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Gesellschaft Die Rückkehr der Linken

Der Neoliberalismus weiß auf die wichtigen Fragen keine Antworten. Die Zeit ist reif für neue Ideen. Die Linke braucht eine neue Sprache, ohne Kitsch und ohne Angst - aber weder Gysi noch Lafontaine.

© picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Rot hat noch Zukunft

Das Gespenst der deutschen Linken war im Fernsehen zu sehen, und es sah aus wie Michael Müller, der SPD-Fraktionsvize. Er erschien, offensichtlich außer sich, in den Tagesthemen.

Dort bestritt er, den Bundeskanzler erpressen zu wollen, und bezichtigte den Bundespräsidenten der Lüge und des Petzens. In einem einzigen Auftritt. Es war das politische Äquivalent zum Versuch, eine sportliche Begegnung durch herzhaftes Einschlagen auf den Schiedsrichter für sich entscheiden zu wollen.

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Dieses deutsche Timing. Dieser rot-grünen Mannschaft, die 1998 mit historischer Verspätung ins Amt kam - mit Personen und Programmen, welche auf den „ökologischen Umbau der Industriegesellschaft“, die nukleare Abrüstung und die Revision des Kohlschen Sozialabbaus ausgerichtet waren -, dieser Mannschaft geht in einem Moment die Puste aus, da international die Dinge in Bewegung kommen.

Ein linkes „Psychodrom“

Auch Gysis und Lafontaines vereinigte Talkshow-Partei bringt keinen nachhaltigen Schwung, denn ihre Glaubwürdigkeit ist zu gering. Abgesehen von der bekannten Neigung zum unerwarteten Rücktritt und den persönlichen Skandalen, in die beide verwickelt waren, fehlen ihnen ein Team und jede Art von überzeugender Vorbereitung. Da droht, um es mit Peter Glotz zu sagen, ein typisch linkes „Psychodrom“.

Dabei ist die Lage für die Linke gerade höchst interessant: Viele Menschen sind bereit, sich für ein kühnes, abstraktes Ziel, eines, das über das Geldvermehren hinausweist, zu begeistern und anzustrengen. Sie scheinen regelrecht auf eine Gelegenheit zu warten, sich zu engagieren - das hat die Reaktion auf die Tsunami-Krise eindrucksvoll gezeigt. Eine solidarische, internationale und optimistische linke Botschaft könnte durchaus Unterstützer auch aus jenen gesellschaftlichen Bereichen mobilisieren (den Universitäten zum Beispiel), die von ihrer eigenen politischen Passivität zunehmend genervt sind.

Die Zeit ist reif

Die Zeit ist reif für neue politische Ideen. Gerade im Moment der größten Ausdehnung und Wirksamkeit der neoliberalen Ideologie mehren sich die Zeichen, daß es den Leuten allmählich damit reicht: Weil der Neoliberalismus schon ökonomisch nicht hält, was er versprochen hat - zu so lebenswichtigen Fragen wie dem Klimawandel, der Gefahr durch Aids und andere Seuchen und dem demographischen Wandel hat er ohnehin nichts zu sagen.

Den kommenden ideologischen Stimmungsumschwung behaupten nicht bloß die professionellen Graswurzelwachstumsakustiker von der „Monde diplomatique“. Ein deutlicher Vorbote ist das neue Interesse von Blair und Bush für den dunklen Kontinent: Afrika, Lieblingskontinent aller Spontanphilanthropen, soll ihnen helfen, sympathisch zu wirken - so als betrieben sie eine Politik, die nicht allein ans Geld der Hyperreichen denkt. Damit noch einige andere Bilder bleiben.

Im Wahlkampf, beim Spendensammeln, war das noch kein Thema. Da erfreute Bush seine Superspenderfreunde noch mit dem Satz: „Manche nennen Sie die Elite des Landes. Ich nenne Sie meine Basis!“

Argwohn über Liebe zum Geld

Aber Geld ist ein Thema, das die Leute selbst in den Ländern, in denen seit den Achtzigern keine Neiddebatten mehr geführt werden, zunehmend nervös macht. Es regt sich neuerdings Argwohn, wenn sich gerade die exponierten Vertreter des Gemeinwesens ihrer Liebe zum Geld hingeben. Da wird Cherie Blair in den Medien recht deutlich daran erinnert, daß immerhin achtundachtzig Prozent der Briten im Jahr weniger verdienen als die 30.000 Pfund, die ihr ein amerikanischer Verband für einen Auftritt von anderthalb Stunden bezahlt hat.

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