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Sonntag, 12. Februar 2012
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Gerichtsmedizin Der Forensiker ist immer der Gute

08.08.2005 ·  Gerichtsmediziner sind beliebt; ganz besonders „sexy“ sind die Forensiker in amerikanischen TV-Serien - spätestens seit „Dr. Quincy“ jeden seiner grünbetuchten Fälle löst. Der Bildschirmerfolg hat allerdings auch Schattenseiten.

Von Eva von Schaper
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In einem kleinen Laden gerät Officer Clay zufällig in einen Raubüberfall hinein und wird dabei erschossen. Sein Partner, David Fromansky, tötet in dem nachfolgenden Feuergefecht zwei maskierte Täter. Eine unbeteiligte Kellnerin und ein junger Mann werden ebenfalls getroffen; sie sterben noch am Tatort. Später werden insgesamt 18 Pistolenkugeln gezählt, 26 Patronenhülsen und 72 Schrotkugeln. Am Projektil Nr. 26 finden sich außerdem blaue Fasern. Wer hat nun die beiden unbeteiligten Opfer erschossen: der Polizist oder einer der Gangster?

Für die Forensiker ist diese spezielle Konstellation natürlich eine echte Herausforderung. In knapp sitzenden Lederjeans und mit langen, glatten Haaren beugen sich die Ermittlerinnen über die Leichen, die Ermittler vermessen derweil den Tatort. Später im Labor arbeiten sie flink eine Simulation auf dem Rechner aus, versuchen die Flugbahn eines jeden Geschosses genau nachzuvollziehen. Denn wenn ihr Kollege Fromansky die Kellnerin erschossen hätte, wäre seine Karriere wohl vorbei. Der Fall wird nach aufwendigen Recherchen und Analysen gelöst: Fromansky ist unschuldig. Nicht länger als 40 Minuten haben die Ermittler gebraucht, um den Ermittler zu entlasten. Denn der Überfall, das Feuergefecht und die Aufklärung fanden nur auf dem Bildschirm statt, in einer Folge der beliebten amerikanischen Fernsehserie "CSI" (Crime Scene Investigation).

Mit dem „Hummer“ zum Tatort?

Die flotte Darstellung entspricht allerdings nicht ganz dem Alltag eines Durchschnittsforensikers: Lederjeans, zum Beispiel, habe sie noch nie besessen, sagt Demris Lee, Mitarbeiterin im DNA-Labor der amerikanischen Streitkräfte. Und auch mit einem bulligen "Hummer" sei sie noch nie zum Tatort kutschiert. Solche Feinheiten sind dem Publikum indessen egal. Rund 55 Millionen Zuschauer schalten in den Vereinigten Staaten ihren Fernseher an, wenn CSI und die CSI-Schwesterserien aus Miami und New York laufen. "New Detectives", "Six Feet Under" oder "Autopsy" sind weitere Serien, die ihre Zuschauer in die Kellerräume der Pathologie locken. Gar nicht zu reden von "Quincy", dem Vater aller TV-Gerichtsmediziner, dessen insgesamt 148 Fälle immerhin schon seit 1976 in endlosen Wiederholungen gezeigt werden.

Die Bezeichnung "Forensiker" wird dabei locker für eine ganze Reihe von Berufen verwendet: So können es Rechtsmediziner, Kriminalbiologen oder auch Ermittler sein. Eines haben sie gemeinsam: "Der Forensiker ist immer der Gute", sagt der deutsche Kriminalbiologe Mark Benecke. Denn die Spurensicherer sorgen ganz schlicht dafür, daß "der Böse hinter Gittern verschwindet". In den Fällen, die er selbst bearbeitet und in seinen Büchern dargestellt hat, läßt Benecke eine moralische Bewertung der am Mordfall beteiligten Figuren lieber weg. "Manchmal sind Opfer und Täter beide schlecht, manchmal sind beide gut", sagt Benecke. Es gebe Fälle, in denen sterbe ein Mensch nur, "weil er eben ein Waschlappen war".

