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Gesellschafts-Utopie Siedler, zieht hinaus aufs freie Meer

 ·  Liegt unsere Zukunft auf den Ozeanen? Der Utopist Patri Friedman will schwimmende Staaten gründen, die keinen nationalen Gesetzen unterliegen und Horte der Innovation sind. In weniger als hundert Jahren soll einer davon eine Weltmacht sein.

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Es gibt heutzutage schon mehr wirtschaftswissenschaftliche Theorien als Quastenflosser in den Meeren, und die amerikanische Familie Friedman trägt dafür eine Mitverantwortung. Der Nobelpreisträger Milton Friedman hinterließ der Volkswirtschaftslehre viele kritische Werke über den Wohlfahrtsstaat und die Geldpolitik. Sein Sohn David verfasste große Phantasien eines totalen Kapitalismus. Patri Friedman, Davids dreiundreißigjähriger Sohn, will die Welt nun nicht mehr erklären, sondern verschiffen. Er möchte aussiedeln, mit vielen anderen, auf schwimmende Inselstaaten hinaus in die Freiheit der Meere.

Um das zu begründen und es in einem realistischen Licht erscheinen zu lassen, schrieb er dann doch erst mal ein Buch. Es heißt „Seasteading: A Practical Guide To Homesteading The High Seas“, ist noch nicht ganz fertig, umfasst dreihundertdreißig Seiten und ist schon auf seiner Website zu lesen. Das Buch enthält bereits einen vagen Zeitplan für die kommenden hundert Jahre: In zwei Jahren soll ein erster Mensch hinaus aufs Meer ziehen, in fünf Jahren schon hundertfünfzig, in zwanzig Jahren eine ganze Kleinstadt, in hundert eine halbe Milliarde Menschen. Das ist ernst gemeint.

Unser Problem sind die hohen Eintrittsbarrieren

Schwimmende, autonome Inselstaaten will Patri Friedman etablieren, die in hoheitsfreien Gewässern umhertreiben und keinem nationalen Gesetz unterliegen sollen. Seit acht Jahren schreibt er dafür an seinem Drehbuch, im vergangenen Jahr schritt er zur Tat und gründete im kalifornischen Palo Alto das sogenannte „Seasteading Institute“, als dessen Präsident er nun tätig ist. Im Jahr 2084, teilt das Institut mit, werde mindestens eine Seesiedlung zur „Weltmacht“ emporgestiegen sein.

Das Motiv dieser Siedlungsutopie ist nicht nur die Großmacht-Sandkastenphantasie eines kalifornischen Wohlstandkinds, sondern vor allem das große Friedman-Thema: Freiheit. Patri Friedman ist ein Libertärer, ein Anarcho-Kapitalist. Libertäre sind prinzipiell nicht der Meinung, der Staat sei für „Chancengleichheit“ verantwortlich. Ihnen graut es beim Gedanken an Umverteilung und an Verbote wie die von Drogen, Glücksspiel, Prostitution. Manche wollen alle Staatsaufgaben privatisieren. Friedman will es nicht einsehen, dass der Staat bestimmt, was mit einem Großteil seines Einkommens geschieht. Er wollte aus den Vereinigten Staaten auswandern, fand aber kein besseres Land. Staaten, die große Steuerfreiheit böten, könnten keine wirtschaftliche Freiheit garantieren und umgekehrt. Eine Revolution erschien ihm unrealistisch. Ihm ist klar, dass Libertäre nirgendwo in der Mehrheit sind.

Auf das Meer auszusiedeln scheint ihm der am einfachsten gangbare Weg zu sein. „Anstelle von hundertdreiundneunzig Ländern soll es Tausende Länder geben, mit einer viel breiteren Palette an Steuer- und Sozialsystemen“, sagt Patri Friedman im Gespräch mit dieser Zeitung (siehe Patri Friedman: „Ich will ein schwimmendes Hong Kong erschaffen“). „Unser Problem ist nicht die Anzahl an Staaten, sondern die hohe Eintrittsbarriere auf diesen Markt.“

In einer sittenlosen Gesellschaft

Eintrittsbarrieren. Markt. Mit Südseeromantik hat sein Vorhaben nichts zu tun. Der junge Friedman spricht über seine Utopie wie ein Ingenieur über Sportwagen: „Die Demokratie ist im Moment der neueste Stand der Technik. Ich halte sie aber nicht für die Blüte der Technologie der politischen Regeln und Sozialsysteme.“ Also, meint er, müsse es neue Länder geben, „Start-ups“ zum „Experimentieren“. Am Telefon klingt seine Stimme hart, die Sätze abgehackt, er hört sich wie ein intelligenter Roboter aus einem Science-Fiction-Film der achtziger Jahre an. Die Inseln sollen mobil und veränderbar sein, so dass sie sich jederzeit trennen und wieder an andere andocken können.

