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Keimbahn-Experimente : Kommt das bioethische Armageddon?

Die Möglichkeiten der Biomedizin sind immens – aber wo liegen die Grenzen der menschlichen Selbstoptimierung? Bild: Picture-Alliance

Gentechnik, wir müssen reden: Die Biomediziner sind sich selbst nicht mehr geheuer. Nach den ersten Manipulationen an Keimbahn-Zellen steht fest, dass Menschenzüchtung keine Hypothese mehr ist.

          Das, was in der Biomedizin in diesen Tagen geschieht, könnte man kaum treffender beschreiben als Hans Magnus Enzensberger: Er diagnostizierte, allerdings schon vor vierzehn Jahren, eine „manische Phase“ in den Lebenswissenschaften. Die Resultate dieser nicht abreißen wollenden Phase der unerschütterlichen Fortschrittsbesessenheit sind mit den Klonier- und Stammzelldebatten und mit dem Streit um die Embryonenselektion in der Petrischale immer wieder neu zutage gefördert worden. Was nur wenige dabei wirklich kümmerte: Die Auseinandersetzungen wurden am Ende meistens in einem sonderbar abgebrühten psychologischen Setting geführt, in dem die letzte Barriere, die von Jürgen Habermas ins Spiel gebrachte „Gefahr der Menschenzüchtung“, als fernes Szenario, ja als reine Hypothese, behandelt wurde. Fern der Wirklichkeit also. Wir können heute sagen: Diese Phase des Visionierens und apokalyptischen Herumspekulierens ist einer für viele sicher nun beklemmenden Gewissheit gewichen. Denn die Wissenschaft hat inzwischen Fakten geschaffen. Die gentechnische Manipulation der menschlichen Keimbahn ist in einer Weise Wirklichkeit geworden, die nun endgültig auch die hellsichtigsten Geister der vergangenen Debatte überraschen dürfte.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Von einer überrumpelten Gesellschaft mag man erst mal nicht reden. Denn einen großen Plan gab und gibt es nicht. Aber dass sich die Naturwissenschaftler nun selbst angesichts der in den Laboren geschaffenen Fakten offenbar vor sich selbst erschrecken, lässt jetzt sicher neue, böse Ahnungen ins Kraut schießen. Die Gen-Ingenieure bekommen offenkundig selbst Gänsehaut ob ihres Tuns. In einer der wichtigsten Wissenschaftsmagazine der Welt, „Science“, ist an diesem Freitag ein Aufruf mit dem Hinweis „dringender Bedarf für einen Dialog über die Genom-Technik“ erschienen. Verfasst worden ist er von einigen der bekanntesten Leute auf dem Feld der Gentechniken, darunter die mit Nobelpreiswürden ausgestatteten Galionsfiguren Paul Berg und David Baltimore. Er greift eine im Januar im kalifornischen Napa abgehaltene Konferenz auf, in der ganz offensichtlich ein bioethisches Armageddon besprochen worden war. Gentechnisch vorwärts, ja, unbedingt; doch „ehe überhaupt der Versuch gutgeheißen werden könnte, Menschen - wenn überhaupt, dann zu medizinischen Zwecken - zu konstruieren, müsste die Sicherheit und Effizienz der neuen Technologien sorgfältig geprüft und verstanden werden“. Es fällt auf: Anders als vor vierzig Jahren, als Paul Berg und viele andere Pioniere der Molekularbiologie die Sorge um die mögliche Züchtung tödlicher neuere Erreger ins gar nicht so weit südlich gelegene Asilomar führte, meidet man diesmal den Begriff Moratorium.

