27.04.2008 · Wer im 21. Jahrhundert erfahren will, wie im 20. Jahrhundert gelebt und gefühlt worden ist, muss Simenon lesen. Woher Georges Simenon so viel über uns wusste, bleibt ein Rätsel. Vielleicht das schönste der Weltliteratur.
Von Michael AlthenEigentlich sollte man mit einem großen, am besten mit einem ganz großen Satz beginnen - auch wenn bei Simenon die ersten Sätze sich nie aufplustern müssen, um groß zu sein. Sie klingen zum Beispiel ganz einfach so: „Im Strom der Reisenden, die sich in Schüben zum Ausgang drängten, war sie die einzige, die es nicht eilig hatte.“
Ein Satz, wie dahergeschlendert. Nicht unscheinbar, aber unaufgeregt. Einfach eine Beobachtung. Aber was ist schon einfach an dieser Art von Anschaulichkeit, bei der man den Eindruck hat, man könnte diesen Satz Stück für Stück auseinanderfalten, bis man das ganze Bild vor Augen hat: die Reisenden, ihre Eile, das Gedränge - und dazwischen die Eine, auf die unser Blick gelenkt wird, als würde eine Kamera durch die vorbeiströmende Menge auf sie zufahren.
Aber man merkt gleich, dass es völlig müßig ist, auf diesen Satz weitere Wörter zu häufen, weil er dadurch nicht plastischer wird. Er ist gut so, wie er ist, denn er will schließlich keine Aufmerksamkeit auf sich, sondern auf den nächsten Satz lenken und von dort weiter und weiter, bis man am Ende des Buchs feststellt, mit welch leichter Hand man geführt worden und wie weit man dabei mit der Heldin gegangen ist. Um genau zu sein - bis in den Tod.
Ein ganzes Leben ist an uns vorübergezogen
Und wenn man jetzt anfangen würde, auch nur anzudeuten, wie es dazu kam, wäre man schon verloren, weil schon der Reichtum dieses einen, zufällig aus dem Regal gegriffenen Buches nicht in wenigen Worten zu fassen ist. Es heißt „Das Haus am Kanal“, und vielleicht sollte man der Vollständigkeit halber wenigstens auch noch den Schluss zitieren, um zu sehen, wie Simenon beendet, was er einmal angefangen hat.
In zwei Sätzen wird da der Mörder der Heldin seiner Strafe zugeführt: „In der folgenden Nacht sprang er aus der Krankenstation des Gefängnisses, die im dritten Stock gelegen war. Noch sechs Tage brauchte er zum Sterben.“ Man muss den Roman wahrscheinlich gar nicht kennen, um zu begreifen, dass dies einer jener Schlusssätze ist, die noch eine ganze Weile nachzittern, wenn man das Buch zugeschlagen hat.
Bei dem man noch ein paar Minuten im Lampenschein sitzen bleiben muss, um sich zu sammeln und der Welt wieder entgegentreten zu können, als sei nichts passiert. Dabei ist natürlich alles passiert, wirklich alles, ein ganzes Leben ist an uns vorübergezogen, ach was, all die Leben, mit denen die Heldin in Berührung kam. Und dabei fing alles so unscheinbar an, mit einer einzigen Frau, die es nicht eilig hatte. Aber vielleicht versteht man jetzt, warum es einen großen, wirklich großen Satz braucht, um diesen Autor zu preisen, auch wenn er selbst das nie nötig hatte.
Simenon als Allheilmittel
Es gibt diesen Satz schon. Man hätte ihn gern selbst erfunden, aber Georg Hensel hat ihn 1973 geschrieben: „Wer im 21. Jahrhundert erfahren will, wie im 20. Jahrhundert gelebt und gefühlt worden ist, muss Simenon lesen.“ Das ist die Sorte Satz, die selbst Kritiker nicht leichthin schreiben. In diesem Gewerbe wird ja gelegentlich gerne höher gegriffen, als der Gegenstand hergibt, um sich den Atem der Geschichte ums Haar wehen zu lassen; aber wer so einen Jahrhundertsatz schreibt, weiß in der Regel, was er tut. Das ganze zwanzigste Jahrhundert - voilà!
