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Gesichtserkennung Ethikfreie Zone

02.01.2012 ·  Die Gesichtserkennung im Netz wird nun nicht mehr heimlich aufgedrängt, sondern höflich angeboten. Harmlos macht sie das nicht. Zweite Folge unserer Kolumne „Silikon Demokratie“.

Von Evgeny Morozov
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Ist Google also endlich erwachsen geworden? Der aufmerksame Umgang mit dem Feature Gesichtserkennung legt diese Vermutung nahe. Erinnern wir uns an den Proteststurm, der Facebook im Juni nach Einführung dieser Funktion entgegenschlug. Google ist geschickter vorgegangen. Vor einigen Wochen präsentierte man auf dem sozialen Netzwerk Google+ ein Feature, mit dem Freunde auf hochgeladenen Fotos automatisch identifiziert werden - und kaum jemand hat es bemerkt.

Die Unterschiedlichkeit der Reaktionen ist leicht zu erklären. Facebook aktivierte das Feature für alle Nutzer, ohne sie zu fragen, während es bei Google optional angeboten wird. Auch bei Facebook erwärmt man sich offenbar für diesen höflicheren Ansatz. Die jüngste Einigung mit der Federal Trade Commission besagt, dass bei allen künftigen Änderungen der Einstellungen, die die Privatsphäre tangieren, der Nutzer sein Einverständnis geben muss.

Der höfliche Weg

Das Web scheint sich von der „Opt-out“- Mentalität des arroganten Besserwissers („Wir wissen, dass euch dieses Feature gefallen wird, darum haben wir es standardmäßig aktiviert“) zu entfernen und der „Opt-in“-Mentalität des verbindlichen Diplomaten den Vorzug zu geben („Schaut mal, wir haben hier ein neues Feature, würde euch das interessieren?“). Wie Facebook mit seiner Politik des „reibungslosen Teilens“ demonstriert, ist es eine Sache, uns per Voreinstellung zu zwingen, Aspekte unserer Privatsphäre preiszugeben - etwas ganz anderes ist es, uns davon zu überzeugen, dass das schon okay (und sehr cool) ist. Das eine ist ein Übergriff, das andere ist lobenswert.

Allerdings hat dieser Triumph des „Opt-in“ noch andere Seiten. Zwar wird bei einem solchen Vorgehen kein Zwang ausgeübt, doch die jeweilige Technologie - hier die automatische Gesichtserkennung - erscheint dadurch normal und akzeptabel. Das aber wird kein Unternehmen zugeben. „Die Entscheidung liegt einzig und allein beim Nutzer.“ „Es geht nur darum, dem Nutzer mehr Macht zu geben.“ „Wir zwingen niemanden - die Leute brauchen ja nicht mitzumachen.“ Dieses leere Gerede von der „Stärkung des Nutzers“ ist seit Jahrzehnten in Silicon Valley zu hören. Dem liegt die naive Ansicht zugrunde, Technologien seien bloß praktische Werkzeuge. Wenn Nutzer zu Tool X greifen, um Aufgabe Y zu erledigen, gehe es also nur um die Frage, ob Aufgabe Y sinnvoll ist. Dass die allgemeine Akzeptanz von Tool X auch die unerwartete Auswirkung Z zur Folge haben kann, interessiert die Nützlichkeitspropagandisten nicht, und wenn, tun sie das als unkalkulierbar ab.

Wer sich nicht einklinkt, schließt sich aus

Diese Denkweise übersieht aber, dass Technologien, abgesehen von ihren unmittelbaren Funktionen, auch einen ökologischen Fußabdruck hinterlassen, insofern sie Umwelt, Ideologien, Nutzer, Machtverhältnisse und sogar andere Technologien beeinflussen können. Das Auto etwa mag eine effiziente Methode sein, um von A nach B zu kommen, aber man sollte nicht nur diesen einen Aspekt im Blick haben und dabei ignorieren, welchen Einfluss die Automobilkultur auf die Lebensqualität der Städter, auf Umweltverschmutzung oder Sterblichkeitsraten hat. Ausschließlich die unmittelbaren Nutzungsmöglichkeiten eines Produkts zu betrachten - ob optional oder nicht -, halte ich für einen unzureichenden Umgang mit dem Problem Auto.

Ebenso irrig ist die Annahme, eine Technologie sei unproblematisch, da sie ja deaktiviert werden könne. Warum schließt man die Möglichkeit aus, die kollektive Annahme dieser Technologie könnte, wenn nur genügend viele Leute sie nutzen, die sozialen Beziehungen dramatisch verändern und die Nichtnutzung zu einer unerwünschten, mitunter unmöglichen Option machen? Schauen wir uns die öffentlichen Räume in Kalifornien an: Sobald genügend viele Menschen für die Nutzung des Autos optiert hatten, änderte sich etwas (in der Infrastruktur und in den sozialen Normen), so dass Kalifornien weithin unbewohnbar wurde, wenn man kein Auto besaß. Das Auto bringt uns noch immer von A nach B, aber wäre unsere Lebensqualität nicht viel besser, wenn wir seine Technologie differenzierter sähen und Nebenwirkungen einkalkulierten?

