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Gentrifizierung in Frankfurt Macht Platz für Reiche

 ·  Frankfurts Westend verzeichnet seit einiger Zeit steigende Mieten, nun ist es unbezahlbar. Der Widerstand der Bevölkerung kommt gegen die finanzielle Macht der Großinvestoren nicht an.

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© dpa Vergrößern Mit der Besetzung eines leerstehenden Bürogebäudes im Frankfurter Westend am 23.03.13 demonstrierten Anwohner gegen die Wohnungsnot in der Stadt.

Vor wenigen Wochen eröffnete im Frankfurter Westend das Immobilienunternehmen Von Poll eine Dependance. Damit dieses Ereignis niemandem entgeht, rammten die Makler ein sehr großes V und ein sehr großes P in den Asphalt vor ihrer verglasten Fassade, hinter der gutaussehende Menschen vor Computerbildschirmen sitzen. Es wirkte wie eine Kampfansage. Und die lautet so: Wer nicht mindestens zweihunderttausend Euro pro Jahr verdient und sich luxussaniertes Wohnen leisten kann, sollte besser sofort aus dem Westend verschwinden und nach Rödelheim ziehen.

Man nennt das bekanntlich Gentrifizierung. Brutale Verdrängung trifft es besser. Nicht nur Rentner und Studenten sind davon betroffen, auch die Mittelschicht ist es. Die Menschen im Westend sind jedenfalls wütend - wie wütend, konnte man am Montagabend im Gemeindesaal der St.-Katharinen-Gemeinde beobachten, wo eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Kann die Politik gegensteuern, oder wird das Westend unbezahlbar?“ stattfand. Angesichts der katastrophalen Wohnraumrealität ist das eine putzige Frage, schließlich ist das Westend ja schon lange in der Hand von heuschreckenhaften Investoren, die mit dem Viertel spielen, als handle es sich um eine Art Monopoly.

Irritierend dreist

Was also muss geschehen? Darüber diskutierten der Oberbürgermeister Peter Feldmann, Frank Junker, der Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, und Sieghard Pawlik vom Mieterverein Hoechster Wohnen e.V. Mehr als hundertfünfzig Menschen waren gekommen, für die die Stühle leider nicht ausreichten, weshalb einige auf dem Boden sitzen oder stehen mussten, was zur Situation im Westend auf unschöne Weise passte.

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© Wolfgang Eilmes Vergrößern Das legendäre Café Laumer in seinem spätklassizistischen Eckhaus mit der charmanten „runden Ecke“.

All jene, die das Westend nicht kennen, müssen es sich als ruhiges, grünes, an die Innenstadt grenzendes Viertel vorstellen, in dem Gründerzeitvillen, Mietshäuser, Kanzleien, Banken und Versicherungen einander abwechseln und die Dichte an Anzugträgern höher ist als in jedem anderen Stadtteil. Bis zu zwanzig Euro pro Quadratmeter betragen die Mieten. Überall wird saniert, umgebaut, angebaut, entmietet, neu vermietet, gekauft und verkauft. Für den auf vielen Briefkästen stehenden Hinweis ,Bitte keine Werbung!‘ interessieren sich Makler nicht. Stattdessen müllen sie einen mit ihren Broschüren zu, die oft mit einer irritierenden Dreistigkeit daherkommen.

Warten auf den Abriss

Dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum steht eine unfassbare Fläche ungenutzter Büroräume gegenüber. „Das ist ein Skandal“, sagt Feldmann. Sogleich bricht Jubel aus. Das Dumme an diesem Skandal ist nur, dass die Bürger zwar Initiativen beitreten und sich in Mietervereinen zusammenschließen, am Ende aber nichts gegen den Spekulationswahn vermögender Investoren ausrichten können. Wer gehofft hat, den Gemeindesaal nach einer sich etwas hinziehenden - und leider schlecht moderierten - Diskussion ohne die Angst zu verlassen, bald an den Stadtrand vertrieben zu werden, hat sich geirrt.

Insofern dient das Zusammenkommen in erster Linie als sozialtherapeutische Sitzung. Feldmann spricht zu den Menschen und nimmt ihnen jede Illusion, dass das Westend noch zu retten sei, und die Menschen sprechen zu ihm. Es wird von eingetretenen Türen erzählt, von abgestelltem Wasser und Strom und von Häusern, die so lange sich selbst und der Witterung überlassen wurden, bis sie endlich abrissbereit waren und Platz für neue Luxus-Immobilen hinterließen.

Blicken wir an dieser Stelle kurz nach Hamburg, denn wiederholt kamen die Diskutanten auf den dortigen Stadtteil St. Georg zu sprechen. Der seit vielen Jahren in St. Georg wütende Mietwahnsinn hat zahlreichen Bewohnern finanziell das Genick gebrochen, was die Politik nicht davon abhielt, tatenlos zuzusehen. Irgendwann nahm der Bürgerprotest dann doch allzu massive Züge an. Im vergangenen Jahr wurde eine „Soziale Erhaltungsverordnung“ für Teile von St. Georg erlassen.

Im Frankfurter Westend ist es schön ruhig. Man könnte auch sagen: totenstill. Schwer vorstellbar, dass hier einst die Straßen von zornigen Parolen demonstrierender Bürger widerhallten. Das geschah Ende der sechziger Jahre, als sich die damaligen Westendbewohner gemeinsam mit Studenten gegen die planmäßige Zerstörung ihres Stadtteils zur Wehr setzten. Türen eintreten, Wasser und Strom abstellen: Mit diesen Mitteln arbeiteten auch damals Investoren - allerdings mit dem stillschweigenden Einverständnis des Magistrats. Der nämlich, angeführt vom damaligen Baudezernenten Hans Kampffmeyer, hatte beschlossen, aus dem Wohn- ein Büro- und Bankenviertel zu machen. Als schließlich der verbale Widerstand in massenhafte Hausbesetzungen mündete, versuchte die Stadt ihr Konzept mit Polizeieinsätzen und Zwangsräumungen gewaltsam durchzusetzen. Erst als die gesamte Republik auf das Westend starrte und Frankfurt bundesweit die „Stadt der Häuserkämpfe“ hieß, lenkte der Magistrat ein. Sanierung statt Abriss lautete von da an die Losung. Das Westend erholte sich. So sehr, dass die Luxussanierer sich jetzt wie die Terrier daran festbeißen.

Am Ende des Abends hat Sieghard Pawlik übrigens noch eine wichtige Botschaft für die Bewohner des Westends: „Engagieren Sie sich öffentlich!“

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18.04.2013, 10:05 Uhr

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Von Andreas Platthaus

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez. Mehr 1 2