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Georg-Büchner-Preis 2006 für Oskar Pastior Der Wortschatzmagier

14.05.2006 ·  Die Akademie für Sprache und Dichtung hat entschieden: Oskar Pastior erhält in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Verdient hatte er diese Auszeichnung schon lange. Ein Besuch beim Dichter in Berlin.

Von Volker Weidermann
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Hinein, hinein in die Welt dieses Wortentdeckers, dieses eifrigen Aufdeckers immer neuer Sprachmöglichkeiten, dieses Reisenden im Buchstabenall, dieses Experimentaldichters, Avantgardisten, Traditionsdichters, Traditionsbewahrers, Formenkünstlers, Vorausdichters, der aus einem einzigen Wort immer neue, immer erstaunlichere Klänge und Bedeutungen herauszupoetisieren vermag, hinein in die Welt des Dichters Oskar Pastior.

Ein altes Bürgerhaus im Herzen West-Berlins, zwei große Spiegel im Treppenhaus sehen sich an, ein Verleger eilt die Stufen hinab und ruft „Ah, die Ablösung“ und eilt weiter. Zweiter Stock, Pastior öffnet, die Hand schnellt zu einer kraftvollen Begrüßung hervor, sein graues Haar wächst in den Himmel, in der Mitte des Nasenrückens ist eine Lesebrille festgewachsen, über die wache, schnelle Augen in die Welt hinübersehen.

Fünf dicke Kladden für seine Lager-Geschichte

Pastior wohnt hier zur Untermiete bei einer Galeristin, seit über zwanzig Jahren schon, in einem Zimmer, in das wir sogleich abbiegen. Bücher, Bücher und jede Menge Leitz-Ordner an den Wänden, seitlich ein flokatibedecktes Bett, in der Mitte ein Schreibtisch mit zwei Schreibmaschinen, dahinter ein leinener Vorhang, der einen Erker abtrennt und mühsam die Sonne aus dem Zimmer drängt. Wir setzen uns an einen Resopaltisch, der Besucher darf auf einer Art Thron aus dunklem Holz Platz nehmen, und Pastior sagt: „Ich hoffe, er wackelt nicht zu sehr.“

Später wird er erklären, daß auf diesem Stuhl sonst immer die Schriftstellerin Herta Müller sitzt, die wie er aus Rumänien stammt, einmal die Woche sitzt sie hier, so von drei Uhr bis um zehn, und sie schreiben gemeinsam an einem Roman über die Zeit seiner Deportation, als er, im Januar 1945, „auf der Liste“ stand und aus Siebenbürgen in die Sowjetunion deportiert wurde, um fünf Jahre lang in einem Lager im Donbass, in der heutigen Ukraine, in einer Kokserei zu schuften.

Das schreiben sie auf, das heißt, sie schreibt, er erzählt, fünf dicke Kladden sind schon voll, er holt sie gleich mal her, mit Zeichnungen der Lagerpläne, immer wieder neu, mit blauem Kugelschreiber, ganze Seiten durchgestrichen, lange arbeiten sie schon daran und sind noch lange nicht fertig. Herta Müllers Mutter war in genau so einem Lager, nicht weit von Pastior, sie hat ihr nie davon erzählt. Jetzt erzählt ihr Pastior.

Mit vierzig ließ er alles zurück

Er ist ohnehin gerade tief in seine dichterischen Anfänge verstrickt aus der Zeit, damals, als er 1949 in seine siebenbürgische Heimat zurückkehrte, sofort für drei Jahre zur Armee eingezogen wurde und dort das Abitur nachmachte, später als Reporter einer deutschsprachigen Radiosendung arbeitete und zu dichten begann. Das Sprachspielerische, das „Pastiorsche“ all der späteren Dichterjahre stand damals noch nicht im Vordergrund, viele Aufbaugedichte im Sinne des neuen Sozialismus waren dabei, Kompromisse immer wieder, um gedruckt zu werden.

