08.09.2003 · Schlau, zielstrebig und ziemlich selbstbewußt: Eine neue Generation von Mädchen ist den gleichaltrigen Jungen so weit davongeeilt, daß Pädagogen sich schon Sorgen machen.
Von Anna v. MünchhausenNatürlich war es ein Mathematiker, der es als erster bemerkte. Der in den vergangenen Jahren beständig gestiegene Anteil von Mädchen in den höheren Schulen beunruhigte den Düsseldorfer Landtagsabgeordneten und Mathe-Lehrer Hans Kern (SPD) derart, daß er sich zu einer kleinen Anfrage veranlaßt sah. Man möge, forderte er die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen auf, bitte recherchieren, ob "die weibliche Intelligenz" auch in anderen Bundesländern "auf dem Vormarsch" sei.
Sie ist es. Auch in Bayern, Hamburg und Rheinland-Pfalz wurde bereits nachgezählt und festgestellt, daß der Anteil der Mädchen in den Gymnasien jeweils deutlich über 52 Prozent liegt. Das sei kein Ergebnis von "geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Intelligenz", heißt es in der Mitteilung des Düsseldorfer Kultusministeriums ebenso forsch wie unbewiesen, sondern "Ergebnis und Erfolg der Bildungsreformbemühungen der siebziger und achtziger Jahre".
Kommunikativ und extrovertiert
Meldungen dieser Art häufen sich: Die Mathematik-Olympiaden verzeichnen Jahr für Jahr mehr Teilnehmerinnen, immer mehr Stipendien werden an Mädchen vergeben, und in der Statistik, die nach den Wunschberufen fragt, rutscht die Antwort "Rallyefahrerin" immer weiter nach oben. Die Generation der starken Dreizehn- bis Siebzehnjährigen tritt an. Sie wissen, was läuft, und laufen trotzdem nicht allem hinterher. Sie machen den Mund auf, wenn sie dazu Lust haben, und halten ihn, wenn es ihnen angebracht scheint. Sie sind kommunikativ, extrovertiert und zielorientiert. Selbst das Statistische Bundesamt hat die Entwicklung schon registriert: Von den 473 265 Jungen, die im Sommer 2002 die Schule verließen, hatten 21 Prozent das Abitur in der Tasche, 11,9 Prozent nicht einmal den Hauptschulabschluß geschafft. Die Vergleichszahlen der Mädchen: 26,6 Prozent mit Abi, 6,8 Prozent ohne Abschluß.
Vorteil: Mädchen. In den panischen Reaktionen auf die Pisa-Studie blieb zunächst unbeachtet, daß vor allem die Jungen für das schlechte Abschneiden verantwortlich waren. "Knapp 30 Prozent der Mädchen, aber über 50 Prozent der Jungen in Deutschland geben an, daß sie nur lesen, wenn sie dies müssen", stellt Petra Stanat fest, Psychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Sie tun sich schwer, was Lesekompetenz und Textverständnis betrifft, und sind Mädchen sowohl in der Leistungsmotivation als auch in der "Methodenkompetenz" (also der Fähigkeit, Probleme zu lösen) offensichtlich unterlegen.
Die Machos hinken hinterher
Daß die kleinen Machos im Unterricht hinterherhinken, ist keine neue Erkenntnis. Ist die Förderung der Mädchen etwa über das Ziel hinausgeschossen? Vor allem der hohe Anteil von Frauen in den Lehrerkollegien der Grundschulen sorge dafür, daß Jungen permanent benachteiligt würden. "Je höher der Anteil von Grundschullehrerinnen in einem Bundesland ist", schreibt die Leipziger Soziologin Heike Diefenbach, "desto größer sind die Nachteile von Jungen." Woraus nur folgen kann: Männerquote für alle Kollegien! Daß aber männliche Lehrer die Jungen als ähnlich hartleibige Leistungsverweigerer erleben, berichtete kürzlich der Erfolgsautor Eoin Colfer ("Artemis Fowl"), alles andere als ein Ideologe und selbst jahrelang Lehrer gewesen. Als Feldforscher an der pädagogischen Front hat er beobachtet: "Jungen müssen ständig die Aufmerksamkeit des Lehrers erregen. Sie machen Unfug, schreien dazwischen, erzwingen Zuwendung. Früher nahmen Mädchen das hin. Jetzt sind sie selbstbewußt genug, den Mund aufzumachen und sich dagegen zu wehren: Laß das, du störst, das nervt. Ich will hier aufpassen."
Was macht die Mädchen so stark? Ihr Selbstbewußtsein ist konsequent gefördert worden. Dieser Nachwuchs wurde schließlich von Frauen erzogen, die keine Weibchen sein wollten. Der Lebensplan vom Glück der Brut ("Mein Kind soll es einmal besser haben als ich") wird im Fall der Töchter besonders konsequent verfolgt: Mütter, die den Überblick haben, schicken keine braven, angepaßten Töchter hinaus ins feindliche Leben. Die sogenannte "Mädchenkultur" wird zudem nicht nur von den Medien registriert, sondern systematisch verstärkt. Zum einen, weil man den Trend widerspiegeln will, zum anderen, weil es sich schon aus Gründen der Marketing-Strategie empfiehlt.
