30.05.2008 · Der israelische Autor David Grossman hat sich immer wieder für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Im Interview äußert er sich über Kritik an Israel, Gespräche mit der Hamas und Deutschlands Rolle im Nahost-Konflikt.
Der israelische Autor David Grossman, 54, war lange Nachrichtenredakteur bei „Radio Israel“ und wurde mit seinen Reportagen „Der gelbe Wind“ bekannt, bevor er begann, Romane zu schreiben. Immer wieder hat er sich für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern eingesetzt. Im Hanser-Verlag sind gerade seine Essays „Die Kraft zur Korrektur“ über Politik und Literatur erschienen. Grossmans zweitältester Sohn Uri wurde im August 2006 durch eine Rakete der Hizbullah im Libanon getötet. Als er zur Armee ging, hatte sein Vater begonnen, einen Roman über eine Frau zu schreiben, deren Sohn Soldat ist und die befürchtet, er könne sterben. Die Realität holte Grossman ein. Dennoch hat er seinen Roman zu Ende geschrieben. Er ist vor sechs Wochen in Israel erschienen.
Herr Grossman, als vor zehn Tagen die Feierlichkeiten zu „60 Jahren Israel“ stattfanden, waren auch kritische Stimmen zu hören: „Kein Grund zu feiern!“, stand in einer Anzeige, die Intellektuelle aus aller Welt in der „International Herald Tribune“ geschaltet hatten: sechzig Jahre Israel zu feiern, hieß es, sei wie ein Tanz auf den Gräbern der Palästinenser. Wie sehen Sie das?
Ich habe die Anzeige nicht gelesen, hätte sie aber auch nicht unterschrieben. Ich nehme Israel wie mit einer bifokalen Brille wahr und bin mir der Gründe, die gegen eine Feier sprechen, genau bewusst: Ich sehe die Brutalität der Besetzung. Ich sehe, wie wir, ökonomisch und militärisch, immer machtbesessener werden. Ich sehe, wie wir die besetzten Gebiete in ein riesiges Gefängnis verwandeln. Gleichzeitig aber betrachte ich Israel als ein säkulares Wunder, wirklich! Was wäre mit uns geschehen, wenn wir diesen Staat nicht hätten?
Halten Sie die Proteste gegen die Feierlichkeiten für gefährlich?
Sie werden gerne missbraucht, um Antisemitismus zu schüren. Allerdings ist die Kritik an Israel in vieler Hinsicht legitim und berechtigt. Ich sehe nicht, dass hier auf palästinensischen Gräbern getanzt wird, und beneide manchmal die Leute, die so selbstgewiss die Guten und die Bösen ausmachen können. Das Ganze hier ist ja kein Fußballspiel, bei dem man sich eine Mannschaft aussuchen kann. Beide Mannschaften sind sehr erbärmlich.
Welche Rolle spielt Deutschland in diesem Spiel?
Ich wünschte, Deutschland würde sich sehr viel mehr einmischen. Ich kenne Ihren Außenminister Frank-Walter Steinmeier gut, wir haben uns oft getroffen. Als mein Sohn Uri vor zwei Jahren im Krieg fiel, schrieb er mir einen zwei Seiten langen Brief, was mich berührt hat. Ich schätze seine Analyse der politischen Situation im Nahen Osten und seine Bemühungen. Aber das ist nicht genug. Nach den Ausgleichszahlungen - wie nennen Sie das noch mal?
Wiedergutmachung.
Genau. Ich mag dieses Wort nicht, es erscheint mir lächerlich. Nach diesen Zahlungen aber, nach der ganzen ökonomischen Unterstützung, könnte Deutschland jetzt in eine zweite Phase des freundschaftlichen Beistands eintreten: Deutschland muss alles tun, um Israelis und Palästinenser zusammenzubringen. Ich weiß, dass man in Deutschland aufgrund der Schoa meint, keinen zu großen Druck auf Israel ausüben zu dürfen. Vielleicht ist es aber gegen unsere eigenen Interessen, dass wir nicht genug unter Druck gesetzt werden. Ein Freund Israels muss auch ein Freund der Interessen Israels sein.
Was meinen Sie? Soll sich Deutschland auf beiden Seiten mehr einmischen, womöglich offiziell Kontakt mit der Hamas aufnehmen?
Die Hamas ist eine Organisation, mit der man nicht einfach verhandelt. Es ist eine hermetische fundamentalistische Organisation, deren Interesse es ist, Israel zu vernichten. Dennoch glaube ich, dass wir keine andere Wahl haben, als mit der Hamas Gespräche aufzunehmen. Andernfalls gibt es wieder Krieg, und weder wir noch die Palästinenser können sich einen weiteren Krieg leisten. Wir werden irgendwann miteinander reden müssen, um wenigstens einen Waffenstillstand zu erreichen.
Sie sind in Israel als Regierungskritiker bekannt und haben Ministerpräsident Ehud Olmert oft scharf angegriffen. Hatte das irgendeine Wirkung?
Wissen Sie, Israels Intellektuelle sind angeblich bekannt für ihren politischen Einfluss. Wenn wir aber tatsächlich Einfluss hätten, wären wir nicht in der elenden Situation, in der wir uns befinden. Vielleicht ist die Einflussnahme ein langer Prozess: Als ich in den achtziger Jahren meine Reportagen „Der gelbe Wind“ veröffentlichte, in denen es auch um das Elend der Palästinenser ging, wurde ich von Politikern noch als Verräter beschimpft. Inzwischen ist es so, dass, wenn Olmert eine Rede hält, es vorkommt, dass er Passagen aus meinen oder aus Büchern anderer Schriftsteller zitiert. Zwanzig Jahre später sehen auch viele Politiker die Dinge anders.
