21.12.2003 · Das "Internationale Germanistenlexikon" hat für Unruhe gesorgt. Wir wissen nun, daß namhafte deutsche Geisteswissenschaftler in jungen Jahren Mitglied der NSDAP waren. Jetzt äußerte sich Günter Grass zur Debatte.
Noch vor seinem eigentlichen Erscheinungstermin hat das von Christoph König herausgegebene "Internationale Germanistenlexikon" für Unruhe gesorgt. Wir wissen jetzt, daß Walter Jens, Walter Höllerer, Peter Wapnewski und andere namhafte deutsche Geisteswissenschaftler in jungen Jahren Mitglied der NSDAP waren. Über die Gründe für diese Mitgliedschaft ist dagegen wenig bekannt. Günter Grass, Jahrgang 1927, hat aus seiner einstigen Verführbarkeit durch Nazi-Parolen nie ein Hehl gemacht. Am Rande einer Gedenkveranstaltung für seinen im Mai verstorbenen Freund und Förderer Höllerer in Sulzbach-Rosenberg äußerte er sich zu der durch Königs Lexikoneinträge ausgelösten Debatte.
Ihr verstorbener Freund Walter Höllerer ist in jüngster Zeit ins Gerede geraten durch eine Bemerkung in dem gerade erschienenen Marbacher Germanistenlexikon von Christoph König. Höllerer soll, wie auch Arthur Henkel, Walter Jens und Peter Wapnewski, Mitglied der NSDAP gewesen sein. Hat Sie diese Information überrascht? Gehört sie überhaupt in ein Lexikon?
Mich hat empört, mit welcher geschliffenen und eingeübten "Spiegel"-Häme das Ganze an die Öffentlichkeit gebracht worden ist. Dann frage ich mich: Wenn Herr König in der Tat Germanist ist, wie kommt er dazu zu sagen, Walter Höllerer und Walter Jens seien Germanisten gewesen während der Nazi-Zeit. Sie sind nicht einmal zum Studium gekommen! Walter Höllerer war im Jahr 1942 neunzehn Jahre alt. Er ist nach dem Krieg genau wie Walter Jens im Bereich der Literatur zu einer hervorragenden Person geworden - durch Leistung. Die zählt für mich zuallererst. Ich bin fünf Jahre jünger als Walter Höllerer. Bei Kriegsende war ich zwar siebzehn Jahre alt, aber bis heute nagt an mir, daß ich als Fünfzehn-, Sechzehnjähriger nicht den hellen Blick gehabt habe, das Verbrecherische dieses Systems zu durchschauen. Ich kann nicht ausschließen, daß ich, wenn ich fünf Jahre älter gewesen wäre, wahrscheinlich auch irgend so einen Schrieb unterzeichnet hätte. Zumal im Jahre 1942 die Euphorie in Deutschland nach all den Siegen - Polen, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Balkan, Griechenland, Kreta, Rußland und, auch noch 1942, die große Kaukasus-Offensive - die jungen Menschen begeistert hat.
Wir wollen offenbar nicht zur Kenntnis nehmen, daß die NSDAP vom Alter ihrer Mitglieder her eine sehr junge Partei gewesen ist. Und daß bei Hitlers Machtergreifung fast alle Universitäten schon von den nationalsozialistischen Studentenverbänden bestimmt wurden. Das gehört zu dieser Zeit. Wenn man über sie urteilt, dann muß man tolerieren und anerkennen, daß alle, die diesen Jahrgängen angehört haben, sofern sie's überlebt haben, die Chance hatten, etwas daraus zu machen. Das trifft auf Walter Höllerer, auf Wapnewski, auf Walter Jens zu. Ich finde es einfach jämmerlich, wie man sich an ein paar dürre Fakten hält, von denen ich immer noch nicht weiß: Ist das mit Einwilligung geschehen oder nicht? Damit kann man nicht ein Leben zudecken!
Wie erklären Sie sich die Reaktion der Betroffenen, die teils diese Geschichte ganz ableugnen, teils sich nur Stück für Stück allmählich an sie erinnern wollen? Was ist das für eine Haltung?
Scham! Ich kann es nur von meiner eigenen Biographie her erklären. Diese Befangenheit in der Ideologie des Nationalsozialismus ist eine Periode, in der ich mich im Rückblick als eine völlig fremde Person begreife und mir mein Verhalten nicht erklären kann. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, daß man in meiner Familie, als ein Cousin meiner Mutter, der bei der polnischen Post beschäftigt war, als Franktireur erschossen wurde, nicht mehr darüber sprach. Warum ich als Vierzehn-, Fünfzehnjähriger nicht Fragen gestellt habe, ist mir bis heute unbegreiflich, und diese Dinge setzen sich fest und führen dann zu einer Scham, auch zu einem Bedürfnis, das zu verdecken, es nicht zu erwähnen sich selbst gegenüber.
Sie selbst haben Ihre Faszination durch den Nationalsozialismus immer bekannt - etwa in einer Rede, die Sie 1966 gehalten haben, um vor einer Wiedererstarkung der NPD zu warnen. Da sagten Sie, daß Goebbels' "Fangfrage: ,Wollt ihr den totalen Krieg?'" auch bei Ihnen - Sie waren damals sechzehn Jahre alt - "opferbereite Weihestimmung" aufkommen ließ. Wären Sie denn völlig überrascht, wenn man Ihnen heute eine Karteikarte vorlegen würde, aus der Ihre Parteizugehörigkeit hervorginge?
Ich glaube, man konnte erst mit achtzehn überhaupt in die NSDAP eintreten . . .
Man spricht von geschlossenen Überführungen der Hitlerjugend in die Partei.