Der Mann hatte recht, und wenn der Mensch in den nächsten hundert Jahren sich nicht vollständig in seine digitalen Bestandteile zerlegt, dann gilt der Satz auch noch im 22. Jahrhundert. Für diese Einschätzung gäbe es noch einige gewichtigere Gewährsleute, die zwar schon tot sind, auf deren Wort aber man vielleicht trotzdem noch einige Zeit etwas geben kann. Zum Beispiel: André Gide, Henry Miller, Jean Renoir, Federico Fellini, Alfred Andersch oder Patricia Highsmith.
Wenn aber Simenon so viele gewichtige Fürsprecher hat, wieso hat man dann den Eindruck, man sei als Leser nur noch Teil einer verschworenen Gemeinschaft? Obwohl er statistisch zu den meistgelesenen und -übersetzten Autoren aller Zeiten zählt? Einige meiner besten Freunde schwören auf Simenon als Allheilmittel gegen jede Art von Literaturverdruss, Schreibblockade oder anderweitige Lebenskrise, aber das ist eher die Art von gegenseitigem schweigendem Einverständnis, die nichts mit jener Reklame zu tun hat, mit der man sonst die nächstbeste, halbwegs lesbare Neuerscheinung hinaustrompetet.
Wie die Marotte eines rekordsüchtigen Autors
Dabei weiß jeder insgeheim, dass er in einem beliebigen Simenon mehr von dem findet, wonach er sich bei der Lektüre sehnt, als bei all den Büchern, mit denen man sich üblicherweise auf dem Laufenden hält. Man kauft sich die Romane halt, wie sie bei Diogenes als Taschenbuch in schöner Regelmäßigkeit in durchgesehenen Übersetzungen oder einfach als Neuauflage herauskommen, greift fast blindlings zu, lässt sich überraschen oder liest einfach wieder, was man schon gelesen und versehentlich doppelt gekauft hat. Das liegt keineswegs an der Verwechselbarkeit der Bücher - obwohl Diogenes wenig tut, um ihr entgegenzuwirken -, sondern am bloßen Umstand, dass der Mann über zweihundert Romane geschrieben hat.
Diese Zahl wird gerne so hingeschrieben, als sei das eben eine Marotte eines rekordsüchtigen Autors, aber die Wahrheit ist, dass sie unser Vorstellungsvermögen sprengt. Wer ehrlich ist, wird zugeben, dass diese Zahl das Zutrauen in die literarische Vertrauenswürdigkeit von Simenon geradezu indirekt proportional sinken lässt. Denn wie kann das sein, dass fast alle Autoren von halbwegs zuverlässiger Reputation nach etwa einem Dutzend Romanen am Ende ihrer Weisheit - und ihres Lebens - angelangt sind und dieser Mann selbst Balzac in den Schatten stellt? Da kann doch etwas nicht stimmen. Tut es aber doch. Dafür muss es aber doch eine Erklärung geben . . . Gibt es nicht.
Es bleibt ein nicht sonderlich sympathischer Zeitgenosse
Man kann die Bücher vorwärts und rückwärts lesen, kann durchforsten, was über ihn geschrieben wurde, was er über sich selbst geschrieben hat, was ihm abgefragt wurde . . . es - und er - bleibt ein Rätsel. Wenn man all die Romane wegnimmt, bleibt ein nicht sonderlich sympathischer Zeitgenosse übrig, der sich etwas vorgenommen hatte, nämlich irgendwann große Literatur zu schreiben - so wie er sich auch immer damit brüstete, in seinem Leben mit zehntausend Frauen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben.
Und auch wenn seine zweite Frau später behauptete, es seien wohl eher 1200 gewesen, ist das die Sorte von Prahlerei, mit der man sich als Autor eher diskreditiert, wenn man nicht Henry Miller heißt. So wird Simenon gerne als Fall von literarischem Priapismus abgetan. Was aber, wenn sich in seiner sexuellen Gier die verzweifelte Sehnsucht abreagiert hätte, an jenem Rätsel teilzuhaben, das man Leben nennt?
