06.08.2010 · Erlaubt ist, was wirkt: Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover stellt das Werk von Gerald Scarfe aus. Der britische Zeichner wagt, was hierzulande keiner drucken würde. Diese kompromisslose Schau verdient jeden Besucher. Niemand kommt hier ungeschoren davon.
Von Andreas PlatthausJeder, der sich überhaupt für die populäre Kultur des späten zwanzigsten Jahrhunderts interessiert, kennt das Werk von Gerald Scarfe, auch wenn er den Namen noch nie gehört haben sollte. Denn der 1936 geborene Engländer ist verantwortlich für die graphische Gestaltung von „The Wall“, dem erfolgreichsten Album der britischen Popgruppe Pink Floyd.
Und „The Wall“ bestand ja nicht nur aus diesem 1979 erschienenen Konzeptalbum, das sich weltweit mehr als dreißig Millionen Mal verkaufte, sondern auch aus einer zweijährigen, extrem aufwendigen Tournee der Band, dann dem 1981 von keinem Geringeren als Alan Parker gedrehten Spielfilm zur Platte und schließlich dem einmaligen Konzert vom Sommer 1990 auf dem ehemaligen Todesstreifen in Berlin. Für alle diese Variationen von „The Wall“ zeichnete Scarfe als Gestalter verantwortlich, und die prägnante Bilderwelt von „The Wall“ ist ganz die seine.
Das allerdings ist deutschen Freunden von Illustration und Karikatur schwer zu vermitteln, denn Gerald Scarfes sonstiges Werk ist hierzulande nicht nur fast, sondern tatsächlich gänzlich unbekannt - ein gravierendes Versäumnis, denn außer dem um eine Generation älteren Ronald Searle hat kein britischer Karikaturist im zwanzigsten Jahrhundert einen vergleichbaren weltweiten Erfolg und Einfluss erlangt.
Kompromissloser Blick auf die eigene Profession
Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt nun die bislang größte deutsche Scarfe-Ausstellung mit Karikaturen, Film- und Bühnenbildentwürfen, Illustrationen und natürlich etlichem Material zu „The Wall“, und gleichzeitig gestattet die in Hannover noch das ganze Jahr zu sehende Schau zum neunzigsten Geburtstag von Ronald Searle einen unmittelbaren Vergleich, der faszinierend deutlich werden lässt, wie ähnlich sich beide in ihrer Kompromisslosigkeit sind.
Das gilt auch für den Blick auf die eigene Profession. Für seinen Sammelband „Scarfe by Scarfe“ von 1986 karikierte sich der Jüngere der beiden Künstler selbst als groteske Figur, die aus ihrer Zeichenfeder eine siebenköpfige Hydra auf die Welt loslässt. Searle wiederum zeichnete fünf Jahre später die Karikatur eines Karikaturisten: als Folterknecht, der mit einer neunschwänzigen Katze den Globus geißelt. An den Enden seiner Peitschenstränge glitzern spitze Zeichenfedern.
Natürlich ist Scarfe als junger Zeichner auf den Spuren von Searle gewandelt, stilistisch wie beruflich (Anfang der sechziger Jahre debütierte er im legendären Satiremagazin „Punch“, wo Searle damals noch aktiv war). Doch dann fand Scarfe binnen kurzem zu seinem ganz eigenen Ausdruck, und dessen Drastik ist der Grund dafür, warum er hierzulande seit einem halben Jahrhundert unbeachtet blieb: Wenn Scarfe Karikaturen zeichnet, macht er aus seinen riesigen Papierbögen in mehrfacher Hinsicht Schlachtfelder.
Das gnadenlose Porträt der Margaret Thatcher
Nehmen wir ein jüngeres Beispiel: ein Porträt von Margaret Thatcher, gezeichnet nach ihrem Rücktritt als britische Premierministerin. Scarfe hat mit der ihm eigenen Gnadenlosigkeit des Blicks für Posen und Possen die gesamte Karriere der Politikerin begleitet, und sein selbstbewusstes Fazit dieser Laufbahn lautet schlicht „Hung by Scarfe“. Dabei macht er sich den Gleichklang seines Namens mit dem englischen Wort für Schal (scarf) zunutze und zeichnet Margaret Thatcher als eine Erhängte, die an einem bunt gestreiften Schal baumelt.