Ja, sicher, wenn das auf mich zukäme, ist das durchaus möglich und wahrscheinlich auch. Also, ich kann mich nicht daran erinnern, dem widersprochen zu haben. Was mich sicher auch dazu gebracht hat, von der "Blechtrommel" an in Reden und in Aufsätzen die eigene Fragwürdigkeit zum Thema zu machen, war die Tatsache, daß es nach dem Krieg so viele Antifaschisten gab, daß man sich gewundert hat, wie sich Hitler an der Macht halten konnte. Mehr Antifaschisten als Parteimitglieder. Am Schluß hat die NSDAP, glaube ich, neun Millionen Mitglieder gehabt. Es kommt sicher auch noch dazu, daß 1942, wenn es denn eine solche Aktion gegeben hat, sehr viele Parteimitglieder gefallen waren und man ihre Reihen aufstocken wollte. Das ist eine Vermutung von mir.
Sie haben gesagt, Walter Jens sei nach dem Krieg ein ganz anderer Mensch geworden. Hans Ernst Schneider alias Hans Schwerte hat sich ja nach dem Krieg tatsächlich zu einem ganz anderen Menschen gemacht und eine neue Identität angenommen.
Ein verdienstvoller Germanist . ..
Er hat es sogar zum Rektor der TU Aachen gebracht. Man hat ihm seine liberale Gesinnung im Umgang mit den linken Studenten zugute gehalten, auch seine Verdienste um die Gegenwartsliteratur.
Man muß wirklich aufpassen. Man kann nicht Schneider mit Jens und Walter Höllerer auf eine Stufe stellen. Denn Schneider war tätig im "Ahnenerbe". Das trifft auf Walter Höllerer und Walter Jens überhaupt nicht zu und auf Wapnewski auch nicht. Das empört mich, diese Heuchelei, der mittlerweile allgemein geförderte Häme-Ton in Deutschland bei solchen Fällen. Jeder sieht sich dabei als den Besseren an und meint, über anderen zu stehen. Daraus werden dann Funken geschlagen.
Mit Ihrer Novelle "Im Krebsgang" haben Sie den Blick von den deutschen Tätern hin zu den deutschen Opfern gelenkt. Würden Sie die Flakhelfer, die jugendlichen Soldaten und Parteigenossen eher zu den Tätern als zu den Opfern rechnen?
Das sind Kategorien, die ich nicht benutze. Für mich ist dieses Thema, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie im "Krebsgang", immer ein Thema gewesen. Es ist mit ein Grund dafür gewesen, daß die "Blechtrommel" in den Ostblockländern zunächst nicht erscheinen konnte, weil ich die Besetzung Danzigs durch die 2. sowjetische Armee beschrieben habe. Es kommen auch Vergewaltigungen vor, also all das, was zum gräßlichen Alltag der letzten Kriegsmonate, des letzten Kriegsjahres gehörte. Nur: Das sind zwei Kapitel! Dann auch die Ausweisung der Deutschen, die Flucht in Güterwagen. Aber schon in den "Hundejahren" ist ja die Figur der Tulla Pokriefke mit angelegt, und schon in "Katz und Maus", dann auch in "Hundejahre" taucht die Vermutung auf: Die sind wahrscheinlich mit der "Gustloff" abgesoffen. Das wird dann noch einmal in der "Rättin" aufgenommen. Das Material dafür wurde immer größer und unübersichtlicher, auch immer trockener, und ich fand keinen literarischen Zugang. Bis ich auf die naheliegende Idee kam, in all das historisch verbürgte Personal, von Gustloff und David Frankfurter bis zu dem U-Boot-Kommandanten Marinesko, eine fiktive Figur einzuführen: Tulla Pokriefke. Ich war überrascht, wie das dann auf die Spitze getrieben wurde - so als wollte ich jetzt die deutsche Opferrolle darstellen. Das ist Unsinn. Sicher, im Nebenton gehört es mit dazu, das schlägt sich in der Novelle nieder. War es ein Versäumnis, dieses Thema aufzugreifen?
Sie haben sich ja selbst in den Zusammenhang der Diskussion über die Deutschen als Opfer gestellt.
Die Zeit, die vergangen ist, der lange Zeitraum, hat die Möglichkeit, darüber nicht nur im deutschen Selbstgespräch, sondern auch mit den Polen und Russen zu reden, vergrößert. Man kann in Polen seit den achtziger Jahren nicht nur darüber sprechen, sie haben auch selbst darüber geschrieben, was lange dort tabu war. Nicht nur von der kommunistischen Partei, auch von der katholischen Kirche wurde gesagt: Das sind alles uralte polnische Gebiete, die wir zurückerobert haben. Das wird heute nicht mehr so gesagt.
Da gibt es von Pawel Huelle eine Erzählung über die Geschichte eines Tisches: Wer hat da früher dran gesessen zur deutschen Zeit? Der gräbt regelrecht danach, und das hat ein ressentimentfreies Gespräch über die von den Deutschen verursachten Vertreibungen und die nachfolgenden Vertreibungen durch die Polen möglich gemacht. Und da jede Vertreibung auch zwangsläufig zu Verbrechen führt, gab es sogar Ansätze in Polen, über diese Verbrechen zu sprechen. Das wird zur Zeit eher beschädigt durch diese Frau Steinbach, die es sich in den Kopf gesetzt hat, ich weiß nicht aus welchen Gründen, in Berlin etwas zu machen, was eine europäische Aufgabe wäre, was nicht aus deutscher leidvoller Erfahrung allein geschehen muß: die Ursachen und Wirkungen der Vertreibungen darzustellen. Sonst führt das wieder in die alten Ressentiments zurück. Wir erleben es ja jetzt schon in den Diskussionen, daß vieles, was schon mit den Polen im Gespräch möglich war, heute wieder schwieriger geworden ist.