17.05.2001 · Lufthansa-Piloten fürchten ihn, Gewerkschaftler drohen mit ihm, dem Sozialneid. Die Frage lautet zunächst aber: Gibt es ihn?
Von Uwe EbbinghausLufthansa- und Condor-Piloten sind neidisch: auf besser verdienende Kollegen anderer Fluggesellschaften. Für Normalverdiener kaum nachvollziehbar, fordern sie eine zweistellige Gehaltserhöhung (neuerdings 24 Prozent), die im Vergleich mit den Gehältern der Kollegen freilich so überzogen gar nicht ist. Am Mittwoch haben der DGB und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi angesichts des für den Donnerstag angekündigten 24-Stunden-Streiks vor einer neuen Welle des Sozialneids gewarnt.
Wie sehr der Neid in unserer Gesellschaft gefürchtet wird, zeigt auch die aktuelle Schuluniform-Diskussion, die nach Meinung der Befürworter Markenneid verhindern und damit auch den Sozialneid unter Schülern verringern soll. Auf die Frage, ob es den Sozialneid überhaupt gibt, welche Rolle der Neid in unserer bundesdeutschen Gesellschaft spielt und wie er sich im Vergleich zu anderen Ländern ausnimmt, gibt das neue „Kursbuch“ differenzierte Antworten.
Wie gelb ist die deutsche Galle?
In seinem Artikel „Deutschlands gelbe Galle“ gibt der Soziologe Sighard Neckel zu bedenken, dass Deutsche möglicherweise gar nicht so neidisch sind, wie alle sagen. Vielleicht sind sie nur in besonderer Weise dazu bereit, sich selbst für neidisch zu halten, schlägt der Wissenschaftler vor. Eine ahnsehnliche Zitat-Sammlung (von Horst Tappert bis Gregor Gysi) scheint die These des Autors zu bestätigen.
Neckel behauptet weiter, auch Amerikanern sei der Neid keinesfalls fremd. Neid zu äußern sei in den Vereinigten Staaten jedoch verpönt. Für raffinierter hält Neckel die Franzosen. Sie diskutierten Neid als gesellschaftliches Phänomen und entkräfteten so jeden Vorwurf, von Natur aus neidisch zu sein.
Das allzu „grobschlächtige teutonische“ Verständnis von Neid hält der Wuppertaler Soziologe für ein Zeichen „sozialer Erfahrungsarmut“. Es verhindere eine fruchtbare Diskussion über die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in unserem Land. Dabei sei Neid durch seine Verwandlung in „Ehrgeiz oder Gerechtigkeitssinn“ durchaus förderlich für eine Gesellschaft.
Neckel hält den „Sozialneid“, der nach verbreiteter Vorstellung zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsschichten auftritt, für überschätzt. Eine weit größere Rolle spiele Neid zwischen „eng benachbarten Gruppen“. Und tatsächlich: Der Neid der Lufthansa-Piloten auf besser verdienende Kollegen ist wesentlich greifbarer als der Neid der breiten Masse auf die Streikenden.
Schimäre „Sozialneid“
Der Soziologe Michael Hartmann geht in seinem „Kursbuch“-Beitrag „Bildung und andere Privilegien“ noch einen Schritt weiter. Für ihn ist „Sozialneid“ eine bloße Schimäre. Sozialneid sei ein pauschaler Begriff, mit dem Kritiker der „Neidgesellschaft“ das Bedürfnis nach einer Debatte über soziale Gerechtigkeit diffamierten. In der soziologischen Fachliteratur spiele „Sozialneid“ keine Rolle, aus soziologischer Sicht entsteht Neid in erster Linie unter Vertretern vergleichbarer Sozialverhältnisse.
Eine weitere Forderung von Kritikern der „Neidgesellschaft“ besteht laut Hartmann darin, das Ideal einer sozialen Gerechtigkeit durch das der Leistungsgerechtigkeit zu ersetzen. Nimmt man aber die Leistungsgerechtigkeit (Wissen und Bildung entscheidet über den sozialen Aufstieg) etwa in Amerika genauer unter die Lupe, zeigt sich, dass eine Top-Ausbildung meist nur von besserverdienenden Eltern finanziert werden kann. In Deutschland wäre das wohl nicht anders.
In diesem Zusammenhang erweist sich auch der Ruf nach der Schuluniform als Augenwischerei. Die Uniform, die Markenneid und soziale Unterschiede verringern soll, verdeckt in Wahrheit nur die gesellschaftliche Realität. Kinder aus sozial schwächeren Familien würden auch in Deutschland die Schuluniform früher ausziehen als Kinder Besserverdienender. Darüber hinaus tragen Letztere die Schuluniform teilweise schon - an ausländischen Eliteschulen.