02.05.2008 · Nur wer schreiben kann, ist des Regierens würdig. Mit einem Scherz hat sich Nicolas Sarkozy über diese hartnäckige politische Überzeugung Frankreichs hinweggesetzt. Jetzt haben Ghostwriter anderer Politiker ausgepackt: Ein schwerer Schock für die Republik des Geistes.
Von Jürg AltweggNoch war Nicolas Sarkozy nicht Präsident, sondern Minister. Er hatte gerade eine Biographie von Georges Mandel veröffentlicht. Paul-Marie Coûteaux gratulierte ihm zu diesem Werk. „Haben Sie es wirklich gelesen?“, erwiderte der ehrgeizige Politiker und frotzelte: „Ich selbst habe nicht bis zum Ende durchgehalten.“
Dass Politiker ihre Bücher nicht selbst schreiben, überrascht nicht. Erstaunlich jedoch ist, dass solche Anekdoten jetzt veröffentlicht werden – in diesem Fall ist sie dem seriösen „Figaro littéraire“ entnommen. Denn sie rühren an das vielleicht hartnäckigste Tabu der französischen Politik: Nur wer schreiben kann, ist des Regierens würdig. Von de Gaulle und Mitterrand nahm man an, dass sie zumindest ihre Reden selbst schrieben. Von Sarkozy dagegen weiß jeder, dass in seiner Schreibstube Henri Guaino herrscht – er ist bekannt wie ein Minister und in der Öffentlichkeit omnipräsent.
Ein schwerer Schock für die Republik des Geistes
In diesem Frühjahr haben gleich drei „Neger“, wie man Ghostwriter in Frankreich nennt, Bücher über ihr freiwilliges Sklaventum veröffentlicht: „Roman nègre“, „Politiquement nègre“ und „Endlich nackt: Bekenntnis eines literarischen Negers“. Die Autoren sind erfolgreiche Schriftsteller wie Dan Franck und Catherine Siguret. Dutzende von Büchern haben sie „schwarz“ geschrieben, auch für Starfriseure, Fernsehgrößen und Fußballer. Dan Franck schreibt allerdings seit seinem Bestseller für Zinedine Zidane nur noch in eigenem Namen.
Bislang nannten Ghostwriter wie Callgirls nie die Namen ihrer Auftraggeber. Aber jetzt wird der Schleier gelüftet. Giscard d’Estaing habe nur seinen unsäglichen eigenen Roman selbst verbrochen, wird gespottet. Jack Lang und andere Minister haben ihre Bücher schreiben lassen – was eigentlich beruhigend ist, weil die „Autoren“ ja auch genug anderes zu tun hatten. Gleichwohl sind diese Enthüllungen für die Republik des Geistes ein schwerer Schock. Im Gegensatz zu den Politikern gibt es immerhin unter den Ghostwritern keine Wendehälse. Linke Neger, rechte Neger: Man kann in der Unterwelt der Politik nicht für beide Lager arbeiten. Aber manchmal kommen die Neger schließlich an die Macht.
Christine Albanel hat als graue Maus Chiracs beste Reden geschrieben – jetzt ist sie Kulturministerin. Das Gleiche tat auch der Poet Georges Pompidou für Charles de Gaulle, bevor er selbst Staatspräsident wurde.