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Gewalt in London Die Nacht der mutigen Köche

09.08.2011 ·  Randalierer, Plünderer, übermütige Gewalttäter: Die Londoner Polizei zeigt sich machtlos und verunsichert und lässt die Bürger in ihren Wohnvierteln mit der Gewalt allein. Ein Erlebnisbericht.

Von Gina Thomas
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Wie bei einem Waldbrand, wenn die Glut die Tannenzapfen explodieren lässt und die brennenden Samen das Feuer verstreuen, sind in London seit vergangenem Wochenende die Funken von einem Brandherd zum nächsten übergesprungen – von Tottenham im Norden bis nach Croydon im Süden, von Hackney im Osten nach Ealing im Westen und über die Ringautobahn bis nach Birmingham, Nottingham, Leeds und wo immer sonst sich Nachahmungstäter mobilisieren ließen. Das westliche Viertel Notting Hill findet in den Medienberichten kaum Erwähnung. Anders als in Croydon, wo das Fernsehen sich stundenlang auf eine von lodernden Flammen verschlungene Häuserzeile fixierte, waren keine Kameras zugegen, um die Delinquenten aufzunehmen, die gegen zehn Uhr abends wie ein Heuschreckenschwarm über einige Straßen hergefallen waren.

Als ich wenig später vom Theater zurückkehrte, waren sie bereits zu neuen Abenteuern weitergezogen, eine Spur der Verwüstung hinter sich lassend. Fahrradfahrer flitzten noch aufgeregt durch die Straßen, um das Terrain für ihre Kumpanen zu sondieren, die in kleinen Gruppen durch die Straßen liefen und über ihre Mobiltelefone auf Anweisung warteten. Rauchschwaden vernebelten die Luft. In der Ledbury Road, einer von Boutiquen gesäumten Straße des Viertels, hatten soeben Jugendliche mit Macheten und andere Waffen die verriegelte Tür des Michelin-besternten „Ledbury“-Restaurants eingeschlagen. Der Oberkellner erzählte uns, wie er die Gäste in die Mitte des Saales gelotst hatte, um sie vor fliegenden Glasscherben zu schützen und ihnen riet, sich auf den Fußboden zu legen. Als die fünfzehn bis zwanzig vermummten und größtenteils in Kapuzensweatshirts gehüllten Plünderer brüllend hineinstürmten, zwangen sie die Gesellschaft, deren Wertgegenstände auszuhändigen. Die erschrockenen Gäste mussten die Hände ausbreiten. Uhren und Ringe wurden ihnen abgestreift. Einer Frau, die noch schnell versuchte, ihren Ehering zu verstecken, kamen die Räuber zuvor. Dem Oberkellner wurde das Mobiltelefon aus der Tasche gezogen. Von unten aus der Küche eilte das Personal mit gewetzten Messern, Nudelhölzern und anderen Werkzeugen herbei und vertrieb die Bande. Sie machte sich mit der Kasse und dem Computer davon. Innerhalb von zwei Minuten sei alles vorbei gewesen, berichtete der Oberkellner unmittelbar danach.

Wüstes Durcheinander in der Portobello Road

Der Gestank brennenden Unrats hing in der Luft. Vor dem Restaurant lagen die geschmolzenen Reste einer Mülltonne, welche die Randalierer angezündet hatten. Einen Straßenblock entfernt fegten die sichtlich erschrockenen Mitarbeiter eines anderen Lokals, dessen sämtliche Fenster eingeschlagen worden waren, die Scherben auf. Die Straßen waren mit zerbrochenen Flaschen und aufgerissenen Müllsäcken übersät, aus denen sich die „Hoodies“ Munition besorgt hatten. An einer Ecke lag der verkohlte Rahmen eines Motorrades, das eine halbe Stunde zuvor noch lichterloh gebrannt hatte.

