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Geschichtsgefühl The world of morgen

Was für ein Geschichtsgefühl hat einer, der 1981 geboren ist? Sind die Entwicklungen so anders als jene, die Stefan Zweig 1942 rückblickend in „Die Welt von gestern“ beschrieb? Der Schriftsteller Jörg Albrecht hat den Text Zweigs neu gelesen.

© dpa Vergrößern Stefan Zweig

Im Vorwort zu seinem Erinnerungsbuch „Die Welt von gestern“ beschreibt Stefan Zweig die rasanten Veränderungen, mit denen ein 1881 geborener Mensch in seiner Lebensspanne konfrontiert wurde. Wir haben einen Autor des Jahrgangs 1981 gebeten, Zweigs Text wiederzulesen und seine eigenen Umbruchs- und Beschleunigungserfahrungen aufzuschreiben.

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Wenn hier noch ein Foto von mir abgedruckt wird, bitte den Bildstreifen dranlassen, damit jeder weiß, dass es kein digitales Foto ist. Ok? Danke. Dann geht‘s los: 1981 geboren, drei Wochen nach MTV, aber indem ich das sage, berichte ich nur von mir. Denn natürlich möchte ich mich nicht nach vorn stellen als Generation MTV, eher als Audiokommentar, der aus dem Off kommentiert, das heißt: MTV gibt Bilder, ich spreche Sätze, und es wird MEINE Erfahrung sein, von der ich berichte, Erfahrung keiner Generation. Aber jetzt mal von vorn: 1981 in einer kleinen deutschen Hauptstadt geboren, aber man suche sie nicht auf der Karte von Deutschland , sie ist nicht mehr Hauptstadt, aber wenigstens noch Stadt in dieser neuen Republik. 1998 ist diese Republik endgültig da.

Goodbye, Kohl. Goodbye, Sozialdemokratie. Goodbye, Republik 1.0, in der ich aufwachse. Aufwachsen, aber nicht allein, sondern mit Freunden. Einmal mit den Freunden neben mir auf dem Schulweg oder vorm Fernseher, und einmal mit den Freunden im Fernseher, in TV-Serien, Videoclips, Videospielen, mit den Videospielkonsolen selbst, mit den Controlpads der Videospielkonsolen. Lebenszeit, ich habe so viel Lebenszeit mit diesen Geräten verbracht und mit den Geschichten, die sie mir erzählten, sie und ihre Popstars: Spiderman, Michael Jackson, Zack McKracken, in entlegenen Ecken des Bildschirms, von denen ich nie gedacht hätte, daß ich sie lieben könnte.

Zeiten, wie sie mich heute noch suchen und vermissen

Das waren Zeiten! Zeiten, wie sie mich heute noch suchen und vermissen, fast mehr als ich sie. Zeiten der Beschleunigungserfahrung, nicht nur für mich, auch für die Geräte um mich herum. Zeiten, die dann irgendwann das Web hervorbringen und sich so noch mehr in die Wahrnehmung einschreiben, in meine Augen, meine Hände, Synapsen. Durch Fernsehsendungen, die ich zu jedem Zeitpunkt auswählen kann. Durch Fehlermeldungen, die eintreffen, bevor ich die Mail verschickt hab‘. Durch Bekennervideos, deren Previews im Netz uns über Explosionen informieren, noch bevor die geschehen, in anderen Teilen der Welt oder nebenan. Umso schlimmer, dass der Republik 1.0 doch keine Republik 2.0 folgt, sondern 1.01 oder 1.1. oder 2.010, oder wie auch immer Schröder sie numerieren würde, nur so sicher nicht: 2.0.

Mit dem Web ist das Digitale da, jetzt wird es nur Zeit. Zeit, es als eigene Ordnung anzuerkennen, nicht so zu tun, als wäre es dem Analogen ähnlich, zumindest soll es ähnlich aussehen, sich ähnlich anfühlen, anhören, vergleiche: das mechanische Klicken der Digitalkamera. Am Rand des Fotos wird der Bildstreifen als Bildstreifen belassen, damit jeder merkt, dass es eine analoge Fotografie ist, also eine WIRKLICHE Fotografie, mit allem, was sie ausmacht, mit allem, was sie nicht ausmacht.

404: Es ist ein Fehler aufgetreten

Mach den Blitz aus! Ach nein, der Red Eyes Effect in Photoshop steht schon bereit, um rote Augen nachzubearbeiten. Bald auch: Closed Eyes Effect für Augen, die geschlossen sind, offen erst nach der Nachbearbeitung. I simply love the 21st century. Für solche Möglichkeiten, die bisher unmöglich schienen. Oder für die Tatsache, dass das Wort Bandsalat schon 2006 auf der Liste vom Aussterben bedrohter Wörter stand . Oder für die HDR-Bilder, bei denen man in zehn Jahren klar sieht, das kann nur ein Foto aus den Nullerjahren sein, schon in zehn Jahren sieht man das, in fünf, vier, drei.

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