In einem Ihrer Essays erwähnen Sie, dass vor einigen Jahren Hunderte Israelis die polnische Botschaft in Tel Aviv belagerten, um die polnische Staatsbürgerschaft und damit einen zusätzlichen EU-Pass zu bekommen. Als Sohn eines vor dem Holocaust geflohenen polnischen Juden hätten auch Sie Anrecht auf einen solchen Pass. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt?
Natürlich könnten meine Kinder mit einem solchen Pass ohne Probleme an europäischen Universitäten studieren. Aber die Vorstellung, dass ich die Polen um einen Pass bitte, erscheint mir grotesk und absurd. Wir können in Israel auf Dauer auch nicht an der Option doppelter Identitäten festhalten. Wir müssen begreifen, dass dieses Land unser Ort ist. Die Mentalität, als Jude immer noch einen anderen Ort zu haben, alle Sachen zu packen und zu gehen, weil man sich nirgendwo in der Welt zu Hause fühlt, hat viel Kreativität und Originalität hervorgebracht, die wichtig ist. Ich aber will genau hier leben. Ich will nicht in einem Hotel leben, sondern zu Hause.
Sie haben Israel als ein Haus beschrieben, dessen Wände sich ununterbrochen bewegen, verrücken, immer wieder eingerannt werden.
Richtig. Ich will wissen, wo ich bin und wo die anderen beginnen. Aus diesem Grund bin ich auch für eine Grenze zwischen uns und den Palästinensern. Nicht für eine Mauer. Eine Mauer ist eine Katastrophe und bringt nur immer neue Mauern hervor. Ich bin für eine klare Grenzlinie mit Zäunen, die uns voreinander schützen. In diesen Zäunen muss es so viele Tore wie möglich geben, so dass in Zukunft zwischen beiden Völkern immer mehr Kommunikation und Handel stattfinden kann.
Auch innerhalb Israels gibt es Feindseligkeiten: zwischen säkularen und orthodoxen Juden, zwischen Neueinwanderern und Alteingesessenen, jüdischen und arabischen Israelis. Sobald die äußere Bedrohung genommen ist, befürchten manche, könnte es innerhalb des Landes zu einem Bürgerkrieg kommen. Wie sehen Sie das?
Es gibt in unserer Gesellschaft Dynamiken, die einen Bruderkrieg befürchten lassen, was mir Sorgen macht. Das Attentat auf Jitzhak Rabin ist das beste Beispiel dafür. Wenn der äußere Konflikt gelöst ist, müssen wir zu uns selbst zurückkommen. Solange der Konflikt mit den Palästinensern aber anhält, besteht die Gefahr, dass die religiösen, fundamentalistischen Kräfte in beiden Völkern immer stärker werden. Wir haben nur noch wenig Zeit, ich denke, drei bis fünf Jahre. Wenn in diesem Zeitraum keine Lösung gefunden wird, habe ich aufrichtig Angst um die Zukunft aller Seiten.
Gerade haben Sie in Israel Ihren neuen Roman veröffentlicht: „Die Frau, die der Nachricht entkommt“. Sie haben ihn zu schreiben begonnen, als Ihr Sohn Uri zur Armee ging. Er hat Ihnen viel von dem berichtet, was er erlebte.
Ich habe, von politischen Essays abgesehen, in der Literatur lange versucht, die Unheilzonen auszuklammern. Ich wollte über Dinge schreiben, die nicht weniger wichtig waren: über Eifersucht, obdachlose Kinder in Jerusalem, über ein Paar, das sich eine private Liebessprache erfindet. Vor fünf Jahren, als Uri vor der Einberufung zum Wehrdienst stand, konnte ich so nicht mehr weitermachen. Und ich begann diesen Roman, der schildert, wie die äußere Gewalt in das zarte, verletzliche Gewebe einer Familie eingreift und es zerreißt.
Ihr Sohn starb im Krieg. Sie wussten lange nicht, ob Sie diesen Roman zu Ende schreiben könnten.
Es geht in diesem Buch um eine Frau, die mit ihrem Sohn das Ende seines Militärdienstes feiern will. Dann wird eine militärische Operation anberaumt, und der Sohn verpflichtet sich freiwillig. Die Mutter hat eine Vorahnung, dass er sterben wird. Sie weiß, dass die Überbringer der Nachricht seines Todes kommen werden, beschließt aber, einfach nicht da zu sein. Sie glaubt, ihren Sohn auf diese Weise schützen zu können, begibt sich auf eine Wanderung durch Galiläa, wo sie durch Zufall eine Jugendliebe wiedertrifft. Diesem Mann erzählt sie von ihrem Sohn, sein ganzes Leben, bis ins kleinste Detail, und versucht ihn so am Leben zu halten.
Wie schaffen Sie es nur, sich den optimistischen Grundton zu bewahren, der, den Ereignissen zum Trotz, in allem, was Sie schreiben, präsent ist?
Ich kann mir den Luxus der Verzweiflung nicht leisten. Es wäre so leicht zu verzweifeln, und natürlich gibt es die Versuchung, zu sagen: „Zur Hölle mit allem!“ Aber ich bin nicht gewillt, an ein dunkles Schicksal zu glauben. Die Schicksalsgläubigkeit beleidigt mich, ich rebelliere gegen sie. Ich halte an der Überzeugung fest, dass wir die Wahl haben. Sie können das optimistisch nennen. Es ist ein sehr verzweifelter Optimismus.