In der Portobello Road, direkt um die Ecke des Hauses, in dem sich Julia Roberts und Hugh Grant in dem Film „Notting Hill“ vor der Pressemeute verschanzt hatten, war es den Unruhestiftern bei ihrem Raubzug auch gelungen, in ein Schuhgeschäft einzubrechen. Vor dem offenen Eingang lagen die aus den Regalen gezerrten und teilweise geleerten Schachteln in wüstem Durcheinander. Die Handvoll Bereitschaftspolizisten, die fünfzehn Meter weiter weg postiert waren, standen herum und schienen sich nicht darum zu kümmern, ob Passanten zugriffen oder nicht. Noch am Dienstagmorgen ließ sich eine Spur bei der Flucht abgeworfener Kartondeckel durch die umliegenden Straßen verfolgen. In der Nacht waren in der Ferne Blaulichter und heulende Sirenen auszumachen, aber in Notting Hill machte sich die Polizei eher durch Abwesenheit bemerkbar. Hier und da ein zögernder Streifenwagen, so erklingt dieselbe Klage refrainartig auch aus anderen Stadtteilen. Die zur Zeit wegen der Rücktritte im Zusammenhang mit dem Murdoch-Skandal unter interimistischer Führung stehende Polizei war nicht nur hoffnungslos überfordert, sie wirkte auch zutiefst verunsichert.

Misstrauen gegenüber der Polizei

Das durch eigene Fehltritte und Angst vor linksliberaler Kritik angeschlagene Selbstvertrauen dürfte freilich nicht der geringste Grund sein für die Unverfrorenheit, mit der die Randalierer die Ordnungskräfte jetzt herausfordern. Einige der Plünderer versuchten gar nicht erst, das Gesicht zu verbergen. Im Internet zeigte sich einer sogar stolz mit seiner Beute. Es ist als seien die Randalierer, die sich über Twitter, Facebook und den Blackberry-Messenger zusammentrommeln, überzeugt, dass man sie nicht fassen könne. Oder die Jugendlichen, die teilweise in der dritten Generation arbeitslos sind, glauben, dass sie nichts zu verlieren haben.

Die Verwirrung um die Erschießung eines mancherorts zum Märtyrer stilisierten, anderswo als Gangster dargestellten Mannes durch die Polizei am vergangenen Donnerstag, die als zündender Punkt für die Unruhen ausgemacht wird, ist bezeichnend für die Mischung aus Zaghaftigkeit und Inkompetenz, die vielerorts Misstrauen gegenüber der Polizei gesät hat. Kritiker der Regierung, darunter der süffisante Ken Livingstone, der sogleich die Chance ergriff, seine abermalige Kandidatur für das Londoner Bürgermeisteramt zu stärken, wollen die Ursachen der Gewaltausbrüche in den Sparmaßnahmen sehen und in dem Affekt der Nichthabenden gegen die Maßlosigkeit der mit dem Sammelbegriff Banker gefassten Habenden, so wie die Unruhen der achtziger Jahre als Protest gegen die Thatcher-Politik gedeutet wurden.

Mischung aus Übermut und Verachtung

Aus der plötzlichen Aufwallung willkürlicher Gewalt spricht jedoch weit mehr als aufgestauter Zorn. Die von Opportunisten lustvoll inszenierte Kriminalität zeugt von einem völligen Zusammenbruch des Respekts für die Polizei. Vor zwei Jahren machte nach einem Protest bereits ein Video die Runden, auf dem zu sehen war, wie die Bereitschaftspolizei mitten im Londoner Edelviertel St James’ in die Flucht geschlagen wurde, während einzelne Stimmen ihr höhnisch hinterherriefen: „Ihr Feiglinge, wie wollt Ihr die Menge in Griff kriegen.“ Dieselbe Mischung aus Übermut und Verachtung macht sich jetzt auf den innerstädtischen Straßen bemerkbar. In den achtziger Jahren waren die gewaltsamen Ausschreitungen auf die benachteiligten Viertel beschränken. Jetzt greifen sie auf breite Teile der Städte über. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat das klassische Kinderlied, „London’s Burning“, über den großen Brand von 1666 keine derart aktuelle Resonanz gefunden.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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