Dem Unfehlbaren über die Schulter geschaut

Der neue Typ des Ermittlers, der nicht nur Zeugen befragt, sondern auch Erbgut untersucht, bietet dem Zuschauer über den Kitzel eines normalen Krimis hinaus auch noch den Genuß, einem prinzipiell Unfehlbaren über die Schulter zu schauen. Das Surren der Geräte und die roten Laserstrahlen, die den Weg einer Kugel nachzeichnen, versprechen Tröstliches, nämlich daß hier die Wissenschaft am Ende unweigerlich die Wahrheit ans Licht bringen wird, allen brutalen Killern und korrupten Polizisten zum Trotz.

Eine andere mögliche Erklärung für den Erfolg solcher Serien nennt Max Houck, ein forensischer Anthropologe von der University of West Virginia. "Die Ermittler kleiden sich wie Ärzte, tragen Waffen und Ausweise wie Polizisten und treten wie Cowboys auf", sagt Houck - eine unwiderstehliche Mischung aus Intellekt und Tatkraft, die dem amerikanischen Publikum offenbar ungemein behagt. Die Begeisterung für die Serien führen viele Forensiker aber auch auf das spektakuläre Verfahren gegen den ehemaligen Footballstar O. J. Simpson zurück, bei dem über Wochen hinweg auf allen Rundfunkkanälen über die Bedeutung eines blutgetränkten Handschuhs diskutiert wurde.

Wissenschaft ist auf einmal sexy

Das hat in der amerikanischen Gesellschaft durchaus Spuren hinterlassen. Wissenschaft ist dort auf einmal sexy, hat Benecke beobachtet. Denn im Fernsehen wird das, was vielen sonst zu hoch ist, in der praktischen Anwendung gezeigt - und wird dabei auf einmal ganz einfach und verständlich. Die Beliebtheit der Serien beschert den Naturwissenschaftlern unverhofft ein positives Renommee. Früher galten Forscher als verkauzt, jetzt ist es offenbar ganz gut, daß es Menschen mit einem Fachwissen gibt, die sich um diese Aufgaben kümmern. Zuletzt war das nach dem Tsunami in Asien zu sehen. "Zurück aus der Hölle" überschrieben Zeitungen Berichte über jene Gerichtsmediziner, die scheinbar unkenntliche Leichen in Indonesien identifiziert hatten. "Jetzt verstehen auf einmal alle, was ich mache", erzählte Max Houck einem Reporter. "Ach, das ist ja wie bei CSI", hört er dann oft.

Ganz so wie bei CSI ist es dann in der Praxis doch nicht. Anders als ihre realen Kollegen lösen die Fernsehfahnder jeden Fall, den sie anpacken. Wartezeiten im Labor oder gar chronische Geldknappheit kommen in den CSI-Städten Miami oder New York nicht vor. "Ich schätze, wir haben noch Tausende von Fällen, die auf Bearbeitung warten", sagt dagegen der Historiker der Amerikanischen Gesellschaft für Forensische Wissenschaft (AAFS) Kenneth Fields. Das National Institute of Justice schätzt, daß in den Vereinigten Staaten rund 200.000 bis 300.000 nicht untersuchte Proben lagern.

Künstlerische Freiheit bei den Ermittlungsmethoden

Auch bei den Ermittlungsmethoden lassen sich die Drehbuchschreiber viel künstlerische Freiheit. So wird etwa ein Tech-9-Geschoß verkehrt herum in eine Glock-9-Pistole geschoben. Eine Wunde wird mit Silikon ausgegossen, um die Tatwaffe zu ermitteln. Maden werden einzeln unter dem Mikroskop seziert, anstatt sie wie üblich in einen Mixer zu werfen. Injektionsspuren sind auf einmal kinderleicht auf der Haut der Toten zu identifizieren - im Fernsehen wird "die Wissenschaft eben etwas dramatisiert", sagt Kenneth Field.