Diese Karikatur lotet die Grenzen dessen aus, was satirische Kunst leisten darf. In Deutschland wäre das Motiv undenkbar. Wie auch ein 2003 für eine Ausstellung in der National Portrait Gallery geschaffenes Blatt, das unter dem Titel „Queen of Hearts“ eine Zeichnung von Lady Di zeigt, die von einer Rotte Schweinen in Anzügen umschwärmt wird und eines davon streichelt. „Die Prinzessin hofiert die Herren von der Presse“, steht als Text dazu, und dieser bitterböse Kommentar auf die Manipulation der Medien durch eine Frau, die dann auf der Flucht vor Reportern starb, trug Scarfe seinerzeit einigen Ärger ein. Dabei war ein anderes Blatt, das Lady Di in weitaus intimerem Umgang mit einem Presseschwein zeigte, vom Museum gar nicht erst akzeptiert worden.
Ein tiefes Wissen um die Geschichte des Genres
In Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die diffamierende Pressezeichnung geächtet; in den meisten anderen Ländern ist man aber weitaus weniger zimperlich. Als Scarfe nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei 1968 seine Karikatur „New Heart“ zeichnete, nahm er den aktuellen Rummel um Christiaan Barnards Herztransplantationen als Anregung für das Porträt eines Stalin, der von Breschnew und Gromyko wiederbelebt wird. Und dieser Stalin könnte geradewegs den Weltkriegskarikaturen deutscher NS-Propaganda entsprungen sein, derart abgefeimt und blutrünstig karikiert ihn Scarfe.
Doch das ist nicht Ausdruck einer Bildrhetorik des Kalten Kriegs, sondern Zeugnis eines tiefen Wissens um die Karikaturengeschichte, die für den englischen Zeichner keine schwarzen Flecken aufweist: Erlaubt ist, was wirkt. Und das dankt ihm die meinungsfreudige angelsächsische Presse. Mit der „Sunday Times“ hat Scarfe einen ihm seit 1967 treuen Abnehmer, und renommierte amerikanische Blätter wie der „New Statesman“ oder der „New Yorker“ schätzen seine Dienste gleichfalls.
Seine Blätter sind aber auch deshalb Schlachtfelder, weil Scarfe sich darauf buchstäblich austobt. Tief schneidet die Feder ins Papier ein, die Tinte spritzt, scheinbar wahllos werden weitere Teile angestückt, wenn die Komposition zu maßlos fürs ursprüngliche Format gerät.
Keiner verlässt diese Zeinung ungeschoren
Das kann man nur vor den Originalen nachempfinden, und der Besuch in Hannover bietet mehr Erkenntnis über die Kunst der Karikatur als ganze Zeichnerseminare. Zumal dort auch eine Serie von Illustrationen zu sehen ist, die Scarfe 1964 für das amerikanische Magazin „Esquire“ angefertigt hat: als Bildreportage aus dem geteilten Berlin, gezeichnet in allen denkbaren Techniken: als Gouache, Aquarell und Collage, mit Tusche, Kohle, Bleistift, Kugelschreiber und Kreide. Was wirkt, gefällt.
Rot glühen da zwei Silhouetten im geschäftigen Getriebe auf dem Kurfüstendamm: zwei kommunistische Spione, wie der Titel der Zeichnung ausweist. Aber um sie herum sind Hitlerbärtchen, deutscher Gruß und SA-Mäntel in der Menschenmenge zu erkennen. Scarfe teilt eben nie nur nach einer Seite aus. Keiner verlässt ungeschoren seine Zeichnungen.
Schon gar nicht der bewaffnete Grenzsoldat an der Berliner Mauer, dem er einen Totenschädel unter die Mütze gezeichnet hat. Von diesem Berliner Frühwerk zu den Themen Mauer und Nachwirkung des Totalitarismus hat anderthalb Jahrzehnte später dann „The Wall“ profitiert. Festgefügte Vorstellungen haben Scarfe schon immer rasend gemacht. Und rasant.
"Was hierzulande keiner drucken würde"
Toni Tonsen (Imhotep89)
- 06.08.2010, 14:35 Uhr
"Kommen ein Schwarzer, ein Jude und ein Schwuler in die Hölle..."
Thomas Berger (tberger)
- 06.08.2010, 14:52 Uhr
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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