19.02.2012 · Die Alpenrepublik muss sparen. Betroffen davon ist auch das Thomas-Bernhard-Archiv im oberösterreichischen Gmunden. Wien und Salzburg haben schon die Finger auf den Nachlass augestreckt. Doch wohin es das Archiv verschlagen wird, ist offen.
Von Hannes HintermeierVor einem Jahr hat die in Graz ansässige „Kleine Zeitung“ den Erben von Thomas Bernhard, seinen Halbbruder Peter Fabjan, zu einem Gedankenexperiment überredet und gefragt, was seinem Verwandten wohl auffiele, wenn dieser noch einmal für einen Tag zurückkehren könnte. Die Antwort: „Er würde sagen: Das ist alles schlimmer, als ich es vorhergesagt habe.“ Mit solcher Prognostik kann man natürlich nur recht behalten. Auch Österreich muss nämlich sparen, und irgendwo in diesem unlängst beschlossenen Streichkonzert sind auch jene eineinhalb Stellen vergraben, die im Thomas-Bernhard-Archiv im oberösterreichischen Gmunden die Werkausgabe erarbeitet haben. Nun ist diese mit zweiundzwanzig Bänden abgeschlossen. Damit habe Wien seinen Förderwillen ausreichend gezeigt, war wohl die Überlegung. Was die Stellenstreichung nun für das in der in Nachbarschaft zu Schloss Orth gelegene Archiv bedeutet, ist unklar. Oberösterreich hielte das Archiv gerne dort. Aber Salzburg und Wien haben ebenfalls den Finger gehoben, um dem Nachlass eine neue Heimat zu bescheren.
Gerangel der Bundesländer
Unlängst hat die Internationale Thomas-Bernhard-Gesellschaft ihren Sitz nach Salzburg verlegt. Und der für Bernhard zuständige Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger hat für den September ein Festival mit Starbeteiligung in Goldegg ausgerufen. Der Ort liegt im Pongau (Bundesland Salzburg). Anders als im ORF behauptet, hat Bernhard allerdings dort nie gewohnt, sondern stets im benachbarten St. Veit. Das Festival-Hotel preist sich selbst als „Hideaway“ an, in dem stets Suhrkamp-Neuerscheinungen auslägen. Die Goldegger betreiben also, wie gesagt werden muss, mit Berliner Unterstützung eine Bernhardanmaßung. Aber die ist in Österreich ohnehin Mode, seit der Schriftsteller in den Rang des Staatsdichters erhoben wurde. Alle drei Bewerber haben Argumente für sich, alle drei spielten in Leben und Werk Bernhards eine wichtige Rolle. Das Bundesländer-Gerangel muss nun der in seinem Misstrauen der Menschheit gegenüber dem Halbbruder arg ähnliche Peter Fabjan richten. Dieser will zunächst die Angebote sondieren. In jenem schriftlich geführten Interview mit der „Kleinen Zeitung“ hat Fabjan möglicherweise schon einen Hinweis auf seine Richtungsentscheidung gegeben. Bernhard „würde Salzburg meiden, aber sein Haus in Ohlsdorf (Oberösterreich) gerne wieder sehen“.
wohin mit bernhard ?
maximilian währinger (rhizom123)
- 19.02.2012, 18:46 Uhr