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Veröffentlicht: 11.01.2012, 17:40 Uhr

Gewagte Satire Lokale Bräuche

Um sich anzupassen trug Königin Beatrix kürzlich beim Besuch einer Moschee ein Kopftuch. Was würde sie in Papua-Neuguinea tragen, fragen sich Satiriker.

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Als die niederländische Königin Beatrix vor ein paar Tagen eine Moschee in Abu Dhabi besuchte, trug sie zum obligatorisch imposanten Hut ein schmuckes Kopftuch, das ihre obligatorisch getrimmte Haartracht verbarg. Der orientalische Auftritt des Staatsoberhauptes kam im Vaterland bei der Regierungspartei PVV nicht gut an. Die Gruppierung des Rechtspopulisten Geert Wilders ließ offiziell anfragen, ob diese Anpassung an islamische Gebräuche nicht eine Anbiederung an frauenfeindliche Tendenzen bedeute.

Dutch Royals Visit © dpa Vergrößern Das trägt man dort so: Königin Beatrix in Abu Dhabi

Oder hatte man der armen Königin das Kopftuch gar aufgezwungen? Bekanntlich sehen Wilders und die Seinen im Islam eine sexistische und diktatorische Macht, weshalb der ganze Staatsbesuch im derzeit sommerlich sonnigen Arabien manchen Untertanen im verregneten Holland nicht passt. Schließlich pflegt Wilders islamische Kopftücher gewöhnlich als „Wischlappen“ zu schmähen. Immerhin fand die Regierung eine Erklärung für die Wickelmode der Monarchin: Sie habe sich damit nur an „lokale Bräuche angepasst“. Das pflege sie überall so zu tun.

So darf man mit seinem Staatsoberhaupt nicht umspringen!

Es dauerte nur kurze Zeit, und eine Fernsehsatire trieb die Anpassungsbereitschaft von Beatrix auf die Spitze. Zur besten Sendezeit war die Königin bei einem Staatsbesuch in Papua-Neuguinea zu sehen. Fotomontagen zeigten eine füllige Beatrix splitternackt im Kreise unbekleideter Einwohnerinnen. Auch Kronzprinz Willem Alexander wurde nicht verschont und mit einem Penisköcher unter Papuas fidelen Dorfmachos abgebildet. Die lakonische Begründung: Anpassung an lokale Bräuche. Die gewagte Satire brachte die Anhänger des Hauses Oranien auf die Palme. Es hagelte Proteste; Websites von Zeitungen nahmen die Satire komplett aus dem Programm; auch Youtube zensierte das Filmchen, obwohl die Neugier riesengroß war.

Zahlreiche Kommentatoren fanden die Satire freilich amüsant. Doch dürfen sich Millionen von Menschen über das Staatsoberhaupt einfach so lustig machen? Man stelle sich das nur einmal in Deutschland vor: Bettina Wulff nackt bis aufs Tattoo unter wilden Ureinwohnern irgendwo im Dschungel. Oder ihr Gemahl, der in Anpassung an lokale Bräuche mit den Scheichs über Zinssätze fürs Eigenheim oder preiswerte Pauschalreisen herumfeilscht wie im Basar. Nicht auszudenken. Alles, auch Satire hat eine Grenze. Wenn nicht in Holland, so wenigstens noch bei uns.

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