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Veröffentlicht: 10.10.2011, 16:30 Uhr

Gentrifizierung In München steht ein Hochpreishaus

Zuzugsgebiet Süd: Die bayerische Landeshauptstadt stöhnt im Würgegriff der Bodenpreise - und kämpft gegen den Wohnungsmangel

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© F.A.Z. Vom Leben und Sterben der Städte: Die F.A.Z.-Reihe über die Gentrifizierung in Deutschland

Fangen wir in der Au an. Das Viertel hat den Vorteil, nicht wie das mystische Nordschwabing praktisch bis nach Pfaffenhofen zu reichen. Am Mariahilfplatz strahlt das Kloster der armen Schulschwestern zwar in neuem Glanz, hat aber keine neuen Mieter mit Doppelnamen. Die Au, das Tagelöhnerviertel, aus dem Karl Valentin stammte, ist schon so lange als Wohngebiet gentrifiziert, dass sie schon wieder normal wirkt. Also hinauf über die finstere Schlucht der Gebsattelstraße. Dort thront ein türkisches Restaurant, die Klingelschilder in der Schornstraße verraten nicht viel über Zuzug von Migranten oder Postmateriellen. Gegenüber den blutroten Wohnburgen an der Welfenstraße baut ein Bauträger 106 Wohnungen, die unter dem Namen „Welfenhöfe“ immerhin nicht Denglisch daherwachsen. In sechzehn behindertengerechte Wohnungen werden nach dem städtischen „München Modell“ Gering- und Durchschnittsverdiener einziehen.

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München ist deutscher Spitzenreiter: Die Hälfte der rund 750 000 Wohnungen ist von Singles belegt. Sechzigtausend Wohnungen gehören den beiden Eigenbetrieben der Stadt. Jedes Jahr, so hat es der Stadtrat mehrheitlich beschlossen, sollen siebentausend Wohnungen gebaut werden, in den vergangenen fünf Jahren hat die Kommune 650 Millionen Euro in den Wohnungsbau gepumpt. Erreicht wird die Zahl nie ganz. Elisabeth Merk, Leiterin des Referats für Stadtplanung und Bauordnung, sagt deshalb: „Neubau ist wichtig, aber er kann nicht die Lösung sein.“

Eine Allianz aus Multikulturalismus und Arbeiterklasse

Was der Stadtplanerin Sorgen bereitet, ist nicht die - prozentual geringe - Zunahme von Luxuswohnungen, „sondern die steigenden Bodenpreise“. Über ein Umwandlungsverbot, mit dem Entmietung und Nobelsanierung aufgehalten werden könnten, verfügt die Stadt nicht, weil das Land ein solches Gesetz blockiert. Man müht sich traditionell um Ausgewogenheit, will Segregation in den Quartieren verhindern. Bei städtischen Neubauten muss die Hälfte der Wohnungen sozial gebunden sein, bei privaten hat man immerhin ein Drittel durchgesetzt. In der Hamburger Hafencity sei keine einzige Wohnung gefördert, bemerkt Merk. Aber auch sie weiß: „Wir können von Investoren einiges fordern, weil wir als Stadt so stark nachgefragt sind - aber natürlich hat das Grenzen.“

Für die Münchner selbst ist das Thema Gentrifizierung wie das Wetter: Das kann man auch nicht ändern. So erntet man häufig müdes Achselzucken. Das sei hier „noch nie nicht“ anders gewesen. Dennoch ist derzeit Hochzeit für das Viertel-ändere-dich-Spiel. Ein Bauboom sondergleichen hat die Stadt und ihre Bewohner in den Schwitzkasten genommen; Fußgänger und Radfahrer sind zum Hindernislauf verdammt. Besonders viel Auf- und Umbruch erlebt zum Beispiel das lange als unfein geltende Giesing, Heimstatt der Sechziger, Geburtsort des Kaisers. Noch wehrt man sich nach Kräften und mit Hilfe einer Allianz aus Multikulturalismus und Arbeiterklasse gegen die Nobilisierung.

In rosa-liberaler Eintracht

Nachverdichtung und Neubau: Der Tegernseer Platz mit dem herrlichen Postamt von Robert Vorhoelzer aus den Jahren 1928/29 ist ein buntes Sammelsurium, ein verkehrsumtostes Chaos, dem man jetzt an der Ecke Tegernseer Landstraße/ Ichostraße noch ein Einkaufszentrum spendiert. An der Herzogstandstraße entsteht eine Kinderkrippe mit Mittelpunktsbibliothek plus Wohnanlage. „Ein Kindergarten kann nicht mehr allein auf so einem Grundstück stehen, die Zeiten sind vorbei“, sagt die Planungsreferentin. Auf dem ehemaligen Agfa-Gelände entsteht gerade das Parkviertel Giesing mit 1200 Wohnungen, Quadratmeterpreis zwischen 4100 und 5100 Euro. Zum Vergleich: In der Altstadt gibt es Luxuswohnungen in der Hofstatt, die mehr als 13 000 Euro pro Quadratmeter kosten.

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