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Geschäftsberichte : Wenn auf Seite 1001 ein Geheimnis versteckt ist

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Financial Fine Print analysiert, was hinter der Unternehmensfassade verborgen ist. Bild: dpa

Woher weiß man, ob der Konzern, in den man investieren möchte, nicht auf dem absteigenden Ast ist? Michelle Leder spürt mit ihrer Firma die schwarzen Schafe der Branche auf.

          Frau Leder, Ihre Firma heißt Footnoted. Was interessiert Sie an welchen Fußnoten?

          Genaugenommen heißt die Firma Financial Fine Print, nur die Website nennt sich Footnoted, und „Financial Fine Print“ ist auch der Titel meines Buches, das ich vor zehn Jahren geschrieben habe. Wir versuchen, die Nuancen in den Berichten und Erklärungen an die SEC, die Börsenaufsichtsbehörde, zu verstehen. Es gibt darin eine Menge Information, die jedem zur Verfügung steht, denn der Zugang zur Website der SEC ist kostenlos, auch wenn sie nicht gerade benutzerfreundlich ist. Diese von Anwälten ausgearbeiteten Dokumente können mehr als tausend Seiten lang sein. Nehmen Sie etwa Coach, eine international bekannte Lederwarenfirma, deren Geschäftsbericht im vergangenen Jahr mehr als 1100 Seiten umfasste. Es ist verrückt, über so viele Seiten gehen zu müssen, um herauszukriegen, was in einer Firma los ist.

          Wie bewältigen Sie diese Informationsmassen? Wonach halten Sie Ausschau?

          Wir suchen nach allem, was ungewöhnlich ist und neu, insbesondere nach Informationen, die von der Firma zuvor nicht verbreitet wurden. Es mag eine Untersuchung in Asien über minderjährige Arbeitskräfte sein. Oder ein Umweltproblem in Texas. Was auch immer potentiell negative Auswirkungen auf das Unternehmen haben könnte. Vor ein paar Jahren fing zum Beispiel der Chiphersteller Intel an, über mögliche Probleme mit der EU-Kommission zu reden, und plötzlich gab es eine Strafe von über einer Milliarde Dollar. Unternehmen lassen solche Informationen nur langsam herauströpfeln. Der Investor hat also die Aufgabe, selbst zu ermitteln, was Sache ist.

          Sind tausend Seiten nötig? Oder hat sich da schon eine Kunst des Verschweigens und Verwirrens entwickelt?

          Das ist eine heikle Frage. Eine Menge Dinge sollten von einer öffentlich gehandelten Firma, die uns ihre Aktien verkaufen will, offengelegt werden. Ich will ein vollständiges Bild von dem Unternehmen haben, wenn ich das investierte Geld fürs College meiner Kinder brauche. Und trotzdem ist es frustrierend, tausend Seiten lesen zu müssen, bevor man hundert Firmenanteile kauft.

          Welche Worte, welche Formulierungen machen Sie misstrauisch?

          Ein wichtiges Wort ist „subpoena“, die Vorladung unter Androhung einer Strafe. Wenn ein Unternehmen eine Vorladung offenlegt oder eine „Wells Notice“, womit die SEC ein Verfahren ankündigt, dann wollen wir auf jeden Fall mehr wissen. Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass Unternehmen eine derartige Vorladung auch ganz harmlos ankündigen können. Wenn es heißt, eine Vorladung sei zu jedem Zeitpunkt zu erwarten, wird das niemanden besonders in Aufregung versetzen. Anders ist es, wenn der Erhalt einer Vorladung für Montagmorgen am Southern District Court of New York in der Pearl Street bekanntgegeben wird.

          Über Enron, den Energiekonzern, der 2001 so spektakulär Bankrott machte, wird gelästert, er habe schlechte Nachrichten in Kleingedrucktem versteckt. Bis heute wird diese winzige Schriftgröße „Enron type“ genannt. Welche anderen Unternehmenstricks haben Sie bei Ihren Untersuchungen kennengelernt?

          Es gibt eine ganze Menge Tricks, die Unternehmen da anwenden. Gelegentlich gibt eine Firma mehrere Berichte an einem einzigen Tag heraus. Wir sehen das oft, wenn Informationen korrigiert werden sollen. Die Buchhandelskette Barnes &Noble hat einmal um die dreihundert Seiten vorgelegt, und zwar spät am Freitagabend, wenn es niemand so richtig merkt, was wir als „Friday night dump“ bezeichnen. Ein anderer beliebter Trick besteht darin, möglichst viele Informationen gleichzeitig zu veröffentlichen, so, als würde man den Abfall in einem Schwung entsorgen, wie an einem Sperrmülltag in der Vorstadt. Microsoft verschickte eine Presseerklärung zu einer bestimmten Sache und enthüllte erst danach in einer weiteren Mitteilung, dass es einen neuen Vorstandsvorsitzenden gebe. Im Laufe der zehn Jahre, in denen ich im Geschäft bin, habe ich manch einen Trick gesehen, aber es erstaunt mich immer wieder neu, was so alles in Berichten versteckt und vergraben werden kann.

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