http://www.faz.net/-gqz-6xjpa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.02.2012, 17:13 Uhr

Gerhard Richter zum 80. Das informelle Zeitalter hat gerade erst begonnen

Die Mächtigen lieben ihn als den Rubens unserer Zeit. Dabei versteht er die Malerei als Prozess der Befreiung, der jedem etwas sagen soll: zum achtzigsten Geburtstag von Gerhard Richter.

von
© dapd Sieht sich selbst als informellen Künstler: Gerhard Richter

Auf den Maler Gerhard Richter, der an diesem Donnerstag achtzig Jahre alt wird, scheint die Bemerkung zu passen, die Thomas Gainsborough auf Sir Joshua Reynolds gemünzt hat: „Damn the man, how various he is!“ Richters Werkentwicklung stellt sich schon seit Jahrzehnten als Abfolge von Paradigmenwechseln dar. Jede künstlerische Bewegung seit der Pop-Art scheint er antizipiert und paraphrasiert zu haben. Die kontinuierliche Variabilität seiner Produktion ist mit wechselnden Etiketten versehen worden, die längst den Weg alles Modischen gegangen sind.

Patrick Bahners Folgen:

Richter hat die Postmoderne überlebt und ist heute ein Weltstar der Kunst. In den Augen der Reichen und Mächtigen aller Länder verkörpert er die Malerei wie einst Peter Paul Rubens. Dass er als Proteus seines Faches bewundert wird, ist Richter ganz und gar nicht recht. Die Formel vom Stilwechsel nennt er kurzerhand falsch. Das kunstkritische Klischee will er mit einer Evidenzprobe widerlegen: Seine Bilder „können äußerlich noch so verschieden sein, sie sind oft besser als der ,Richter‘ wiederzuerkennen und zu identifizieren als Bilder von irgendeinem anderen Maler“. Er mache nicht „immer dasselbe“, verfolge aber, teilt Richter im Duktus eines Festredners mit, „ein gleichbleibendes Anliegen“. Nur welches?

Vor Idealisierung auf der Hut

Gainsborough entfuhr sein Lobfluch auf Reynolds, als er in der Jahresausstellung der Londoner Königlichen Akademie der Künste die neuesten Werke seines Rivalen studierte. Der Akademiepräsident brillierte in allen Gattungen, auch in den nach klassischer Lehre niederen Genres der Landschaft und des Porträts, auf die Gainsborough sich beschränkte. In der Vielseitigkeit des Großmeisters, dieser Trost ist die Pointe des Diktums, lag auch eine Gefahr.

Mehr zum Thema

Sie wird mit Schlagworten wie Glätte, Kälte, Leere und Beliebigkeit beschrieben. Richter ist in seinen Selbstkommentaren darauf bedacht, solche mit der Zuschreibung der Alleskönnerschaft verbundenen Assoziationen abzuwehren. Er betont, welche Mühen ihm der Malprozess bereitet und wie oft er ein Bild verwirft oder wenigstens für misslungen hält, ja, er stilisiert sich geradezu zum Dilettanten. Solche Bescheidenheitstopoi haben einen aus der Geschichte der Kunstliteratur geläufigen Sinn.

Der Radikalindividualist folgt keinen Genres

Das für Richters Karriere entscheidende Ereignis war sein Weggang aus der DDR im Frühjahr 1961. Er hatte an der Kunstakademie seiner Vaterstadt Dresden studiert und Wandbilder im Staatsauftrag geschaffen, in denen niemand „den Richter“ wiedererkennen würde. Im Westen bekehrte er sich zur Moderne - um alle Schulprogramme und Gruppenmanifeste, wie sie den Siegeszug der Moderne prägten, als Varianten des tyrannischen Dogmatismus zu verurteilen, den er hinter sich gelassen hatte. In seine Bilder sind Ambivalenzen oft nur hineingelesen worden, er selbst sagt sogar, kein Bild könne unscharf sein. Richters Verhältnis zur modernen Kunst als sozialem Erfolgsmodell ist aber in der Tat zweideutig. Mit bizarrer Konsequenz spitzte er seine private Totalitarismustheorie zu, als er verlauten ließ, Stil sei immer gewaltsam - und er wolle kein Hitler oder Stalin sein.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gallery Weekend Das Modell funktioniert bestens

Das Gallery Weekend in Berlin überzeugt mit hervorragenden Ausstellungen, und einmal mehr sind viele internationale Besucher in die Stadt gekommen. Ein Rundgang. Mehr Von Kolja Reichert

30.04.2016, 10:18 Uhr | Feuilleton
Video William und Kate in Indien

Prinz William und seine Gattin, Herzogin Kate, trafen am Sonntag während ihres Besuch in Indien wichtige Vertreter der Kino-Prominenz von Bollywood. Zuvor waren die beiden Royals ebenfalls in Mumbai bedürftigen Kindern begegnet. Angesetzt war ein Wohltätigkeitsmatch im Cricket für unterprivilegierte Mädchen und Jungen. Mehr

11.04.2016, 14:07 Uhr | Gesellschaft
GPS mal anders Radfahren ist doch eine Kunst

Kornkreise drehen war gestern. Wer heute Freiluftbildnerei zelebrieren will, tritt in die Pedale und malt per GPS-Gerät formschöne Strecken ins Land. Das ergibt die tollsten Ansichten. Mehr Von Ursula Scheer

16.04.2016, 11:37 Uhr | Feuilleton
Blauer Planet Nasa zeigt wunderschöne Bilder der Erde

Neue Aufnahmen der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa zeigen beeindruckende Bilder der Erde. Sie zeigen, wie ein Astronaut die Erde aus dem All sieht. Das Video hat eine besonders hohe Bildauflösung, die Erde erstrahlt in ultra high-definition. Mehr

21.04.2016, 10:55 Uhr | Wissen
Musée Jaquemart-André Drei Farben Blau

Das Musée Jacquemart-André in Paris zeigt hochkarätige Pleinairmalerei von Corot, Courbet, Monet – aber auch von unbekannteren Künstlern. Mehr Von Helmut Mayer, Paris

24.04.2016, 08:33 Uhr | Feuilleton
Glosse

Haben Sie auch schon einen Anteilsschein?

Von Michael Hanfeld

Nach der Geburt seiner Tochter schien es, als gebe Mark Zuckerberg seine Facebook-Anteile ab. Doch jetzt wird klar, dass er es nicht so meint. Dieser Konzernchef hat besondere Vorstellungen von Selbstlosigkeit. Mehr 1 24

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“