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Gespräch mit Richard Millet Was Breivik uns sagen wollte

 ·  Richard Millets „Loblied auf Breivik“ löste in Frankreich einen Skandal aus. Der Autor verlor seinen einflussreichen Posten als Lektor bei Gallimard. Ein Treffen in Paris.

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© Reitzaum/Le Figaro Magazine/laif Richard Millet beeindruckt „die formale Perfektion“ der Tat von Anders Breivik, meint sein „Loblied“ auf ihn aber ironisch

Sie schreiben, Frankreich sei „in der Literatur nur noch eine Bananenrepublik“. Was verdrießt Sie so sehr?

Der Verfall der Sprache und ihrer Struktur, das Fehlen jeglichen Stils, die Kulturlosigkeit der Autoren...Außerdem bekümmert mich die Funktionsweise der kleinen literarischen Welt in Paris, ihre Konzentration in wenigen Arrondissements. Natürlich gibt es in der Literatur unserer Zeit auch Ausnahmen. Aber es werden immer weniger, wie ich mit Bedauern feststellen muss.

An wen denken Sie da?

An Thomas Bernhard. An die Essays von Roberto Calasso und Claudio Magris. Vor allem an W.G. Sebald. Seine Sprache ist bemerkenswert, die Musikalität seiner Sätze erstaunlich. Sebald beobachtet das Tragische in der Geschichte. Er passt in keine literarische Schublade und mischt Erzählung, geschichtliche Darstellung und Roman. Er hat es der Literatur ermöglicht, sich zu erneuern. Im Unterschied zu Houellebecq, der als symptomatisch für unsere Zeit gelten kann und dessen Sprache nicht durchgearbeitet ist. Und mehr noch Umberto Eco: Seine vereinfachte Version von „Der Name der Rose“ ist reine Demagogie.

Es handelt sich also nicht um ein rein französisches Phänomen, das Sie da beschreiben ...

Nein, das ist ein europäisches Phänomen, das aber in besonderem Maße Frankreich betrifft.

Aus welchen Gründen?

Aus historischen Gründen. Frankreich hat sich trotz de Gaulles und Malraux’ Taschenspielertricks niemals von der Niederlage 1940 erholt, es hat Vichy und die Entkolonisierung niemals verarbeitet. Anders als die Angelsachsen, die ihre Vergangenheit leichter akzeptieren und besser mit ihren Niederlagen umgehen, hat Frankreich ein Problem mit seiner Geschichte. Hinzu kommt noch der übermäßig aufgeblasene Achtundsechziger-Mythos, dieser gewaltige Betrug, der hinter der Fassade des Situationismus und des Surrealismus die Verbrechen des Maoismus und des Stalinismus versteckt. (Millet richtet sich auf.) Die Achtundsechziger haben das französische Bildungssystem zerstört und jeglicher Form von Autorität und Hierarchie die Glaubwürdigkeit genommen.

Aber das ist lange her ...

Das Erbe ist die politische Korrektheit. Deswegen darf man in Frankreich über gewisse Dinge nicht reden. Wenn Sie mit dem Zug in Rotterdam ankommen, sehen Sie als Erstes eine riesige Moschee. In meinen Augen untergräbt diese Moschee das typisch Holländische. Sie springt mich an. Muss ich diese Tatsache in meine Schilderung aufnehmen, oder muss ich mit Schweigen darüber hinweggehen? Wenn ich darüber rede, ziehe ich mir den Zorn der politisch Korrekten zu. Lasse ich sie weg, übe ich Selbstzensur.

In Ihren Augen sind die vielen Moscheen in unseren Städten ein Zeichen für den Niedergang Europas. Sie erwecken den Eindruck, die Morde Breiviks seien eine Reaktion auf diesen Niedergang. Haben Sie deshalb das „Loblied auf Anders Breivik“ geschrieben?

Zunächst einmal und damit das ganz klar ist, möchte ich sagen, dass ich Breiviks Reaktion für monströs halte. Daran möchte ich keinen Zweifel lassen. Der Titel des Essays hat Empörung ausgelöst. Ich dachte, die Leute würden verstehen, dass er ironisch gemeint ist.

