28.06.2001 · Die Industrie hat eine neue Zielgruppe entdeckt: den sogenannten Alpha-Single. FAZ.NET versuchte zu ergründen, was sich dahinter verbirgt.
Von Katrin Jurzig„Single World“ hieß die Messe in der Wiesbadener Rhein-Main-Halle, auf der über 100 Aussteller den Besucher bei Laune halten wollten.
Die Industrie stellte Produkte und Dienstleistungen vor, die sie sich eigens für die Partnerlosen ausgedacht hat. Die Ziele waren hochgesteckt: Diana Schnabel von der Messe-Agentur Demat glaubte, der „am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe“ für vier Tage ein wahres „Paradies“ bieten zu können.
Das Super-Wesen, der Alpha-Single
Die Organisatoren hatten eine ganz besondere Spezies im Visier: nicht den deprimierten Single, womöglich mit Frust-Pölsterchen um die Hüfte, sondern ein neues Phantasieprodukt der Trendforschung, den Alpha-Single. Der ist nach Meinung der Marketing-Gurus ehrgeizig, legt Wert auf Attraktivität, hält sich fit, ist kommunikativ und auch allein glücklich. Diesen „neuen“ Typus des Partnerlosen will man aus Umfragen herausgefiltert haben.
Die Messe wollte demnach nicht einsame Herzen trösten, sondern glückliche Einzelkämpfer in Schönheitsfragen beraten. Aus der kosmetischen Chirurgie informierten Fachberater Frauen und Männer gleichermaßen über Methoden der Verschönerung wie Fettabsaugen und Haarentfernung mit dem Laser. In Kochkursen lernte der Single, ein „gesundes Dinner for One“ zuzubereiten. Man konnte auf der Messe auch sofort Sport treiben - etwa in einem Wasserbecken tauchen lernen.
Partnervermittlungsagenturen durften natürlich nicht fehlen. Ihr selbsterklärtes Ziel ist es, Alpha-Singles zu finden, die anderen Alpha-Singles bei ihren Freizeitbeschäftigungen Gesellschaft leisten. Schöne und nützliche Dinge für den Haushalt in modernem Design wie den excklusiven Single-Kochtopf oder die nichtkrümelnde edle Gewürzmühle fand der Besucher ebenso wie Finanzberatung mit Tipps für den Alleinlebenden.
Industrie gibt sich schüchtern
Singletum sei ein „Trend“ und die Messe greife ihn auf, meint Schnabel. In der Wirtschaft hat der Trend bislang mäßigen Widerhall gefunden. Obwohl der Single längst - was Image und Zahl angeht - aus seinem Schattendasein herausgetreten ist, wird er von der Industrie noch zurückhaltend umworben - und dass, obwohl mehr als ein Drittel aller Bundesbürger in einem Einpersonenhaushalt leben, Tendenz steigend.
Wie ein typischer Single aussieht, will der Hauptverband des deutschen Einzelhandels herausgefunden haben. Den typischen Single charakterisieren demnach „überdurchschnittliche Bildung“ und „hohes Einkommen“. Das Bedürfnis, schöner zu wohnen und sich mit exklusiven Produkten zu umgeben, sei größer als bei anderen. Und das Verlangen nach der Wärme eines Partners wird bei der Einkaufstour befriedigt. Der Single ist also als Konsument ein williges Opfer.
Single ist nicht gleich Single
Ob das Bild des Singles, das die Messe entwirft, zutrifft, muss jeder selbst beurteilen. Der immer coole und positiv denkende Single wirkt jedenfalls wie ein Wunschbild. Auch ist nicht jeder ein Besserverdienender. Das Durchschnittseinkommen des Alleinlebenden ist hoch, doch das Gefälle auch. Nach Informationen des Statistischen Landesamts verdienen 40 Prozent der weiblichen Singles monatlich netto weniger als 1.800 Mark, nur acht Prozent der männlichen Singles verdienen mehr als 5.000 Mark.
Und: Sind Singles wirklich eine homogene Gruppe? Der Individualist unter den Singles wird das heftig bestreiten. Er konnte sich immerhin einen Spaß aus der Frage machen, ob die Industrie seine Wünsche richtig erraten hat.