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Gentrifizierung : In München steht ein Hochpreishaus

Die Ersten sind meist sogenannte Kreative, Agenturen und Architekten; diesen Pionieren folgen Osteopathen, Geigenbauer, Boutiquen. Sie erobern Stadtgebiete. Und die vom Kinde befreiten wohlhabenden Älteren suchen aus der Region kommend den Weg zurück in die Stadt. Auswärtige nehmen „Opernwohnungen“. Jede fünfte Münchner Wohnung ist Zweitwohnung. Das Rad dreht sich immer weiter. Bereits ein Klassiker ist das Glockenbachviertel, das sich Gleichgeschlechtliche und junge Familien in schöner rosa-liberaler Eintracht teilen. Man bekennt sich hier, auch zu Kinderschuhläden und Naturkost-Nahversorgern. Längst infiziert ist auch das Schlachthofviertel. Wo noch - wie in der Zenettistraße - „Milch“ über der Ladentür steht, weisen die Schaufenster ein „Modemandat“ aus.

Wanderungen meist nur im eigenen Viertel

Vom Radar der Projektentwickler ist auch Untergiesing erfasst. Am Hans-Mielich-Platz, der neu gestaltet wird, ist ein Ladenlokal namens „World of Wine“ mit neongrünem „Geöffnet“-Schild der Blickfang, dunkle Fassdeckel verunzieren die Fassade. Gegenüber hat sich ein Townhouse mit verglaster Dachterrasse selbstbewusst ins Ensemble geschoben. Jenseits der Bahntrasse liegt das kleinbürgerliche Idyll der Birkenau, gegen dessen „Bonzen“-Besetzung sich die Anwohner zur Wehr setzen. In der Sommerstraße offeriert ein veganes Lokal japanische Speisen - Hirseschnitzel in Untergiesing, das hätte dem Dienstmann und göttlichen Sendboten Alois Hingerl nicht zugesagt.

Aber wohin sich wenden? Um die oft beschworene Vertreibung der Eingesessenen scheint es nicht so schlimm zu stehen. Das Planungsreferat hat jedenfalls beobachtet, dass die Wanderungsbewegungen sich meist auf das angestammte Quartier beschränken. Mit dem permanent zunehmenden Autoverkehr und dem Würgegriff der Immobilienpreise muss man sich eben arrangieren - oder wegziehen. Dass in den letzten Jahren Tausende von Wohnungen den Besitzer wechselten und an ausländische Investoren und institutionelle Anleger verkauft wurden, hat die Lage nicht entspannt.

Wohnungen „für den kleinen Multimillionär“

Auch rund um Münchens Großmarkthalle tut sich etwas. In der Oberländerstraße sind parterre noch die Bierstüberl offen, in die am frühen Morgen die Arbeiter einfallen, aber vornehmere Häuserpinkel sind zwischen die alten Häuserfronten gezogen. Nägel mit Köpfen hat man indes auf der Theresienhöhe gemacht. Dort wurde gleich ein ganzes Neubauviertel neben das mittlerweile abgeschlossene Sanierungsgebiet Westend gepflanzt - im Rücken der Bavaria. Hinter einem Riegel aus Bürogebäuden der üblichen Sorte steht eine schon Grünspan ansetzende Wohnstadt, die merkwürdig unbelebt wirkt. In der Ganghoferstraße hat Aldi einem Feinkostladen Platz gemacht. Und wo in der Westendstraße ein Import-Export für Autoteile hauste, sitzen nun Architekten und Übersetzer hinter Glasfronten am Computer. Im ausgebauten Dachgeschoss wohnt ein Doktortitel. Nur für die Sanierung der Stadtbibliothek hat das Geld noch nicht gereicht.

Zur Sache geht es auch im begehrten Gärtnerplatzviertel. Wo früher das Fernheizkraftwerk an der Müllerstraße 7 stand, wächst jetzt mit „The Seven“ ein sechsundfünfzig Meter hoher Wohnturm. Durch ihn geriet der langjährige Oberbürgermeister und frühere Mieteranwalt Christian Ude (SPD) in eine argumentative Zwickmühle. Einerseits stemmt er sich gegen den überhitzten Immobilienmarkt, andererseits kann er im Fall von „The Seven“ nicht verstehen, „wieso der Bevölkerung als Eigentümerin der Stadtwerke zugemutet werden soll, auf zweistellige Millionenbeträge zu verzichten, um beispielsweise die zwanzig Millionen Euro teure Wohnung im Penthouse preisgünstiger zu gestalten, also gewissermaßen für den kleinen Multimillionär erschwinglich zu machen“. Letzterer ist mittlerweile gefunden und hat für das zweigeschossige, siebenhundert Quadratmeter große Penthouse keine zwanzig, aber immerhin mehr als vierzehn Millionen Euro gezahlt. Nach oben ist immer Luft in München.

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