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Gespräche im Hospiz : Lebensberichte der Todgeweihten

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Hospiz des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes Lazarus in Berlin: Wie leben Menschen, wenn sie den Tod vor Augen sehen? Bild: dapd

Was bewegt Menschen, die wissen, dass ihnen nur noch wenig Zeit verbleibt? Christiane zu Salm führte Gespräche mit Todkranken. Das Ergebnis ist ein ehrliches Buch über den Umgang mit dem Sterben.

          Wir wissen, wie große Philosophen, Dichter und Denker starben. Sie haben der Nachwelt oft detailliert hinterlassen, was sie empfanden, was sie bewegte in ihren letzten Stunden. Aber was denkt die Verkäuferin im Supermarkt, was der Kfz-Mechaniker, was die Gemeindemitarbeiterin von nebenan? Wie betrachten ganz gewöhnliche Menschen ihr Leben, wenn sie im Sterben liegen? Sind es Antworten auf die großen Fragen des Lebens, die sie eventuell gefunden haben und hinterlassen könnten? Oder sind es Banalitäten? Aber wer entscheidet eigentlich, was banal ist und was nicht? Was ist wichtig, ganz am Ende? Ist es möglicherweise das Gleiche, das immer schon wichtig war – oder etwas ganz anderes? Und woran erinnert sich jemand – dann, wenn es zu Ende ist, das Leben?

          Mit diesen Fragen im Kopf begann ich, Gespräche mit Sterbenden und Menschen an ihrem Lebensende zu führen und sie zu fragen, welcher Mensch sie eigentlich gewesen sind. Bei ihnen zu Hause, in Pflegeheimen und in Hospizen habe ich fast hundert verschiedenen Nachrufen und Lebensrückblicken zugehört, die meine Gesprächspartner auf sich selbst gegeben haben. In großen Städten wie Berlin, Hamburg und München und in den kleinsten Dörfern. Auch in den Vereinigten Staaten habe ich sterbende Menschen nach ihrem persönlichen Resümee gefragt.

          Anfängliche Skepsis

          In einem Hospiz verbringen Menschen die letzte Zeit ihres Lebens, manchmal sind es nur ein paar Tage. Dann ist es für ein Rückblickgespräch zu spät. Viele verbringen mehrere Wochen im Hospiz, in Ausnahmefällen sind es sogar Monate. Die meisten sind sich darüber bewusst, dass sie dort sterben werden. Es gibt aber auch Menschen, die das verdrängen und die Situation eher so wahrnehmen, als seien sie in einem Pflegeheim oder einer Rehabilitationsklinik. Jedenfalls ist die gesamte Betreuung dort mit viel Respekt und Würde darauf ausgerichtet, den Menschen jeden Wunsch an ihrem Lebensende zu erfüllen.

          Meine anfänglichen Bedenken, dass sich nur sehr wenige zu einem Gespräch über ihr abgelaufenes Leben bereit erklären würden, erübrigten sich schnell. Dass sich überhaupt jemand dafür interessierte, wie sie ihr Leben am Ende selbst sahen – das hat die meisten der Patienten erfreut, die ich während der letzten Jahre als Sterbebegleiterin besucht habe. Manche wollten ihren eigenen Rückblick nicht aufzeichnen lassen, aus Sorge, zu ehrlich zu sein und dann ihre Hinterbliebenen zu sehr zu belasten. Einige, die zunächst skeptisch waren, wurden von den Lebensrückblicken anderer überzeugt.

          Ehrlich und offen

          Alle Menschen, mit denen ich ein Gespräch führte, haben ihren Text vor der Veröffentlichung autorisiert. Manchmal fragte ich mehrmals nach, ob sie die Dinge wirklich so direkt und unmittelbar stehen lassen wollten: Es gab fast niemand, der auch nur ein Wort geändert oder abgemildert wissen wollte.

          Nichts ist also geschönt an dieser hier vorgestellten kleinen Auswahl ganz persönlicher Lebensbeurteilungen. Jeder hat seine eigene Sprache, seine eigene Dramaturgie, seine eigenen Schwerpunkte. Nur die Namen wurden auf Wunsch der Sterbenden geändert. Manche wollten ihre Krankheit nicht genannt wissen, dann habe ich sie weggelassen. Sonst habe ich nichts geändert.

          Christiane zu Salm

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