Wirklich? Das war doch vorhersehbar.

Hätte ich ihn vielleicht „Literarischer Essay über Anders Breivik“ nennen sollen? Das wäre ein mittelmäßiger Titel. Trotzdem gehöre ich heute nach Ansicht vieler Menschen in Frankreich zu derselben Art von Leuten wie er.

Sie haben immerhin geschrieben: „Breivik ist zweifellos das, was Norwegen verdiente und was unsere Gesellschaften erwartet, die sich unablässig blind stellen, um sich besser selbst verleugnen zu können.“

Ich denke, die europäischen Länder, die sich blind gegen die Folgen der Ideologie des Multikulturalismus stellen, werden Breiviks hervorbringen, wie Frankreich einen Mohammed Merah hervorgebracht hat.

In Ihren Augen haben Breivik und Merah denselben Kampf geführt?

Ihre Argumente sind jedenfalls teilweise deckungsgleich. Sie symbolisieren den versteckten Bürgerkrieg, der in Europa stattfindet.

Was hat sie gedrängt, Ihr „Loblied“ zu schreiben?

Zunächst einmal die formale Perfektion der Breivikschen Tat.

Letztlich sind Sie ein wenig wie Jean Genet, der vor den schwarzen Uniformen der SS in Verzückung geriet.

Ganz und gar nicht. Bei Genet gab es eine homosexuelle Dimension. Ich bin davon keineswegs fasziniert. Sodann, wenn ich fortfahren darf, war es die Art, wie man mit Breiviks Morden in Frankreich umging, die mich aufgebracht hat, vor allem ein Artikel im „Nouvel Observateur“. Dort versuchte der Journalist die Ursachen der Breivikschen Tat unter Rekurs auf Knut Hamsun und die Edda zu erklären. Er behauptete letztlich, die Literatur sei für Breivik verantwortlich. Übrigens kam ihm nicht die Frage in den Sinn, was Breivik denn zeige. Dabei wirft sein Tun gewaltige Fragen auf.

Hinsichtlich des Multikulturalismus?

Ja, sobald er zur Ideologie wird. In Frankreich ist das Thema, wie gesagt, tabu. Vor allem spricht man nicht über die Zahlen. Ich behaupte, eine massive Einwanderung kann nicht ohne Folgen bleiben. Ich lehne solch eine massive Einwanderung ab, und ich lehne es ab, dass man nicht darüber reden darf und dass man Beleidigungen über sich ergehen lassen muss, wenn man es dennoch tut.

Sind Sie Nationalist?

Ich besitze ein schmerzvolles, exzessives Bewusstsein dessen, was Frankreich einmal war. Aber heute steht Frankreich ganz ohne Vision da, es verlischt. Wir geben es auf, seine Sitten, sein Erbe, und unsere Sprache verfällt, aber wir glauben immer noch, ganz oben zu stehen.

Und in Ihren Augen ist daran die Einwanderung schuld?

Viele Immigranten haben mehr Würde als französische oder europäische Dummköpfe. Und die Asiaten oder Pakistaner haben den Willen, sich auf Frankreich einzulassen. Das gilt jedoch nicht für die Immigranten aus dem Maghreb. Sie führen einen hasserfüllten postkolonialen Diskurs, der sich gegen Frankreich richtet.

Sie arbeiten mit Pauschalisierungen.

Ich bin ein Anhänger der Assimilation. Ich meine, Ausländer müssen vergessen, woher sie kommen. Aber in Frankreich ist das unmöglich, weil das Land darauf verzichtet hat, es selbst zu sein. Weshalb sollte man sich assimilieren, wenn die einheimische Bevölkerung es ablehnt, sich mit sich selbst zu identifizieren?

Könnten Sie sich vorstellen, Frankreich zu verlassen?

Ja. Daran denke ich wirklich. Zusammen mit Großbritannien ist Frankreich das vulgärste Land Europas.

Das Gespräch führte Olivier Guez.

Aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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