http://www.faz.net/-gqz-6xjpa

Gerhard Richter zum 80. : Das informelle Zeitalter hat gerade erst begonnen

Sieht sich selbst als informellen Künstler: Gerhard Richter Bild: dapd

Die Mächtigen lieben ihn als den Rubens unserer Zeit. Dabei versteht er die Malerei als Prozess der Befreiung, der jedem etwas sagen soll: zum achtzigsten Geburtstag von Gerhard Richter.

          Auf den Maler Gerhard Richter, der an diesem Donnerstag achtzig Jahre alt wird, scheint die Bemerkung zu passen, die Thomas Gainsborough auf Sir Joshua Reynolds gemünzt hat: „Damn the man, how various he is!“ Richters Werkentwicklung stellt sich schon seit Jahrzehnten als Abfolge von Paradigmenwechseln dar. Jede künstlerische Bewegung seit der Pop-Art scheint er antizipiert und paraphrasiert zu haben. Die kontinuierliche Variabilität seiner Produktion ist mit wechselnden Etiketten versehen worden, die längst den Weg alles Modischen gegangen sind.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Richter hat die Postmoderne überlebt und ist heute ein Weltstar der Kunst. In den Augen der Reichen und Mächtigen aller Länder verkörpert er die Malerei wie einst Peter Paul Rubens. Dass er als Proteus seines Faches bewundert wird, ist Richter ganz und gar nicht recht. Die Formel vom Stilwechsel nennt er kurzerhand falsch. Das kunstkritische Klischee will er mit einer Evidenzprobe widerlegen: Seine Bilder „können äußerlich noch so verschieden sein, sie sind oft besser als der ,Richter‘ wiederzuerkennen und zu identifizieren als Bilder von irgendeinem anderen Maler“. Er mache nicht „immer dasselbe“, verfolge aber, teilt Richter im Duktus eines Festredners mit, „ein gleichbleibendes Anliegen“. Nur welches?

          Vor Idealisierung auf der Hut

          Gainsborough entfuhr sein Lobfluch auf Reynolds, als er in der Jahresausstellung der Londoner Königlichen Akademie der Künste die neuesten Werke seines Rivalen studierte. Der Akademiepräsident brillierte in allen Gattungen, auch in den nach klassischer Lehre niederen Genres der Landschaft und des Porträts, auf die Gainsborough sich beschränkte. In der Vielseitigkeit des Großmeisters, dieser Trost ist die Pointe des Diktums, lag auch eine Gefahr.

          Sie wird mit Schlagworten wie Glätte, Kälte, Leere und Beliebigkeit beschrieben. Richter ist in seinen Selbstkommentaren darauf bedacht, solche mit der Zuschreibung der Alleskönnerschaft verbundenen Assoziationen abzuwehren. Er betont, welche Mühen ihm der Malprozess bereitet und wie oft er ein Bild verwirft oder wenigstens für misslungen hält, ja, er stilisiert sich geradezu zum Dilettanten. Solche Bescheidenheitstopoi haben einen aus der Geschichte der Kunstliteratur geläufigen Sinn.

          Der Radikalindividualist folgt keinen Genres

          Das für Richters Karriere entscheidende Ereignis war sein Weggang aus der DDR im Frühjahr 1961. Er hatte an der Kunstakademie seiner Vaterstadt Dresden studiert und Wandbilder im Staatsauftrag geschaffen, in denen niemand „den Richter“ wiedererkennen würde. Im Westen bekehrte er sich zur Moderne - um alle Schulprogramme und Gruppenmanifeste, wie sie den Siegeszug der Moderne prägten, als Varianten des tyrannischen Dogmatismus zu verurteilen, den er hinter sich gelassen hatte. In seine Bilder sind Ambivalenzen oft nur hineingelesen worden, er selbst sagt sogar, kein Bild könne unscharf sein. Richters Verhältnis zur modernen Kunst als sozialem Erfolgsmodell ist aber in der Tat zweideutig. Mit bizarrer Konsequenz spitzte er seine private Totalitarismustheorie zu, als er verlauten ließ, Stil sei immer gewaltsam - und er wolle kein Hitler oder Stalin sein.

          Weitere Themen

          Explosive Kunst Video-Seite öffnen

          Gun Powder Art : Explosive Kunst

          Dino Tomic hat sich der Schießpulver-Kunst verschrieben. Das eigentliche Kunstwerk entsteht erst, nachdem er es angezündet hat. Danach brennt es sich – im wahrsten Sinne des Wortes – in das Papier oder die Leinwand ein.

          Hariri zurück im Libanon Video-Seite öffnen

          Rückkehr : Hariri zurück im Libanon

          Der ehemalige Ministerpräsident des Libanon, Saad al-Hariri, ist am Dienstag erstmals nach seiner Rücktrittserklärung in sein Heimatland zurückgekehrt. Er wurde am Flughafen Beirut von Sicherheitskräften empfangen

          Topmeldungen

          Nächtliche Beratung : SPD-Führung schließt Groko nicht mehr aus

          Die Kurve kriegen, aber keine faulen Kompromisse machen, lautet das Motto der SPD-Spitze. Man könne über alles mögliche reden – viel mehr dringt nach acht Stunden Nachtsitzung nicht durch. Zumindest zur unmittelbaren Zukunft von Martin Schulz gibt es klare Worte.
          Berthold Albrechts Witwe Babette kämpft im Rechtsstreit bei Aldi Nord um ihren Einfluss (Bild aus dem Jahr 2015)

          Gerichtsverfahren : Machtkampf bei Aldi Nord geht weiter

          Vor Gericht streiten die Firmenerben von Aldi Nord weiter um ihren Einfluss auf die Führung des Discounters. Wie steht es um die Entscheidung im Machtkampf der Nachfahren von Theo Albrecht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.