Die Wiederbegegnung mit diesen Anfängen ist ihm nicht angenehm, von der Werkausgabe, die zur Zeit beim Hanser-Verlag erscheint, hat er zunächst die Bände zwei und drei publizieren lassen, der erste fiel ihm schwer. „Es ist soviel Schund dabei“, sagt er jetzt, aber er wollte auch nicht als Werkbereiniger dastehen, der seine Anfänge verleugnet, also hat er vieles aufgenommen in den ersten Band, der im August erscheinen wird: „Die Schmelzer am Kommandopunkt bewegen / Hebel und Signale der Nützlichkeit, / füllen Sterne gebärende Schmelzpfannen mit / glühenden Früchten“. Ist das der Pastior, den wir kennen? Nein. Und ja. In kleinen Worten findet er sich schon.

Jetzt erzählt er von den rumänischen Jahren als Angehöriger der deutschen Minderheit, vom ersten kleinen Ruhm, ersten Preisen, der Angst vor der Vereinnahmung, den immer größeren Kompromissen. „Mit dem Hammer wird eine Identität in dich hineingehämmert, die nichts mit dir zu tun hat.“ Irgendwann geht es nicht mehr. Irgendwann ging es nicht mehr, und er nutzte eine Reise nach Wien, um nicht mehr zurückzukehren. 1968, er war damals vierzig Jahre alt und ließ alles zurück. Von niemandem konnte er sich verabschieden, um die Zurückbleibenden nicht zu belasten. Nicht einmal von seiner Frau.

Eine sehr, sehr gute Entscheidung

Er ging dann schnell nach West-Berlin, das Provisorische der Stadt wäre ihm gemäß, dachte er sich, und so war es auch. Er hat sich nie als Exildichter gesehen, „historisch betrachtet ist heimweh eine historische sache im folgenden weigert sich der weigerer entschieden den exilstern zu tragen“, hat er geschrieben. Und die Sprache, die deutsche Sprache, in der er zu Hause ist wie kaum ein anderer, die hatte er ja immer mit dabei. Neben all den anderen, das Rumänische, das Ungarische, schlechtes Lagerrussisch, etwas Französisch, Mittelhochdeutsch, Englisch.

Seine große Sprachfamilie, die sich in vielen seiner Gedichte findet. Wenn er jetzt einige Bände hervorholt, die alle in verschwindend kleinen Auflagen erschienen sind, und sie mit seiner unvergleichlichen, weichen, singenden, fließend-betonenden Stimme vorträgt, ist man in einer anderen Welt. Und wenn er jetzt das scheinbar für immer Unverständliche erläutert, hier auf einen rumänischen Wortstamm verweist, dort aufs Althochdeutsche, kommt man dieser Sprachenwelt näher und immer näher.

Stolz und konzentriert erläutert er immer neue, immer kompliziertere Gedichtsysteme, immer neue Wörter, die er in ihre Kerne zerlegt und zu immer neuen Bedeutungen immer wieder neu zusammensetzt, um alle Möglichkeiten zu erfassen und jeden Tag die Lücke etwas enger zu machen zwischen der Sprache und der Wirklichkeit. Das ist ein Ziel des Dichters Oskar Pastior. „Das ist ein kleines Stück Glück“, sagt er.

Dann ist der Besuch vorbei. Eine schöne Katze mit grau leuchtendem Fell schnurrt plötzlich heran. „Na, Max“, sagt Pastior, und daß er immer das Gefühl des Ungenügens habe nach solchen Gesprächen, immer das Gefühl, nicht alles gesagt zu haben. Dann schnellt die Hand wieder hervor, und wir verabschieden uns. Sollte sich die Akademie für Sprache und Dichtung heute für Oskar Pastior als Träger des bedeutendsten deutschen Literaturpreises des Jahres 2006 entscheiden, hätte sie sich sehr, sehr gut entschieden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.05.06
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Jahrgang 1969, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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