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Gesellschaftstheorie Die Sorge hat keine Adresse mehr

19.08.2009 ·  In der Krise reagiert der Mittelstand ohne Panik. Seit er sich daran gewöhnt hat, Familie, Schule und Beruf durch Netzwerke zu ersetzen, ist er resistent gegen Empörung. Eine Gesellschaft, die das Vertrauen in Institutionen verloren hat, sucht ihre Sicherheit in ständiger Kontrolle und Zertifizierung.

Von Tilman Allert
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Paradigmenwechsel sind Zeiten beschworener Gewissheit. Als der Soziologe Theodor Geiger 1932 in seinem Porträt der deutschen Gesellschaft das Lebensgefühl der Krisenzeit in die Formel „Panik im Mittelstand“ zusammenfasste, hat er die Wetterwolken einer Verheißungserwartung, die längst aufgezogen waren, scharfsinnig gedeutet. Von vergleichbaren Stimmungslagen ist heute nirgends etwas zu sehen, die bedrohten „kleinen Materialismen“ (Geiger) der Schichten und Milieus vereinen sich nicht zu populistischer Sündenbocksuche, und die Eliten halten, wenn auch murrend, den Versuchungen des Rette-sich-wer-kann stand. Keine Panik wäre demnach die alles in allem beruhigende Diagnose: Lakonie ist die Weisheit der Stunde.

Dass der Belastungstest für die Institutionen so verblüffend nüchtern ausfällt, hat mit Weichenstellungen zu tun, an die wir uns schon gewöhnt haben. Familie, Schule, Universität und Nation als die grundlegenden Filter der Realitätswahrnehmung scheinen für vorbildliche Resistenz gegen Panik zu sorgen. In der Gesellschaft der Moderne begründen sie Zugehörigkeiten mit eigenen Geltungsansprüchen an die Person. Sie beziehen sich auf Gemeinschaftsbildungen, die durch Dauer der Bindung, Handlungsanforderung sowie Zielsetzung scharf voneinander unterschieden sind, dabei jeweils Anerkennung spenden.

Elternlose Gesellschaft

Der Befund: Die Institutionen der Gemeinschaftsstiftung sind geschwächt. Das beginnt mit der Familie. Mit der Präsenzzumutung, die der Arbeitsplatz in der Wissensgesellschaft einfordert, geht ein Ende der Kindheit einher. Nicht etwa die relative Unsichtbarkeit eines permanent beschäftigten Vaters, vielmehr die Undurchsichtigkeit der Elternschaft bestimmt den kindlichen Bildungsprozess. Alexander Mitscherlichs Formel für die Situation einer durchgängigen Expertisierung der Sozialisation müsste heute die „Elternlose Gesellschaft“ lauten. Und in dem Maße, in dem die Eltern sozialisatorisch verschwinden, setzt deren schlechtes Gewissen Kindergärtnerinnen und Lehrer unter Druck, die Folgen des Rückzugs zu kompensieren. Es sind die Eltern, die Schul-Kollegien mit der Forderung nach strengsten Leistungskontrollen und permanenter Fortbildung überziehen, ignorant gegenüber dem Eigenrecht des pädagogischen Raums.

Die Familie ist nicht länger eine Gegenwelt gegen das Rationalitätsprinzip des Wirtschaftslebens, vielmehr ist sie zu einem Vorbereitungsmodell avanciert. Keimzelle des Staates - eine Formel aus vergangenen Zeiten. Heute allenfalls Verabredungszentrale. Nicht mehr Widerständigkeit und Sperrigkeit über die Identifikation mit einer Sache, nicht mehr Trost und Muße als atmosphärische Rahmung der moralischen Reifung, die selbstsuggestive Zauberformel von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf diktiert den praktischen Vollzug des Familienlebens. Kinder, die sich unter dem vorübergehenden Einfluss ihrer Eltern auf Adressensuche begeben, werden mit ADHS-Syndrom in der medizinischen Praxis behandelt. Sie spiegeln in ihrer Hektik die Logik des alltäglichen Verschwindens der Erwachsenen, so dass das Land der wilden Kerle, die Gute-Nacht-Geschichte von dem Kind, das sich aus Trotz auf eine Phantasiereise begibt, zum wahren Kinderparadies wird. Auf die wilden Kerle ist Verlass, sie haben keine Termine.

Wandel ohne Adresse

Dabei ist im Binnenraum der Familie eine Entwicklung angekommen, die die auf Erziehung, Sorge, Pflege und Heilung spezialisierten Institutionen hinter sich haben. Patienten, Mandanten, selbst Studenten sind aus den verbliebenen ständischen Resten zugestandener Abhängigkeiten gewechselt in den neutralen Status des Kunden, der eine Leistung einkauft. Zuspruch und Trost, Heilung und Bildung sind zu Bedürftigkeiten des Marktteilnehmers geworden. Nun ist es für Berufe mit einem treuhänderischen Auftrag selbstverständlich, unternehmerisch kalkulieren zu müssen - eine Orientierung, die jedoch stets im Hintergrund blieb.

Der Nerv der bürgerlichen Institutionenordnung wird getroffen, wenn der Latenzschutz (Niklas Luhmann) aufgegeben wird zugunsten einer organisierten Fiktion von Effizienz, die durch Zertifikate und Evaluationen versprochen wird. Dabei ist schwer auszumachen, wo die Dominanz ökonomischer und bürokratischer Rationalität ihren Anfang genommen hat - der Wandel hat keine Adresse, kein Ministerium oder gar eine Partei, er stellt sich als Folge eher dar denn als Strategie. Im Ergebnis bedeutet er die Disqualifikation von Kernsegmenten der Dienstleistungsberufe.