Vermeintlich harmlos

Zurück zum Thema automatische Gesichtserkennung. Wir wissen, dass diese Technologie leicht missbraucht werden kann: Eine Suchmaschine, die anhand von fotografierten Gesichtern Namen generiert, wäre in Diktaturen ein willkommenes Instrument zur Niederschlagung von Protestbewegungen. Wir wissen auch, dass Gesichtserkennung bereits in vielen Lebensbereichen praktiziert wird. Sie ist eine beliebte Methode, unsere Smartphones und Laptops vor unberechtigtem Zugang zu schützen. Sie wird bei vielen Computerspielen eingesetzt, um ein personalisiertes Spielerlebnis anzubieten. Clubs ermitteln auf diese Weise die Zahl der anwesenden weiblichen und männlichen Gäste. Und so weiter.

Solche vermeintlich harmlosen Anwendungsbereiche führen zu einer neuen Generation von Start-ups, die neue Nutzungsmöglichkeiten ersinnen - nicht durchweg harmlos, von Kritikern aber oft schon vorausgesehen. Wenn die Öffentlichkeit aufwacht, ist die Technologie bereits so weit verankert in unserer Kultur, dass man nichts mehr tun kann.

In gewissem Sinn haben wir es mit einem Prozess zu tun, der gefährlicher ist als der bekannte „Schmetterlingseffekt“ (der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann in Texas einen Tornado auslösen). Nennen wir ihn den „Palo Alto-Effekt“. Ein sorgloser Nutzer in Palo Alto, der Googles Gesichtserkennung aktiviert, stärkt letztlich einen Diktator in Damaskus. Warum „gefährlicher“? Weil der Nutzer in Palo Alto, anders als der Schmetterling, zwei Schritte weiterdenken kann, das aber meist unterlässt.

Für einen „ethischen Konsum“

Was also tun? Wir können die ethische Last gleichmäßig auf die Internetnutzer verteilen und sie sensibilisieren für die (auch nur indirekten) Folgen ihrer Entscheidung. Es gibt viele Präzedenzfälle. Wachsende Besorgnis über ökonomische Ungleichheit, Klimawandel und Kinderarbeit hat zu Initiativen geführt, die für „ethischen Konsum“ eintreten - der Verbraucher soll sich über die ethischen Auswirkungen seines Kaufverhaltens klarwerden.

Könnten wir unser Verhalten im Internet nicht an ähnlichen Vorstellungen orientieren? Was würde „ethisches Surfen“ oder „ethisches Verhalten in sozialen Netzwerken“ bedeuten? Keine Seiten zu nutzen, die Gesichtserkennungstechnologie verwenden? Keine Geschäfte mit Internetunternehmen zu machen, die mit der Nationalen Sicherheitsbehörde kooperieren? Um diese Entscheidungen kämen wir nicht umhin, wenn wir nicht wollen, dass das Internet eine ethikfreie Zone wird. Gedankenloser Umgang mit Technologie passt ebenso wenig zu einem aufgeklärten Bürger wie gedankenloser Konsum.

Eine unheimliche Technologie

Aber auch die Internetfirmen sollten wir nicht so leicht davonkommen lassen. Natürlich sind Google und Facebook keine räuberischen Konzerne, die arme Bauern oder kleine Kinder ausbeuten. Sie entwickeln keine Überwachungsinstrumente, die von Diktatoren eingesetzt werden können. Aber sie schaffen die technische und ideologische Infrastruktur, in der solche Instrumente wie selbstverständlich daherkommen. Das ist noch kein Grund für staatliche Regulierung - doch es bereitet den Boden für Bürgerinitiativen, Boykott und, wenn das alles nicht nützt, für zivilen Ungehorsam.

Internetfirmen wissen sehr wohl, dass sie Verantwortung tragen. Google-Chef Eric Schmidt bezeichnete die Gesichtserkennungstechnologie als „unheimlich“ und gab seiner Besorgnis Ausdruck. Trotzdem hat Google diese Funktion eingeführt, wenngleich mit dem „Opt-in“-Vorbehalt. Auf diese Weise will man sich vor dem Vorwurf unethischen Verhaltens schützen - schließlich liegt die Entscheidung allein beim Nutzer! Würden wir uns aber von Mineralölkonzernen sagen lassen, dass umweltbewusste Menschen keinen Humvee fahren müssten? Wohl kaum. Das ethische Versäumnis der Technologieunternehmen liegt darin, dass sie so tun, als wüssten sie nicht, wie dieser traurige Film ausgeht.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: F.A.Z.
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