In seinen Memoiren schrieb er: „Wie hätte ich Dutzende, ja vielleicht Hunderte weiblicher Charaktere in meinen Romanen erschaffen können ohne diese Abenteuer, die zwei Stunden oder zehn Minuten dauerten?“ Ja, wie? Welche Anmaßung, in dieser Zeit ein Leben aufgesaugt geglaubt zu haben, Frauen erkannt zu haben. Und doch hat diese Vermessenheit, einander in dem Moment auch literarisch zu erkennen, etwas Verführerisches. Weil es als Erklärung letztlich auch nicht weniger taugt als all die anderen Muster, die genauso wenig verfangen.
Wo der Verstand allein nicht hinreicht
Wer will, kann die 75 Romane um den Kommissar Maigret als serielles Schreiben abtun, um diese menschliche Schreibmaschine in den Griff zu kriegen, aber dann bleiben immer noch 120 Romane, die keinem festen Schema folgen - und für keinen hat er länger als elf Tage gebraucht! Einmal hat er sich sogar in ein Kaufhausschaufenster gesetzt und vor den Augen der Welt einen Roman heruntergehackt - nicht die Sorte Aktion, mit der man seine Ambitionen als seriöser Dichter, der unter Einsatz seiner Existenz um Ausdruck ringt, wirklich unterstreicht. Aber er musste eben nicht darum ringen, weil er ihn irgendwie gefunden hatte. Ob nun seine Lebensgier, seine Sexsucht oder ein wirklich einmaliges Talent dafür verantwortlich war, spielt nur insofern eine Rolle, als wir gerne Erklärungen haben, wo der Verstand allein nicht hinreicht.
In der Regel wird Simenons „schmucklose Prosa“ dafür verantwortlich gemacht, dass er nicht so ernst genommen wird wie andere. Als garantiere ein komplizierter Satzbau automatisch Komplexität. Und als sei es nicht das Allerschwierigste überhaupt, des Lebens Fülle, all die Irrungen und Wirrungen in so einfachen Sätzen einzufangen, dass man gar nicht merkt, wie tief man sich bereits verfangen hat in einem jener Schicksale, aus denen andere einen, Simenon aber zig Romane gestrickt hat.
Die ewige Trennung des Werks in zwei Hälften
Natürlich hat er Groschenromane unter Pseudonym geschrieben, aber der Rest ist beim besten Willen nicht mit jener Gewandtheit zu erklären, mit der etwa eine Agatha Christie Genremuster ausgefüllt hat, als wären es Kreuzworträtsel. Im Grunde noch nicht einmal die Maigret-Romane, die man zwar gerne über einen Leisten schert, die aber kaum weniger reich sind als die sogenannten Non-Maigrets. Die ewige Trennung des Werks in zwei Hälften führt ohnehin zu nichts. Denn im Grunde muss man das Werk wie zwei Halbschalen betrachten, deren eine einen Fall zum Ende hin von innen betrachtet, während die andere den Fall vom Ende her von außen zu fassen versucht. Und ein Fall wird meistens daraus.
Denn wenn es eine Gemeinsamkeit gibt, dann die, dass sich jedes Leben früher oder später in den Fallstricken verfängt, die es sich geradezu zwangsläufig auslegt. All die Träume, Sehnsüchte, Ambitionen, alle münden sie über kurz oder lang in jenen Zustand, den man Alltag nennt. Und je ordentlicher sich einer darin eingerichtet hat, desto sicherer wird er irgendwann eingeholt von all jenen Gefühlen, die er gezähmt glaubte.
Man könnte jetzt wieder ins Regal greifen, um Simenons Meisterschaft vorzuführen, die Art zu beschreiben, wie sich einer eingerichtet hat in seinem Leben, um sich all das Chaos, das Gefühle anrichten können, vom Leib zu halten - und nie braucht er dazu mehr als zwei, drei Seiten -, aber es gäbe eben hundert Bespiele, die gleich gut taugen. Jedes eine Welt, in der man sofort versinkt. Und jedes Mal genügt ein Nichts, um diesen Menschen aus der Bahn zu werfen. Aber dieses Nichts ist eben jenes Alles, was er aus seinem Leben ausgesperrt hatte. Wie hingehaucht ist das erzählt, als könne es genauso gut nicht passiert sein, aber je länger es dauert, desto klarer wird, dass sich darin nur vollzieht, was wir dem Leben eben schuldig sind. Dass man nicht davonkommt, indem man seine Natur verleugnet.
