09.09.2008 · Wer in Italien ins Museum möchte, muss sich laut Sicherheitsvorschrift einer Gesichtskontrolle unterziehen. Das führte bei einer Burka tragenden Besucherin zu ungeahnten Schwierigkeiten. Die Museumsbehörde richtet jetzt Burka-Abwurfstellen ein.
Von Dirk SchümerDarf eine Frau mit Burka ins Museum? Das sollte man wohl zuerst einmal den fragen, der in streng muslimischen Familien über das Kulturprogramm zu entscheiden hat, also den Ehemann. Damit fangen für den laizistischen Staat die Probleme erst an. Hat sich nämlich eine muslimische Frau einmal entschließen dürfen, eine Eintrittskarte gekauft zu bekommen, muss das Aufsichtspersonal ganz genau im Dienstreglement nachblättern.
So geschah es vorige Woche im schönen Museum Cà Rezzonico am Canal Grande zu Venedig, wo sich eine Dame im schwarzen Niqab – der lässt im Unterschied zur volldichten, nur mit einem Gitter versehenen Burka sogar einen winzigen Augenschlitz offen – die Malereien Tiepolos und Guardis mal aus der Nähe anschauen wollte. Genau dies verlangte der Aufseher dann im Gegenzug auch von der Besucherin: Schleier weg, Gesichtskontrolle. Das züchtige Ehepaar – denn natürlich reiste die Dame nicht unbeaufsichtigt, sondern hatte ihren leichter bekleideten Gatten dabei – musste erzürnt von dannen ziehen.
Improvisierte Burka-Abwurfstellen
Nachdem manch linker Lokalpolitiker sofort den Rauswurf des unsensiblen Aufsehers gefordert, der rechte Innenminister den Mann jedoch ausdrücklich als Verteidiger abendländischer Werte belobigt hatte, musste die venezianische Museumsbehörde den Fall ein für alle Mal klären. Schon länger gilt: Wer in Italien ins Museum will, darf dies nicht mit verhülltem Gesicht, es sei denn, „schwerwiegende persönliche Gründe“ lägen vor – etwa eine Verstümmelung. Weil ein toleranter Rechtsstaat aber auch die islamische Religion als etwas ähnlich Schwerwiegendes betrachtet, hätte im Prinzip auch die Besucherin der Cà Rezzonico hineingedurft. Allerdings war der Aufseher berechtigt, ja verpflichtet, ihr vorher ins Gesicht zu sehen. Denn nur so ließe sich – im Falle einer Beschädigung von Kunstwerken beispielsweise – die Identität einer Übeltäterin nachverfolgen.
Auch können Kustoden nur so vorbeugen, dass Besucher mit üblen Absichten sich hinterm Schleier ins Museum schleichen. Schließlich könnte jeder listige Dieb einen kleinen Tizian oder ein minusküles Porträt von Robert Campin bequem unter einer Burka verstecken. Damit nun aber auch fundamentalmuslimische Kunstfreundinnen nicht auf Kunstgenüsse verzichten müssen, hat das Personal aller venezianischen Museen verborgene Winkel und Abstellkammern zu improvisierten Burka-Abwurfstellen umfunktioniert. Dort im Kabäuschen, fern von den begehrlichen Blicken jedes Latin lovers, können weibliche Museumsbedienstete fortan hinter den Schleier blicken und jeder Identifizierten im schwarzen Ausgehkittel den Weg zur abendländischen Kunst freigeben. Mag ja sein, dass es was hilft.