale Erfassung von Zehntausenden Patientenakten optimiert werden soll, müsse auch öffentlich verfügbar werden. Sollte es? Zumindest Metadaten, forderte Löffler in Hannover.

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