Woher weiß dieser Mann so viel über uns?
Natürlich enden diese Romane nie glücklich - wie könnten sie auch! -, und doch liegt ein unglaublicher Trost in ihnen: sich so erkannt zu fühlen; in seinen Schwächen so geliebt zu werden; den verdammten Alltag, den jeder sein Leben nennt, so zärtlich umfasst zu sehen - das ist all das, was man von großer Literatur erwartet, auf die man stets den ganz einfachen Lackmus-Test anwenden kann: Woher weiß dieser Mann so viel über uns?
Ja, woher eigentlich? Vielleicht muss man zur Beantwortung dieser Frage noch einen Roman aus dem Regal ziehen, zur Abwechslung einen Maigret, damit nicht der Eindruck entsteht, wahre Literatur entstehe nur jenseits von Kriminalromanen: „Maigret und die junge Tote“. Da fordert Maigret seinen Untergebenen auf, die Kleidung der unbekannten Toten dem „üblichen Verfahren“ zu unterziehen: „Dies bedeutete, dass Moeurs die Kleider in einen Papierbeutel stecken und sie schütteln würde, damit Staub herausfiel, den er anschließend unter dem Mikroskop betrachtete und analysierte. Manchmal führte dies zu einem Ergebnis.“
Zum Schluss noch ein Wort zur Neu-Edition
Genauso fühlt man sich, wenn man diese Bücher liest: Als habe Simenon unser Leben in einen Papierbeutel gesteckt, es geschüttelt und dann betrachtet, was herausgefallen ist. Staub. Und jedes Mal führt die Analyse zu einem Ergebnis. Über zweihundert Mal. Nur noch mal zum Vergleich: Albert Camus hatte kaum ein Dutzend Werke veröffentlicht, als er 1957 den Nobelpreis für Literatur erhielt. Es waren die schönsten der Welt darunter. Und doch versteht man, was Georges Simenon meinte, als er zu seiner Frau sagte: „Kannst du glauben, dass dieses Arschloch ihn bekommen hat - und nicht ich!“
PS. Um niemandem die Laune zu verderben, erst zum Schluss noch ein Wort zur Neu-Edition: Der Diogenes-Verlag, dessen Verdienste um Georges Simenon gar nicht hoch genug einzuschätzen sind, hat gerade begonnen, das Werk in kartonierten Bänden mit Leseband neu aufzulegen, beginnend mit Maigret, jeden Monat vier Bände. Im Umschlag ist ein Stadtplan von Paris abgedruckt. Schöne Idee eigentlich. Was den Verlag allerdings geritten hat, einen heutigen Paris-Plan zu verwenden, entzieht sich jedem Verständnis. Wenn ihnen vorgeblich so viel an Simenon liegt, wird es ja wohl möglich sein, für die ab 1929 entstandenen Romane eine Stadtkarte jener Zeit zu finden.
Oder kann sich irgendjemand vorstellen, wie Maigret durch das Forum des Halles streift, das vierzig Jahre später die Markthallen ersetzt hat? Nicht zu reden davon, dass in dem Plan einzig der Quai des Orfèvres eingezeichnet ist. In jedem Roman gäbe es genügend Schauplätze, deren Hervorhebung sinnvoller wäre. Stattdessen fällt ihnen nichts Blöderes ein, als den ersten Band der Serie auf dem Umschlag mit Robert Doisneaus Foto „Baiser de l'hôtel de ville“ zu schmücken. Für diese Lieblosigkeit gibt es nur ein Wort - sie ist Non-Simenon. Und vielleicht sollte sich der Verlag mal überlegen, ob nicht diese Art von geschmäcklerischer Pseudopflege daran schuld ist, dass Simenon bei uns nicht die Leser hat, die er verdient.