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Gewalt in der Schullektüre Reclams Lümmel

23.01.2010 ·  Nichts als Mord und Totschlag, was deutschen Schülern zur Lektüre aufgegeben wird. Der Reclam Verlag weiß den Horror zu entschärfen, schreckt aber vor dem letzten Schritt zurück.

Von Richard Kämmerlings
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Ein Deutschabitur ist kein Zuckerschlecken. Hier rollen die Köpfe gleich reihenweise, so dass als übergeordnetes Lernziel festzuhalten wäre: Das Leben ist eher ein Schlachthaus als ein Ponyhof, und für das Leben, nicht für die Schule lernen wir ja bekanntlich. Büchners Danton – Rübe ab. Fausts Gretchen – wegen Mord ihres unehelichen Kindes zum Schafott verurteilt. Michael Kohlhaas kommt aufs Rad, Josef K. wird am Ende „wie ein Hund“ erstochen, Gregor Samsa stirbt in einem eklatanten Fall von domestic violence an unterlassener Hilfeleistung. Amalia in Schillers „Räubern“ will exklusiv von ihrem geliebten Karl getötet werden, was der dann auch tut; Effi Briest geht an gebrochenem Herzen zugrunde, ihr früherer Liebhaber allerdings zuvor an einer Kugel im Duell.

Und dann die diversen Selbstmörder: Nathanael in E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ stürzt sich im Wahnsinn vom Kirchturm; Georg aus Kafkas „Urteil“ springt auf dringenden Wunsch des Vaters in den Fluss; Schnitzlers Fräulein Else nimmt eine Überdosis Schlafmittel (bei Redaktionsschluss war noch nicht geklärt, ob sie durchkommt). Wie können wir unsere Jugendlichen vor solchen Gewaltexzessen schützen, die man heutzutage in jeder Buchhandlung einfach aus dem Regal herunterziehen und für ein paar Euro mit nach Hause nehmen kann?

Angst vor dem letzten Konsequenz

Rat weiß der Reclam-Verlag, dessen preiswerte Bücher schon viele Schülergenerationen erfreuten. Sein neues Programm verheißt „Rettungs-Tüten“ für das Abitur, die zu jedem der obengenannten Killer-Bücher „zum Sonderpreis“ und in praktischer Folienverpackung auch noch einen „Lektüreschlüssel“ sowie „Erläuterungen und Dokumente“ bieten. Darin werden die fatalen Ereignisse nach gängiger Interpretenart motivgeschichtlich entschärft und allegorisch aufgehoben, so dass am Ende nichts als jugendgerechte Psychoanalyse und Tragödientheorie ohne Altersbeschränkung übrig bleiben.

Zwei Dinge aber irritieren: Da wäre einmal das immerhin für die Zielgruppe Deutsch-LK entworfene Motto „Safer Abi“. Und dazu die grafische Gestaltung des „Dreier-Packs“ mit einem grünen, gelben und blauen Ring, die ebenfalls an Anti-Aids-Kampagnen erinnert. Kondome schützen offenbar nicht nur vor Sturm und Drang, sondern auch vor zu viel Realismus. Vielleicht denkt Reclam an die Praxis von Dantes Leseratten Francesca und Paolo, die irgendwann die Bücher Bücher sein ließen: „An jenem Tage lasen wir nicht weiter“? Doch schreckte die pfiffige Marketingabteilung vor der letzten Konsequenz zurück. Warum nicht gleich den Büchern Kondome – vulgo Lümmeltüten – beilegen? Das mit Gretchen und Faust wäre dann immerhin nicht passiert.

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