Temporäre Bindungen

Ein Grund hierfür liegt sicherlich in dem gefeierten Abschied vom zentraleuropäischen paternalistischen Fürsorgestaat. Wird die Alterssicherung rigoros privatisiert, erzwingt dies die Doppelverdienerehe als Lebensform. Damit hängt auch die Bildungsexpansion zusammen, die Ausdruck und Medium einer Angst vor Statusverlust geworden ist. Sie hat auch diejenigen erfasst, die ihre Kinder längst in Privatschulen untergebracht haben und deshalb dem Zustand des öffentlichen Bildungswesens keine Aufmerksamkeit mehr schenken.

Zum Bild verschwimmender Kausalitäten gehört, dass die Vertrauenserosion nicht öffentlich thematisiert wird. Längst sind Zugehörigkeiten mit neuen Kriterien der Verpflichtung und Selbstverpflichtung an diese Stelle getreten, und zwar in dem Maße, in dem berufliche Flexibilität zum Gebot der Stunde erkoren wird. Sie lässt paradoxerweise die Bereitschaft zur Selbstbindung sinken. Wenn die Motivation zur Arbeit nicht mehr auf der Gewissheit einer disziplinären Herkunft fußt, treten Netzwerke mit hohen und zugleich situativen Engagements an diese Stelle. Sie lassen das Gefühl entstehen, wenigstens kurzfristig über eine Adresse zu verfügen.

Wichtiger jedoch ist, dass Netzwerke Zugehörigkeiten bieten jenseits der als zu schwerfällig wahrgenommenen Organisationen und Verbände. Sie entwickeln keine milieuhafte Verbindlichkeit mehr, ihre soziale Integrationskraft bleibt gering. Ist das Netzwerk zur Organisationsform der Gegenwart avanciert, die überlieferte Loyalitäten zur professionellen community, etwa der Universität, in der man gelernt hat, zerbröseln lässt, so wird die peer group ihre typische Sozialgestalt und das „Projekt“ glanzvoller Ausdruck vorübergehender Bedeutsamkeit.

Ständige Beweispflicht

Wenn Institutionen auf den Schutz ihrer Mitglieder verzichten und diese umgekehrt ihr Vertrauen abziehen, dann ersetzt Zertifizierung die tradierte Vertrauensbildung und disziplinär ausgewiesene Loyalität. Zertifizierung gilt einem Personal, das zu kontrollieren gerade in dem Maße naheliegt, in dem es seinen Arbeitsplatz als nur vorübergehenden Auftritt begreifen darf. Somit entsteht ein Zirkel von institutionalisiertem Misstrauen und bürokratisiertem Effizienzbeweis. Das Ergebnis ist eine Demotivierung des erlernten beruflichen Selbstverständnisses.

Papierberge, Zielvereinbarungen genannt, Qualitätskontrollberichte und das Dokumentationswesen überziehen diejenigen Berufe, in deren Zentrum einmal die geschützte Vertrauensbeziehung gegenüber Klienten, Patienten, Mandanten stand. Sie lassen den Anteil des Dienstes, der Sorge und Anteilnahme, der als Versprechen dem Beruf zugrunde liegt, auf ein Minimum schrumpfen. Für Hebammen wird das Schreiben des Geburtsprotokolls wichtiger als die Begleitung der Gebärenden, Hochschullehrer zerbrechen sich stundenlang den Kopf über das workload einer dreißigseitigen Fontane-Lektüre, Lehrer grübeln über Punktesysteme, mit denen sie ihr Leistungsportfolio dokumentieren sollen.

Gemeinschaftsbildung durch Zertifizierung

Das Ranking, das den selbstsuggestiven Erfolgsfiktionen von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten, Realitätsstatus verliehen hat, setzt seinen Siegeszug fort. Es lebt mittlerweile von eigenen Berufen und Organisationen, ausdrücklichen Befürwortern, die mit Tempodruck und Dauerkontrolle eigene Versorgungsinteressen verfolgen. Wenigstens dort also neue Jobs. Ihnen zur Seite treten Muntermacher, die den schleppenden Loyalitäten mit Mätzchen und Motivationsprogrammen entgegenarbeiten. Bundesweit, war jüngst zu lesen, zitiert eine Großbank ihre Mitarbeiter ins Kino: Ethik-Stunde als Unterhaltungsfilm. Zertifizierung und Animation sind zwei Seiten derselben Medaille, beides Triebkräfte einer institutionenlässig gewordenen Gesellschaft, die sich nun die Augen reibt und Vertrauen vermisst.

Wir haben die Verwandlung des ständischen Eigensinns von Institutionen in die fließende Netzwerkmitgliedschaft der globalisierten Welt erlebt. Dass für die Menschen von derartigen Zugehörigkeiten kein tragendes Solidaritätsversprechen mehr ausgeht, mag entlastend sein und die Anpassungsfähigkeit der Sozialordnung erhöhen. Nur wurde der Zuwachs an Flexibilität mit einem weiteren ungedeckten Wechsel bezahlt. Gemeinschaftsbildung durch Zertifizierung unterstellt Misstrauen als Prämisse, belohnt situative Ergebenheit und schwächt die Autonomie. So erlebt sich die Nationalgemeinschaft eigentümlich empörungsfrei, auch die Sorge bleibt ohne Adresse. Es sieht nicht danach aus, dass im Wahlkampf mehr Strittigkeit einzöge.

Tilman Allert lehrt Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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