Nimm Dir, was Du brauchst
Die Girlies verfügen nämlich über nicht unerhebliche Kaufkraft, und nach Lage der Dinge werden zumindest einige von ihnen morgen über noch mehr verfügen. So lautet die durchgehende Parole: Du bist total okay! Finde Deinen Stil, mach, was Dir gefällt, nimm Dir, was Du brauchst, vertritt Deine Meinung, auch wenn keiner sie teilt! "Smart Girl" heißt das Ressort in "Bravo Girl", in dem es um Beziehungen geht. Befunde, die früher die zarte Mädchenseele erschüttert hätten, werden dort inzwischen en passant auf die leichte Schulter genommen: "Kein Boyfriend - na und?" Die praktische Lebenshilfe für das Single-Girl gipfelt in dem Hinweis: "Es lebt sich viel entspannter, wenn du nicht ständig den Bauch einziehen mußt."
Aber dünn zu sein ist trotzdem ein Muß. Dem Bild der Starken widerspricht, daß die Zahl der Eßstörungen unter jungen Mädchen immer noch steigt. Eine Studie der Universität Jena konstatiert, jedes dritte Mädchen sei gefährdet. Selbsteinschätzung und Außenbild klaffen auseinander, und das häufig gerade bei den Fleißigen, Sensiblen, Ehrgeizigen, die sonst immer so zuverlässig funktionieren.
Positive Lebensziele
Für das Gros aber gilt, daß Disziplin und Pflichtbewußtsein positiv besetzt und steuerbar sind. "Spaß" definiert diese Generation nicht mehr als "den ganzen Tag Party", sondern als Ausdruck von Freude, Motivation und Sinnhaftigkeit; gänzlich unerwartet wurde "Spaß", das Synonym für Oberflächlichkeit schlechthin, zu einem "moralischen Sammelbegriff für positive Lebensziele", wie es eine Gruppenleiterin der Pfadfinder definiert.
Heißt das aber, daß die Defizite im Selbstbewußtsein komplett abgeschliffen sind? Mädchen werden ermutigt, sich für Computer und Technik zu interessieren. Sie reparieren Fahrräder, programmieren die Mobiltelefone ihrer Väter und erwägen, ein Jahr in Argentinien zur Schule zu gehen. "Ihre Welt wird immer weiter", schwärmt die Wiener Publizistin Edit Schlaffer und sieht ohne großes Bedauern die nächste Generation der Männer dem Abgrund entgegentreiben.
Deutlich differenzierter nimmt die Chefredakteurin der soeben runderneuerten Zeitschrift "Young Miss", Kathrin Tsainis, die Generation ihrer Leserinnen unter die Lupe: "Junge Frauen wissen, daß sie viel erreichen und bewegen können, sich zum Beispiel nicht hinter Männern zu verstecken brauchen oder alles schlucken müssen, was man ihnen vorsetzt." Auf der anderen Seite seien aber diese Jahre des Erwachsenwerdens per se auch gekennzeichnet von Selbstzweifeln und Unsicherheiten in puncto Verhalten und Gefühlen: Wer bin ich? Wer will ich sein? "Sie fragen sich: Nach welchen Maßstäben kann ich mich überhaupt richten, ist das, was ich fühle, okay, oder bin ich womöglich spießig (etwa bei Themen wie Eifersucht, Fremdgehen etc.)?" Die Rubriken, die dieser Ambivalenz Rechnung tragen, heißen "Mutprobe" oder "Selbstversuch".
Regeln sind hilfreich
Auch darin wird der Paradigmenwechsel erkennbar. Vorbei die Epoche, die Pubertät als Krisenzeit schlechthin beschrieb. Der ungefederte Übergang von der Kindheit ins erwachsene Leben, gekennzeichnet durch Rebellion, unberechenbare Stimmungsumschwünge, mißglückte Liebesaffären und Zwangsdomestizierung, wurde einst als Herausforderung erlebt, deren Volten nur durch elterliche Strenge und striktes Reglement gebändigt werden konnten. Regeln sind auch heute hilfreich - ebenso wie gelassenes Gewährenlassen, solange dabei Gefahren berechenbar bleiben. Heute sind bereits Fragen des Stylings ein Indiz der demonstrativen Unabhängigkeit, wobei der Stil der peer group für die meisten Mädchen immer Vorschrift bleibt.
Der Versuch etlicher Schulleiter, in diesem heißen Sommer einen Dresscode einzuführen, scheiterte auf der ganzen Linie - bauchfreie Tops und Nabelpiercing läßt sich diese Generation nicht mehr verbieten.
Sind die Mädchen also verdiente Siegerinnen im Wettlauf um die bessere Zukunft? Werden sie das Niveau ihrer Ziele halten, die Erwartungen einlösen, die sie selbst wecken? Auf eins jedenfalls werden sie verstärkt zu achten haben - die Jungen nicht so zu überflügeln, daß für jene nur noch die Rolle der abhängigen Drohnen übrigbleibt.