Daß eine TV-Serie von der Realität abweicht, scheint auf den ersten Blick plausibel und nicht besonders schwerwiegend. Den Familien der realen Opfer aber, sagt Patty McFeeley, Assistant Chief Medical Investigator des Bundesstaates New Mexico, bereite diese Kluft zwischen Fernsehen und Wirklichkeit häufig ernsten Kummer. Wenn sie erfahren, daß Ergebnisse aus der Toxikologie schon mal einige Monate dauern können und nicht über Nacht abrufbar sind, sind sie enttäuscht und fühlen sich von den Ermittlern im Stich gelassen.

„Die Datsteller sind einfach zu klug“

McFeeley führt noch weitere Mißverständnisse an, die durch allzu gutgläubigen Fernsehkonsum entstehen können. Die Serienermittler haben beispielsweise alle DNA-Profile aller bekannten Täter gespeichert. Doch häufig kann die Polizei einen Täter nicht auf diese Weise überführen, weil seine DNA-Daten gar nicht gespeichert sind. Zudem fehlt es den Figuren nach Ansicht der echten Ermittler an menschlicher Fehlbarkeit. "Die Darsteller sind einfach zu klug, nie müssen sie mal in ein Buch schauen", sagt McFeeley. Auch daß die weiblichen Wissenschaftler ihre Haare stets offen tragen, ist weit von der Realität entfernt, sagt Max Houck. "Das könnte die Beweise kontaminieren." Im echten Beruf müssen Forensiker stets Handschuhe, Hauben, Mundschutz, Füßlinge, Augenschutz, Kopfschutz und sogar eine Schutzbrille tragen.

Doch insgesamt habe die Serie CSI für die forensische Wissenschaft viel Gutes, sagt Earl Wells vom South Carolina Law Enforcement Forensics Services Lab im Bundesstaat South Carolina. "Wir bekommen sehr viel bessere Bewerber und registrieren mehr Interesse." Andererseits muß sein Labor jetzt auch ein größeres Arbeitsvolumen bewältigen. Nachdem die Ermittler in einer CSI-Folge beispielsweise DNA-Proben von einem Lenkrad gewonnen hatten, schnellte auch in South Carolina die Anfrage nach solchen Untersuchungen hoch.

TV-Serien als Unterrichtsmaterial

Einen ähnlichen Effekt verzeichnen Colleges und Universitäten. An der West Virginia University studierten vor sechs Jahren noch gerade mal vier Studenten eines der forensischen Schwerpunktfächer - im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als vierhundert. Einige der TV-Folgen erweisen ihren Nutzen sogar als Unterrichtsmaterial. Eine CSI-Simulation einer Kugel, die den Pistolenlauf verläßt, hat Jonathan Hayes von dem New York Medical Examiners Office so beeindruckt, daß er sie demnächst seinen Studenten vorführen will.

Nur den Richtern der Vereinigten Staaten geht der massenhafte CSI-Konsum inzwischen gewaltig auf die Nerven. Denn die Serie führt im Gerichtsalltag zu einem Phänomen, das mittlerweile schon "CSI-Effekt" genannt wird: Die Juroren haben eine große Menge angeblichen Fachwissens über forensische Methoden aufgeschnappt, können dessen Relevanz für den aktuellen Fall aber nicht immer richtig einschätzen. So wollte eine Gruppe von Juroren unbedingt einen Mantel auf DNA-Spuren untersuchen lassen, obwohl der Verdächtige längst gestanden hatte. Staatsanwälte scheuen sich zunehmend, Beweise vorzulegen, die nicht zu hundert Prozent forensisch abgesichert sind. Denn mit der simplen, manchmal völlig sinnlosen Frage "Wo ist der DNA-Test?" kann ein Verteidiger heutzutage tatsächlich eine Verhandlung ins Kippen bringen.

Tröstlich, daß auch die CSI-Fahnder gelegentlich danebenliegen. Beim eingangs erwähnten Fall um Officer Fromansky hätten sie sich das lange Spurenlesen sparen können. Denn allein schon aus den blauen Fasern am Projektil Nr. 26 hätte ein erfahrener Ermittler den Tathergang locker rekonstruieren können.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite 57
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Von Gerhard Stadelmaier

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