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Kim Gordons Autobiographie : Wie ideal es ist, Bassistin zu sein

  • -Aktualisiert am

Die Musikerin und Künstlerin Kim Gordon Bild: ddp Images

„Ich bin gern in einer schwachen Position und mache sie zu einer starken“, sagt Kim Gordon, Mitglied der legendären Band Sonic Youth. Jetzt hat sie ihr Leben aufgeschrieben.

          Im Jahr 2000 trat in den Vereinigten Staaten ein Gesetz in Kraft, das jedes Jahr „kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutsame“ Tonaufnahmen für die Nachwelt sichern helfen sollte. Die Auswahl von 2005 beinhaltete das erste transatlantische Telefongespräch von 1927, „Are you Experienced“ von Jimi Hendrix (1967) und das Doppelalbum „Daydream Nation“ von Sonic Youth (1988) – ein Album voller Noise und Dissonanz und dem Schrei-Gesang einer Frau namens Kim Gordon.

          Sonic Youth waren der rostige Schraubenzieher, mit dem der Gebrauchtwagen Rock’n’Roll in eine postmoderne Plastik umgebaut wurde, die bedeutendste New Yorker Band seit Velvet Underground. Wo aber Velvet Underground ein über die Jahre wunderbar mürbe gewordener Flor von Todessehnsucht, Drogenmissbrauch, Prostitution und SM-Chic umwehte, gab es über die Noise-Band Sonic Youth abseits ihrer Musik dreißig Jahre lang nichts Sensationelles zu berichten. Bis jetzt.

          In diesem Frühjahr hat Kim Gordon, die einzige Frau in der Band, ihre Biographie veröffentlicht, die nun auch auf Deutsch erscheint. In Amerika schlug sie ein wie eine Bombe, seit vier Wochen steht das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times. Sind das alles Sonic Youth-Fans, die wissen wollen, wie es genau war, als „Evol“ aufgenommen wurde und wie man 1991 mit Nirvana als Vorgruppe durch Europa getourt ist? Wohl kaum. Es geht darin um mehr als Musik.

          Wie man erwachsen wird

          Kim Gordon und Thurston Moore, schrieb Elissa Schapell auf Salon.com, haben einer ganzen Generation vorgemacht, wie man erwachsen wird. „Sie waren ineinander verliebt, haben geheiratet und Kunst gemacht. Sie waren cool und hardcore, gingen ihrer Kunst mit einer tiefen Ernsthaftigkeit nach, und sie haben sich weder verkauft, noch sind sie irgendwann weich geworden....“

          Und jetzt das! Schapell habe geweint, als sie von der Scheidung erfahren habe. „Was ist erschreckender als ein Paar, das – nach 30 Jahren in einer eigenen Band, nach 27 Jahren Ehe, nachdem sie 17 Jahre gemeinsam ein Kind großgezogen haben – beschließt, die Nase voll zu haben?“ Aber „warum sollten sie anders sein als wir?“

          „Gute Frage“, antwortet Gordon, die den Text in „Girl in a Band“ zitiert. „Wir waren es nicht.“ Ihre Autobiographie ist eine Entzauberung. Weil man Menschen, die der Inbegriff des Coolen und Informierten, durch diese Informiertheit aber nicht gehemmten Lebens waren, als nun ja, als ziemlich normale Menschen erlebt, und das möchte man dann doch so genau lieber nicht wissen. Die Lehren von Autobiografien sind ähnlich: das Privatleben ist bei allen Menschen gleich banal.

          Eine wichtige Erkenntnis von „Girl in a Band“ aber ist, dass ein Partner dem anderen auch nach 27 Jahren ein Rätsel bleiben kann. Kim Gordon weiß erstaunlich wenig über ihren Ehemann und Bandpartner Thurston Moore zu berichten. „Wenn ich heute an die ersten Tage und Monate unserer Beziehung zurückdenke, frage ich mich, ob man wirklich jemanden lieben oder von jemandem geliebt werden kann, der verbirgt wer er wirklich ist.“

          Kim Gordon bei einem Konzert von Sonic Youth

          Gordons Bild von Moore kollabiert aber erst, als sie seine Affäre mit der Kunstbuch-Lektorin Eva Prinz aufdeckt, die von Gordon immer nur „die Frau“ genannt wird. Über einem gemeinsamen Buchprojekt hat sich eine Romanze entwickelt. Es folgen Szenen, Treueschwüre, Rückfall, Auszug, Scheidung. Das übliche Drama. Gordons Verachtung für Prinz ist groß. Sie sieht in der deutlich jüngeren Frau nur einen Starfucker, findet sie banal. Eben keine richtige Künstlerin.

          Manche Rezensenten fanden das abstoßend – wie kann eine Legende sich so eine Blöße geben? Aber wer in dem Buch nur eine persönliche Enttäuschung verarbeitet sieht, verkennt worum es geht: um das Zerbrechen einer Illusion, die viel größer ist als die Ehe von Moore und Gordon. Es ist die Illusion, dass sich Liebe und Kunst dauerhaft miteinander verbinden lassen, dass eine Beziehung mehr sein könnte als ein Erholungsgebiet innerhalb einer Welt, in der es immer nur um das nächste Album geht, das nächste Buch, die nächste Ausstellung, die neue Kollektion.

          Im wilden Kalifornien

          Die Trennung ist der Anlass für „Girl in a Band“, aber sie ist zum Glück nicht der Inhalt. Mehr Raum nehmen Kindheit und Jugend ein. Man hört Gordon dabei sehr gerne zu. Sie kann schreiben, hat mit ihrer Familie keine Rechnung offen und sie kann sich offensichtlich auch gut an das erinnern, was sie vor Jahrzehnten erlebt hat.

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