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Gidon Kremer Grenzgeiger

27.02.2007 ·  Seinem Grenzgängertum zwischen den musikalischen Sphären verdankt der großartige Geiger seine stets existentiell beteiligte und geradezu überredende Kunst. An diesem Dienstag wird Gidon Kremer sechzig Jahre alt.

Von Julia Spinola
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Man solle sich vor den Bescheidwissern fürchten, besagt ein russisches Sprichwort, das der Geiger Gidon Kremer gerne zitiert. Er selbst hat es in seiner Laufbahn beherzigt, wie nicht viele Künstler seiner Generation. Seine Maxime lautet, in der Kunst das Abenteuer zu suchen, statt nach dem Erfolg zu schielen. Nur in der radikalen Vermeidung von Routinen, davon ist er überzeugt, könne es gelingen, sich der eigenen, unverwechselbaren Stimme stets aufs Neue zu versichern. Dass diese einem Künstler nicht geschenkt ist, um einen musikhistorischen Kanon mehr oder weniger brillant herunterzubeten, ist für Kremer eine Selbstverständlichkeit. Musik zu machen sei ein Glaubensbekenntnis, sagte er einmal in einem Interview: „Allein das Können reicht hier nicht.“

Kremers Credo der „Offenheit“ jedoch mit jener legeren Unverbindlichkeit zu assoziieren, die inzwischen hierzulande die Musikschulen wie -hochschulen regiert und hinter der sich meist nichts anderes verbirgt als ein eingefleischtes Ressentiment gegen künstlerische Spitzenleistungen, wäre ein fataler Irrtum. Ganz gleich, ob er gerade eine Partita von Johann Sebastian Bach, einen Tango von Astor Piazzolla oder ein Stück aus einer Filmmusik von Nino Rota spielt, stets misst sich Kremers künstlerischer Anspruch, so exzentrisch er mitunter auch anmuten kann, an den strengsten Kriterien. Dies teilt er mit allen Musikern, die das Erziehungssystem der ehemaligen Sowjetunion genossen und durchlitten haben.

Auftrittsverbot statt Ausbürgerung

Geboren wurde Kremer 1947 in Riga als Kind einer deutsch-schwedisch-lettisch-jüdischen Musikerfamilie. Den ersten Violinunterricht erhielt er mit vier Jahren von Vater und Großvater. An der Musikschule in Riga lernte er bei Voldemar Sturesteps, gewann mit sechzehn Jahren den ersten Preis der lettischen Republik und studierte ab 1965 acht Jahre lang am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei David Oistrach. 1967 gewann er den dritten Preis beim Brüsseler „Concours Reine Elisabeth“ und den zweiten Platz beim Internationalen Wettbewerb in Montreal, zwei Jahre später den Paganini-Wettbewerb in Genua. Die daraufhin erfolgenden Einladungen in den Westen aber wurden ihm von sowjetischer Seite nicht genehmigt.

Erst als Kremer 1970 auch Sieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs wurde, ließ man ihn für Auftritte nach Budapest und Wien reisen. 1975 debütierte er mit sensationellem Erfolg in Deutschland und begann eine internationale, von zahlreichen renommierten Preisen wie dem Frankfurter Musikpreis (1981), dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis (1982), dem Großen Bundesverdienstkreuz (1992) und dem Russischen Kulturpreis (2001) gesäumte Karriere. Bereits in den siebziger Jahren hatte sich Kremer als erster sowjetischer Künstler das Recht erstritten, im Westen zu leben, ohne ausgebürgert zu werden - gewährt wurde es ihm paradoxerweise um den Preis eines Auftrittsverbots in der Sowjetunion. Seither konzertiert Kremer in der ganzen Welt, hat eine Unmenge an Plattenaufnahmen eingespielt, zahlreiche Werke uraufgeführt, vergessene Stücke wiederbelebt.

Interpretationen wie zugespitzte Deutungen

Die Kammermusik ist ihm wichtig, nicht zuletzt auch um des künstlerischen Austausches mit Musikerkollegen wie Martha Argerich oder Oleg Maisenberg willen. Im burgenländischen Lockenhaus gründete er 1981 ein auch für Improvisationen und Experimente offenes Festival und rief pünktlich zu seinem fünfzigsten Geburtstag unter dem Namen Kremerata Baltica ein Streichorchester mit jungen Musikern aus den baltischen Staaten ins Leben.

Seinem Grenzgängertum zwischen den musikalischen Sphären verdankt Kremer eine stets existentiell beteiligte und geradezu überredende Geigenkunst, die fähig ist, selbst wenig inspirierten Werken zu einer erstaunlichen atmosphärischen Dichte zu verhelfen. Seine Interpretationen gleichen zugespitzten Deutungen, die um der Emphase und Überzeugungskraft willen auch Einseitigkeiten in Kauf nehmen mögen - dafür jedoch stets der mitreißende Ausdruck einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem Werk sind. An diesem Dienstag wird Gidon Kremer sechzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z., 27.02.2007, Nr. 49 / Seite 34
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Jahrgang 1962, Redakteurin im Feuilleton.

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