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Gerd Gigerenzer wird 70 : Menschenskind, lass dich nicht ins Bockshorn jagen!

Gerd Gigerenzer Bild: Julia Zimmermann

Ein Psychologe mit unbändiger Weltvermessungslust und einer Vorliebe für Faustregeln: Dem Risikoforscher Gerd Gigerenzer zum Siebzigsten.

          Unlängst gefragt, was denn der Auslöser für seine Entscheidung gewesen sei, sich beruflich mit Risiko und Ungewissheit zu beschäftigen, antwortete Gerd Gigerenzer: „Mein Interesse an Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und ich wollte wissen, wie sich Menschen entscheiden, wenn sie eine Situation nicht genau einschätzen können. Das war kurz vor der Promotion. Es hätte auch anders kommen können. Ich machte damals recht erfolgreich Musik, spielte Banjo, Gitarre und Akkordeon, meistens Dixieland. Damit verdiente ich mehr als mit der wissenschaftlichen Arbeit. So musste ich mich entscheiden. Ich habe das größere Risiko gewählt – eine wissenschaftliche Karriere.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Man wird ihn getrost den obersten Durchblicker der Republik nennen dürfen. Man kann auch sagen: Gerd Gigerenzer hat den Bogen raus, weil er weiß, dass es eingebildete Gefahren gibt einerseits, tatsächliche Gefahren andererseits, und weil er zugleich genügend nachgedacht hat, um die einen von den anderen unterscheiden zu können. Auf diese einer Faustregel nachgebildeten Leitlinie – Gigerenzer liebt Faustregeln – wird man seine intellektuelle Biographie bringen können. Die Frage, wie sich in den verschiedenen Lebensbereichen beherrschbare Risiken von unbeherrschbaren Unsicherheiten unterscheiden lassen – für ihn die Schlüsselunterscheidung –, ließ den Psychologen ein Leben lang nicht los. Seine Forschungen reichen von der Psychologie in die Ökonomie, Informatik, Mathematik und Biologie hinein.

          Die grundlegende biographische Herausforderung

          Wie nebenbei ist so mit der Zeit ein Manual des guten Lebens entstanden, einer Existenzweise, die nicht blindlings von einem Absturz zum nächsten gerät, sondern auf ihrer Höhe bleibt, wenn die Lage einmal mehr unübersichtlich ist. In diesem Sinne immer schon ein Aufbauhelfer der Lebenstüchtigkeit, erarbeitet Gigerenzer gerade einen „Risiko-Atlas“, im Internet zu der Frage einsehbar: „Was sind die größten Gefahren, die mir und meiner Familie in den kommenden zehn Jahren drohen?“

          Es verwundert nicht, dass der Antrieb für Gigerenzers Weltvermessungslust ein künstlerischer ist, dass er von der Musik herkommt und durch sie ein Gefühl, ja eine Passion für das Lied in allen Dingen entwickelt hat. Denn natürlich ist das, was wissenschaftlich unter dem Namen der begrenzten Rationalität läuft – Gigerenzers durchgängiges Themenfeld –, immer auch ein romantisches Projekt. Aha, sagt sich dieser Forscher, die Vernunft ist ein weites Feld, sie hält eine Vielzahl von Maßstäben bereit, von der juristischen Systemlogik bis zur poetischen Ausschweifung, so dass der eigentlich illusionäre Mensch jener ist, der nicht versteht, dass er in unterschiedlichen Welten unterwegs ist, der nicht begreift, dass Träume die erweiterte Wirklichkeit ausmachen und eben nicht als Träumereien aus der Rationalität herausfallen. Die grundlegende biographische Herausforderung liegt ja doch darin, dass unser Wesensbereich größer ist, als wir ihn ausschöpfen können. Das ist Reichtum und Bedrohung zugleich – die in diesem Sinne reichsten Naturen sind zugleich die verletzbarsten –, und hier, in diesem persönlichen Feld, setzt Gigerenzers Aufmerksamkeit für Risiko und Unsicherheit ein, nicht erst im Bereich der systemischen Fragen. Wer sich einbildet, sein Glück gefunden zu haben, legt andere Kriterien für Rationalität zugrunde als ein Amtsinhaber, der sich gegen mögliche Klagen absichern will. Gigerenzer, der nach Stationen in Konstanz, Salzburg, Chicago und München vor zwanzig Jahren an das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nach Berlin wechselte, durchmisst den menschlichen Orientierungslauf ebenso elegant wie informiert.

          Vorliebe für Bonmots

          In Berlin leitet er als Direktor den Forschungsbereich „Adaptives Verhalten und Kognition“ sowie das Harding-Zentrum für Risikokompetenz, das zumal im Gesundheits- und Finanzsektor für Übersicht sorgt, also auch hier Wahrscheinlichkeiten richtig einschätzen lehrt und die Fähigkeit schult, die verschiedenen Daten in ein angemessenes Verhältnis zu setzen, um nicht dunklen Verdächten und Alarmismen ausgeliefert zu sein. Der populäre Buchtitel „Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet: Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik“ macht plakativ klar, was Gigerenzer als Kernkompetenz in einer immer komplexer aufgebauten Welt auffasst und was er, den Pionier der Science-Fiction-Literatur Herbert George Wells zitierend, so formuliert: „Eine gewisse Grundunterweisung in der statistischen Methode ist für jeden, der in unserer heutigen Welt lebt, so unabdingbar wie Lesen und Schreiben.“

          Apropos: Warum ist Risikokompetenz als Querschnittaufgabe nicht längst ein eigenes Unterrichtsfach in unseren Schulen? Wer die Bücher, nicht selten Bestseller, von Gigerenzer zur Hand nimmt – von der brillanten knappen Studie „Das Einmaleins der Skepsis“ über „Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ bis hin zu „Bauchentscheidungen“ –, fragt sich eben das. Warum den Schülerinnen und Schülern nicht einen Begriff davon vermitteln, wie sich unabhängig von den medialen Suggestionen – der Medienliebling Gigerenzer ist erkennbar die personifizierte Medienkritik – das Dringliche vom Wichtigen unterscheiden lässt?

          Zumal ein solcher Unterricht nicht ohne Unterhaltungseffekte wäre, wie Gigerenzers Vorliebe für Bonmots ahnen lässt: „In Amerika ist es wahrscheinlicher, dass jemand von einem Kleinkind beim Spielen mit der Waffe des Vaters erschossen wird als von einem Terroristen“ oder „Die Kuh ist gefährlicher als das Auto“ oder „Durch das Trinken von parfümiertem Lampenöl sind genauso viele Menschen gestorben wie am Rinderwahnsinn“. Am Sonntag wird Gerd Gigerenzer siebzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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