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Geschichte von rechts Haust du den Duce, schlage ich Stalin

Nach dem Wahlerfolg von Silvio Berlusconi fürchten viele Italiener Geschichtsrevisionismus von rechts. Erste entsprechende Fälle gibt es schon. Unzählige kleine Tabubrüche bereiten einer gesüßten Version des Faschismus den Boden.

© Marta Margotti Vergrößern Faschistisches Wandfresko an einer Hauswand

Der Duce ist wieder da. So jedenfalls muss es auf die Autofahrer wirken, die im Örtchen Montà an der piemontesischen Regionalstraße von Turin nach Alba ein Musterbeispiel des faschistischen Agitprop entdecken. Mehr als acht Meter breit ist der martialische Kopf des Diktators, der unlängst unter der abbröckelnden Farbe, die ihn seit 1945 bedeckt hatte, wieder zum Vorschein kam. Der von den Linken dominierte Gemeinderat von Montà d'Alba hat entschieden, ihn vorerst unverputzt an der Wand zu lassen - als Zeugnis der faschistischen Diktatur. Immerhin zeugen die Spuren diverser Farbbeutel, die wie Warzen auf dem Gesicht des Abgebildeten prangen, dass nicht alle Bürger einverstanden sind.

Dirk Schümer Folgen:  

Seit den Wahlen in Italien hat freilich nicht nur der gemalte Duce Oberwasser, sondern auch seine Erben sind schwer im Kommen. Die Bilder des jubelnden Neu-Bürgermeisters von Rom, Giorgio Alemanno, gingen vor allem darum um die Welt, weil in dessen Anhang Dutzende frenetischer Kameraden stolz die Arme zum römischen Gruß reckten und den einstigen rechtsradikalen Aktivisten Alemanno mit unappetitlichen Rufen „Duce, Duce“ feierten. Alemanno gehört - wie Verteidigungsminister La Russa und der neue Präsident der Abgeordnetenkammer Fini - zur rechtspatriotischen „Alleanza nazionale“, die als Nachfolgepartei der einstigen „Msi“ für faschistische Tradition stand.

Widerstand und Toleranz

Die Polizeiakten des neuen Bürgermeisters erzählen von militanter Teilnahme an Prügeleien und an wilden Demonstrationen gegen kommunistische wie gegen amerikanische Symbole. Doch wurde der Heißsporn, der heute noch ein Keltenkreuz als Maskottchen unterm Hemd tragen soll, niemals verurteilt. Und gleich nach seiner Amtseinführung zog Alemanno zu Kranzniederlegungen ins römische Ghetto und zum antifaschistischen Hinrichtungsmahnmal der Fosse Ardeatine, um seinen Respekt vor den Grundpfeilern der italienischen Demokratie zu bekunden: Resistenza und Toleranz.

Insofern gleicht der Werdegang von Alemanno der Wandlung von Straßenkämpfern und Terroristenfreunden wie Joschka Fischer und Otto Schily zu überzeugten bis wehrhaften Ordnungsdemokraten. Die italienische Rechte klagt denn auch laut darüber, dass ihre Repräsentanten - vor allem im Ausland - ungleich ungnädiger behandelt würden als die zahlreichen Karrierepolitiker mit stalinistischem oder wenigstens eurokommunistischem Hintergrund. Haust du meinen Duce, hau ich deinen Stalin - dieses fruchtlose Duell der Großväter gehört seit Jahren zu den Ritualen italienischer Politik.

Verwischte Fronten

Das liegt auch an der Verwurzelung der ersten Republik im Widerstand gegen deutsche Besatzer und italienische Kollaborateure. Weil dabei linientreue Stalinisten mit Christdemokraten, Sozialisten und am Ende sogar Königstreue auf einer Seite gegen Mussolinis „Repubblica di Salò“ standen, wurden die Fronten gegenüber dem Totalitarismus verwischt: Die Altfaschisten blieben in der Republik isoliert, während die Kommunisten Bürgermeister stellten, die respektabelste Opposition bildeten und bei den Gedenktagen der Befreiung mit roten Fahnen in der ersten Reihe standen.

Aus ihrer Strafecke brechen die alten Salò-Kämpfer nun ganz bewusst auf. Für Pfingsten hatten sie eine Parade mit Totenehrung im piemontesischen Cuneo beantragt, Schon die Wahl des Ortes bedeutete eine Provokation, denn rund um Cuneo in den Westalpen wütete vom Juli 1943 an ein blutiger Partisanenkrieg mit Tausenden von Opfern; Cuneo präsentiert sich deshalb als „Märtyrerstadt“. Wenn hier ehemalige Schwarzhemden Kränze für ihre Gefallenen niederlegen könnten, wäre die Front zwischen Widerstand und Nazifaschismus endgültig verwischt. Die Salò-Kämpfer sagten ihre Parade nach großem Bürgerprotest schließlich ab, doch müssen sie sich von Berlusconis Worten zum Tag der Befreiung, dem 25. April, bestärkt sehen: Man solle die Resistenza ehren, müsse aber endlich auch die Motive der „Ragazzi di Salò“ verstehen.

Der Duce als Familienmensch

Solche Worte klingen nach Ernst Noltes Totalitarismustheorie, der zufolge sich die Untaten der rechten und linken Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert gegenseitig bedingen und anstacheln. Ob man sich für Mussolini oder für Stalin entschied, wird dabei fast zur Fußnote. Der Turiner Historiker Giovanni de Luna beklagt sich über die Reduzierung der faschistischen Unterdrückung auf die antijüdischen Rassegesetze - als sei dem Ehrenmann Mussolini außer der Allianz mit Hitler nichts vorzuwerfen, als hätten die faschistischen Schlägerbanden Gegner nicht reihenweise totgeprügelt, freie Wahlen und Gewerkschaften abgeschafft, blutig ein Kolonialreich erobert und eine ganze Gesellschaft militarisiert. Solche nicht unerheblichen Aspekte fallen unter den Tisch, wenn in Fernsehdebatten Mussolinis Enkelin mit faschistischen Politikerkolleginnen über den Duce als Familienmensch plaudert und sich als wahre Erbin von Opas ehrbarem Gedankengut aufspielt.

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