11.11.2001 · Deutsche Intellktuelle ärgern sich über die "neoliberale Haltung" der Bundesregierung. Kanzler Gerhard Schröder (SPD) lud zum Abendessen.
Von Wilfried Mommert, dpaAuf eine „uneingeschränkte Solidarität“ kann sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bei Künstlern und Schriftstellern nicht verlassen. Trotzdem suchte der Kanzler am Samstagabend in Berlin den Rat der Intellektuellen - und folgte damit einer Tradition des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt.
Bei einem Abendessen in Berlin diskutierten Schröder sowie Innenminister Otto Schily (SPD) mit Prominenten über die drängenden Fragen, die seit den Anschlägen vom 11. September in den USA Politik und Kultur gleichermaßen bewegen. Wenige Tage vor der Entscheidung des Bundestages über eine Bereitstellung von deutschen Soldaten für Kämpfe in Afghanistan kamen zu dem Gespräch unter anderem Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass sowie Martin Walser, Stefan Heym, Volker Braun, Christoph Hein, Peter Sloterdijk, Volker Schlöndorff, Jürgen Flimm und - als einzige Frau -
Christa Wolf.
Günter Grass: Terrorismus wird gestärkt...
Grass hatte zuvor in einem Interview seine Kritik am amerikanischen Vorgehen in Afghanistan wiederholt. Es werde letztendlich den Terrorismus nur stärken, warnte er in der „Leipziger Volkszeitung“. Auch die Pläne Schilys zur inneren Sicherheit haben Unmut unter vielen Intellektuellen hervorgerufen. Grass meinte, auch damit würde quasi das Geschäft der Terroristen betrieben, wenn Deutschland seine rechtsstaatliche Position schmälere.
Walter Jens: Kritische Solidarität, ja...
Für Walter Jens ist „uneingeschränkte Solidarität“ ein „fatales Wort“. „Kritische Solidarität ja, uneingeschränkte Solidarität verspricht der Vasall seinem Dienstherrn. Das haben wir nicht so gern. Uneingeschränkte Solidarität mit Streubomben, dem Schändlichsten was es gibt?“, sagte Jens zu der Aussage Schröders, der den Amerikanern „uneingeschränkte“ Solidarität zugesagt hatte. Und dann sei da noch Otto Schilys Formulierung von „gewissen Intellektuellen“ aus jüngster Zeit. „Das kommt einem doch sehr bekannt vor“, sagte Jens.
Daher sei das Abendessen auch nicht zu verwechseln mit einem „Familientreffen“. Die Zeit einer „Koalition zwischen den Wahrern des Friedens, Heinrich Böll und Willy Brandt“, sei nun vorbei. Brandt hatte den Schriftstellern auf ihrem Kongress 1970 zugerufen: „Ich scheue mich nicht, als Politiker, Sie, die Schriftsteller, um Hilfe zu bitten, damit nicht abermals die Vernunft an der Ignoranz scheitert ... Wenn dauerhafter Frieden unser Ziel ist, dann lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam gehen, als Partner.“
Martin Walser: Ein Bundeskanzler, der das Feuilleton liest...
Die Harmonie zwischen den Sozialdemokraten und den Intellektuellen ist für manche gestört, nicht aber für alle. Martin Walser zum Beispiel meint: „Ein Bundeskanzler, der das Feuilleton liest, das haben wir doch wohl noch nicht gehabt.“ Auch Klaus Staeck meint, man könne Schröder nicht vorwerfen, in Gefahr und größter Not plötzlich die Intellektuellen zu entdecken. Er habe schon immer ein Ohr für sie gehabt. Aber richtig sei, dass das Verhältnis geprägt sei „von der Enttäuschung über eine neoliberale Haltung der Regierung, die wir so nicht für möglich gehalten haben“.
Grass hatte in den 60er Jahren für Willy Brandt Wahlkampf gemacht. Damals habe es noch „ein permanentes Gespräch zwischen Intellektuellen und Politik gegeben, was selten in Deutschland ist“, meinte Grass einmal. Ende 1992 kehrte er aus Ärger über den Asylkompromiss nach zehn Jahren Mitgliedschaft der Partei den Rücken.