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Veröffentlicht: 23.01.2016, 13:53 Uhr

Geschlecht und Islam Lassen Sie uns über Sex reden

Die arabische Gesellschaft ist von der Gleichberechtigung der Geschlechter weiter entfernt als die Sonne vom Mond. Wie konnte es so weit kommen? Ein Blick zurück nach vorn.

von
© Jordis Antonia Schlösser/OSTKREUZ Der klassische Islam betonte Sinnlichkeit und Erotik weitaus mehr als heutige Auslegungen des Korans es tun. Hoffentlich sind unsere beiden Turteltäubchen sich dessen bewusst.

Der World Values Survey untersucht regelmäßig die Wertvorstellungen in verschiedenen Ländern der Welt. Was die Menschen in der islamischen Welt dieser Studie zufolge am meisten vom Westen trennt, ist nicht ihre Einstellung zu demokratischen Werten, sondern ihre Vorstellungen von Geschlechterrollen und Sexualität. Die Silvesternacht von Köln war im Grunde eine szenische Umsetzung dieses Befunds: Männer, die hierher kamen, weil sie in Freiheit leben wollen, zeigten überdeutlich, dass ihre Vorstellungen von Frauen und Sexualität nicht zu unserer Realität passen.

Karen Krüger Folgen:

Wie tief der Graben ist, offenbarten aber auch das Entsetzen und die Ratlosigkeit, die auf diese sexuellen Übergriffe folgten. In arabischen Ländern hätte es ein solches Ereignis vermutlich nicht mal in die Zeitung geschafft. Sexuelle Belästigungen durch Männergruppen kommen vor allem in Ägypten ständig vor, nur Frauenorganisationen schreien deshalb auf.

Als Ursache für die sexuelle Kluft gelten patriarchale Denkstrukturen und der Islam. Von einer Kultur, in der eine Frau nur dann eine gute ist, wenn sie dem Mann folgt (in jeder Hinsicht, nicht nur auf der Straße), ist gleichberechtigte Sexualität natürlich nicht zu erwarten. Was aber meint in diesem Zusammenhang „der Islam“?

Im duftenden Garten des Vorspiels

Der Islam ist eine Religion der Möglichkeiten. „Den Islam“ gibt es nicht, und schon gar nicht gibt es „den Islam“ im Bett. Man macht es sich zu einfach, wenn man die islamische Religion als Ganzes in die Verantwortung nimmt. Die Denkweise, dass Frauen Sexobjekte seien, ist vielmehr das Resultat einer politischen Instrumentalisierung der Religion und bei weitem kein Erbe des klassischen Islam. Wer einen Blick in alte Schriften wirft, versteht das sofort.

Vom neunten Jahrhundert an verfassten religiöse Schriftsteller in der arabischen Welt Schriften, bei deren Lektüre man bisweilen glaubt, in einen Artikel des Playboy oder eines anderen Artefakts der westlichen sexuellen Revolution geraten zu sein. In „Der duftende Garten zur Erbauung des Gemüts“ aus dem frühen 15. Jahrhundert heißt es beispielsweise: „Das Vorspiel hilft der Frau, Lust zu empfinden; ohne Vorspiel erlangt die Frau keine Befriedigung und kann keine Wollust empfinden. Wenn Du deine Lust gestillt hast, dann steh nicht plötzlich auf, sondern erhebe Dich langsam von der rechten Seite.“

Im Abassiden-Reich, dessen goldenes Zeitalter vom achten bis zum zehnten Jahrhundert andauerte und in dessen Zeit auch die Übertragung von „1001 Nacht“ aus dem Persischen ins Arabische fällt, tauchten immer mehr religiöse Persönlichkeiten in muslimischen Schreibstuben auf, die in der Erotologie ihre Berufung sahen. Ihren Federn entfloss ein wahres arabisches Kamasutra, ein Einmaleins für die Glückseligkeit im Bett: Wissenswertes über die Beschaffenheit der Sexualorgane, psychologische Tips für das Entfachen und die Steigerung der Lust, minutiöse Beschreibungen von Sex-Stellungen und ausgefallenen Praktiken.

Beim Orgasmus ist man Gott näher

Die Liebeshandbücher wurden in Hülle und Fülle produziert und fanden eine spektakuläre Verbreitung in der muslimischen Welt. Christliche Gelehrte griffen die Sichtweisen der muslimischen Kollegen auf und verwiesen vorsichtig darauf, dass „natürliches“ doch eigentlich nicht anstößig sei. Sie fanden wenig Gehör, das Christentum akzeptiert Sex nur als Mittel der Fortpflanzung.

Kopulierendes Paar / indo-persische Miniatur - Indian - Persian art, copulating couple / miniature - Couple copulant / Miniature indo-persane © Roland and Sabrina Michaud / akg Vergrößern Es ging schon auch mal anders - kopulierendes Paar auf einer indo-persischen Miniatur aus dem 18. Jahrhundert.

Sicherlich speisten die Erotologen in ihre Schriften auch eigene, männliche Phantasien und Erfahrungen ein. Letztendlich entwickelten sie aber nur weiter, was im Koran und der Sunna, den prophetischen Überliefrungen, steht: Wenn es im klassischen Islam um Sex geht, stehen Genuss und Sinnlichkeit im Vordergund. Womöglich hat es im Islam auch deshalb nie das Zölibat gegeben.

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