Patri Friedman glaubt an die Vernunft und den technischen Fortschritt und sieht es als eine der edelsten Pflichten der Menschheit an, eines Tages auch das Altern und Sterben zu besiegen. Er ist Mitglied einer transhumanistischen Organisation. Es störe ihn, in einer Gesellschaft leben zu müssen, in der die Mehrheit bestimme, was Recht und Gesetz sei, sagt er: „Ich muss täglich mit Regeln leben, die andere machen und denen ich nicht zustimme. Das gibt mir das Gefühl, in einer sittenlosen Gesellschaft zu leben.“

Vor sechs Jahren war die große Utopie noch ein Embryo. Damals dachte Patri Friedman viel darüber nach, eine kleine Floßgemeinschaft vor Gibraltar zu gründen, auf der zwölf Menschen Platz haben sollten. Sein Großvater Milton, der damals noch lebte, aber schon neunzig Jahre alt war, nahm das nicht ernst. Außerdem möge er keine Ausfluchtversuche, sagte er, man solle besser aus dem Land, in dem man lebe, das Beste zu machen helfen. Patri, der zu dieser Zeit lilagefärbte Haare trug, ließ sich von seiner Idee nicht abbringen. Über Flöße lacht er nur noch, heute sagt er: „Ich will ein schwimmendes Hongkong bauen, kein schwimmendes Dörfchen.“

Vom akademischen Anarchisten zum Anarcho-Utopisten

Das Projekt erhielt einen Anstrich von Machbarkeit, als im vergangenen Jahr der libertär gesinnte Milliardär Peter Thiel 500.000 Dollar spendete. Seitdem geht die Arbeit angeblich voran: Das Seasteading Institute meldet, bereits Informationen über geeignete Stellen in den Ozeanen einzuholen, Entwürfe anzufertigen, Rechtsgutachten zu erstellen. Eine kleine, prototypische Insel soll, wie ein Musterhaus für Reihenmittelhaus-Interessenten, bereits im kommenden Jahr erbaut und vor San Francisco zu Wasser gelassen werden. Es soll nach und nach ausgebaut werden und Lebensraum für 270 Menschen mit einem Hotel und Geschäften bieten, soll mobil sein und zwei Knoten schnell fahren können.

Die Inselstaaten sollen Ölplattformen nachempfunden sein. Sie sollen Strom und Wasser autonom generieren, Nahrungsmittel (außer Tiefseefisch) müssten importiert werden. Die Quadratmeterpreise für Wohnungen auf dem hohen Meer, glaubt Patri Friedman, dürften nicht viel höher sein als feine Wohnungen in London oder Manhattan.

Milton Friedman, der große Ökonom der Chicagoer Schule, hielt den Keynesianismus für Teufelszeug. Er wurde vom Kellner zum rechtsliberalen Präsidentenberater und Nobelpreisträger. David Friedman wurde vom Sohn des Rechtsliberalen zum Anarchisten. Patri Friedman wurde vom Sohn eines akademischen Anarchisten zum Anarcho-Utopisten. Wenn es nach ihm geht, wird er in einigen Jahren einer der ersten Flüchtlinge der westlichen Demokratie sein. Der Informatiker kündigte eine gutdotierte Position bei Google, wo er Marktstudien erstellte, um sich den Ozeanen widmen zu können, Der Job sei bei weitem nicht so spannend gewesen, „wie die Welt zu revolutionieren“.

Die völlig freie Wohnortwahl

Einzelne Außenseiter riefen schon in der Vergangenheit ihre eigenen Staaten aus. Die Betonplattform Sealand vor der britischen Ostküste, auf die 1967 ein paranoider Piratenfunker zog, ist ein Beispiel. Als Vorbild für ein ständiges Leben auf hoher See gilt den Seesiedlern die Kreuzfahrtindustrie. Einige versprengte Reiche leben ja bereits heute das ganze Jahr auf Kreuzfahrtschiffen.

Patri Friedmans Buch ist eine Komposition aus Kapiteln über libertäre Gedanken, abwechselnd akribisch und schlampig recherchierten Abschnitten über Wellen, Wind, Schiffskonstruktionen, Nahrungs- und Stromsversorgung, Piraten, Landesverteidigung, Müllentsorgung, Menschenrechte. Auch werden Geschäftsmodelle für die Insulaner angeregt: Sie könnten gentechnisch veränderte Tomaten anbauen, die Salzwasser vertragen, zudem sollen Touristen Geld bringen: Hochsee-Angler, Taucher, Selbstmörder, Kannibalen.

Die schwimmenden Ländereien sollten nicht nur Libertären zur Verfügung stehen. Je mehr Staatsformen, desto mehr Wettbewerb, desto besser: Schwimmende Steueroasen sind genauso willkommen wie ausländerfreie Neonazi-Inseln, solche für Veganer, Nudisten, Taliban. Nur ein Recht müssten alle Siedler haben: die völlig freie Wohnortwahl.

Eine Quallen-Mitgliedschaft für 100 Euro

Die erwartbare Tragik eines Visionärs ist, dass auf die große Anfangseuphorie das langsame Austräumen erfolgt. Patri Friedman weiß, dass nur dann jemals eine Insel in See stechen wird, wenn viele reiche Aussiedler viel Geld für eine einsame Seewohnung ausgeben und ihr Lebensumfeld gegen einen permanenten Rundum-Meeresblick eintauschen werden. Die große Freiheit könnte für

die ersten Siedler in die große Depression führen. Ideelle Sympathisanten können das Vorhaben derweil mit zumutbaren Summen fördern. Jeder, den die Idee elektrisiert, kann Mitglied des Seasteading Institute werden. Eine Seepferdchen-Mitgliedschaft kostet jährlich 25 Euro, eine Quallen-Mitgliedschaft 100 Euro, die Delphin-Mitgliedschaft 600 Euro.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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