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Geschlechterselektion : Nicht ohne eine Tochter

Am 16. April 1982 hat das erste deutsche Retortenbaby das Licht der Welt erblickt. Die Wünsche der Eltern für ihr Ungeborenes haben seitdem zugenommen Bild: dpa

An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Inzwischen aber gibt es immer mehr Eltern, die das Geschlecht ihres Kindes vorher festlegen wollen. Wohin führt das?

          Augustbaby“ ist untröstlich, denn sie erwartet das falsche Kind. Sie hat bereits drei Kinder, allesamt gesund, allesamt Jungs, die sie liebt, obwohl sie sich nie einen Sohn gewünscht hat, sondern immer nur eine Tochter. Eben, schreibt „Augustbaby“ auf ingender.com, habe sie erfahren, dass auch ihr viertes Kind ein Sohn sein werde, der ebenso wie die drei anderen Söhne in Zukunft vor ihr herumtollen und sie stets daran erinnern wird, dass ihr Mädchenwunsch unerfüllt bleibt. Für „Augustbaby“ scheint das eine Tragödie. Ihr Herz, schreibt sie, sei gebrochen.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mary Johnson wünscht sich wie „Augustbaby“ ein Mädchen, was vor allem daran liegt, dass ihr Mann einige Jahre älter ist als die Neununddreißigjährige und das Paar befürchtet, ein temperamentvoller Junge könnte den Vater physisch und psychisch überfordern. Würden sie darüber nachdenken, sich ein Haustier anzuschaffen, wäre es jedenfalls eher ein Goldfisch als ein Jack Russell. Um absolut sicherzugehen, dass ihr die Hebamme am Ende nicht womöglich doch einen Sohn in die Arme legt, sucht Mary Johnson Hilfe bei Jeffrey Steinberg, einem der renommiertesten amerikanischen Reproduktionsmediziner und Arzt an den Fertility Institutes in Los Angeles und New York. Er garantiert seinen Kunden ein Baby mit dem gewünschten Geschlecht.

          Das Verfahren nennt sich „Sex Selection“ und ist in Amerika ein Millionengeschäft. In Deutschland ist es, wie in den meisten anderen Ländern, verboten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Israel, wobei dort im Gegensatz zu Amerika die Erlaubnis an bestimmte Bedingungen geknüpft ist, über deren Einhaltung eine Kommission wacht. Zum Beispiel muss eine Familie mit Mädchenwunsch bereits mehrere Söhne großziehen, um einen positiven Bescheid zu erhalten.

          Der Assistent Gottes

          “Sex Selection“ funktioniert im Grunde nach demselben Prinzip wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) - mit dem Unterschied, dass die durch künstliche Befruchtung entstandenen Embryonen, bevor sie in die Gebärmutter eingesetzt werden, nicht nur auf Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Glasknochenkrankheit, sondern eben auch auf ihre Chromosomenzusammensetzung hin untersucht werden. Unter dem Neonlicht-Mikroskop leuchten die weiblichen Zellen rosarot und die männlichen hellblau. „Für viele Patienten gehört es zum Lifestyle, die Familie geschlechtlich auszubalancieren. Zu mir kommen Frauen, die fünf Söhne haben und sich sehnlichst wünschen, die eigene Tochter modisch einzukleiden - so, wie ihre Mütter sie einst eingekleidet haben“, sagt Jeffrey Steinberg.

          Mittlerweile herrscht ein regelrechter PID-Tourismus. Seine Kunden kommen zu sechzig Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Asien und Europa, erzählt Steinberg im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wir hatten sogar schon Leute vom Nordpol!“ Die Vorlieben unterscheiden sich: Chinesen und Inder wünschen in mehr als neunzig Prozent der Fälle Jungen, Kanadier zu 58 Prozent Mädchen, und bei den deutschen Kunden betrage das Verhältnis fünfzig zu fünfzig. Der Reproduktionsmediziner sorgt im Jahr für etwa 420 Babys mit Wunschgeschlecht.

          Dabei scheint Steinberg nicht der Ansicht, dass er Gott spielt; er arbeite, sagt er, nur Hand in Hand mit ihm, gewissermaßen als sein Assistent. Für Menschen wie Mary Johnson umweht Steinberg wohl tatsächlich ein Hauch Göttlichkeit. Vor wenigen Jahren bot er seinen Kunden sogar an, nach Haar- und Lieblingsaugenfarbe auszuwählen. „Wir hatten die Technik so weit entwickelt und hätten mit großer Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Ergebnis - zum Beispiel blonde Haare und braune Augen - vorhersagen können „, sagt Steinberg.

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