          Molekulare Werkzeuge der Macht

          Allerdings ist die Situation heute auch eine völlig andere: Damals war Gentechnik Manufaktur, die guten unter ihnen hat man fast ehrfürchtig „Genchirurgen“ genannt, und vom Bösen meinte man sich leicht abgrenzen zu können. Aus dem Handwerk ist inzwischen Hightech geworden. Die unscharfe Schere, mit denen der man im Erbgut der Organismen schnippelte, ist gegen hochpräzise Skalpelle ausgetauscht worden. „Crisper“, wissenschaftlich „CRISPR-Cas“, oder „Talen“ und „Zinkfinger“ heißen die neuen, hochautomatisierbaren molekularen Werkzeuge, die in den letzten Jahren mit einem atemberaubenden Tempo zu Universalwerkzeugen der Lebenswissenschaftler geworden sind. Aus Gentechnikern sind Genomdesigner geworden. In der schon in Hunderten Labors verwirklichten Allianz mit Stammzellforschern, die jede beliebige Zelle des Körpers - eben auch die Keimzellen Ei und Spermien - quasi wie ein Computerprogramm reprogrammieren und ineinander verwandeln können, ist aus einer groben Mikrotechnik ein mächtiges Instrument, ein Werkzeug potentiell evolutionärer Macht, geworden.

          Das hat selbstverständlich damals, 1975 in Asilomar, keiner so voraussehen können. Damals aber ahnten viele schon, was auf die Gesellschaft da an Veränderungen zurollt. Die frischgebackenen Bioingenieure hatten seinerzeit auf der Konferenz vereinbart, wegen der wissenschaftlichen Unwägbarkeiten bestimmte Experimente vorübergehend auszusetzen. Im Folgejahr war die Experimentierlust schon wieder groß genug und die vermeintliche Sicherheit schon wieder hinreichend groß, so dass man die damals so bezeichnete „rekombinante DNA-Technologie“ wieder vollumfänglich duldete.

          Heute, da es um die Eingriffe in die Keimbahn und damit um die genetische Manipulation künftiger Menschen geht, umschiffen die Wissenschaftler in ihren vier Empfehlungen in „Science“ zwar den Begriff Moratorium. Dennoch stellen sie fest: „Solange die sozialen, ethischen und ökologischen Konsequenzen innerhalb der wissenschaftlichen Organisationen und der Regierungen diskutiert werden, sollten Experimente selbst in den Ländern unterbleiben, die für Eingriffe in die Keimbahn des Menschen nur laxe Bestimmungen haben.“ Das sind wenige. Von zweiundzwanzig europäischen Ländern haben fünfzehn zumindest grundsätzliche Regeln, die ein Verbot der Keimbahntherapie beinhalten, einige wie Deutschland stellen sie unter Strafe. Grob kann man sagen: In knapp einem Drittel der Länder, in denen biotechnische Forschung gefördert wird, ist die Keimbahn nicht explizit geschützt.

          Eng verstandene Logik des Heilens

          Nun darf man sich das Manifest zugunsten einer Experimentierpause von Forschern nicht so vorstellen, also wollten sie damit erreichen, solche Regelungslücken zu füllen, bis es am Ende zum Verbot jeglicher Keimbahn-Manipulation kommt. Fyodor Urnov, ein anderer Pionier der neuen maßgeschneiderten Genomtechniken, hat das in einem anderen Moratoriumsaufruf im wissenschaftlich ebenso hochrangigen „Nature“-Journal vor einigen Tagen schon erkennen lassen. Es geht auch bei den Forschern eine Angst um. Die Angst vor einem radikalen biopolitischen Schnitt. Als Urnov zusammen mit Kollegen im Namen der „Allianz für regenerative Medizin“ von den möglicherweise bahnbrechenden „funktionalen Heilverfahren“ sprach, die nun zur Behandlung von Aids, Krebs oder Erbkrankheiten in Reichweite seien, sprach er für mehr als zweihundert Life-Science-Firmen, Forschungslabore und Patientenorganisationen, die an einer liberalen Haltung der Gesellschaften allergrößtes Interesse haben. „Wir müssen im Dialog überlegen, wie und unter welchen Bedingungen, wenn überhaupt, künftige Forschung an der Keimbahn stattfinden soll.“

          Solche Hinweise zeigen: Die technologische Entwicklung folgt einer sehr eng verstandenen Logik des Heilens. Die Gesundheit, längst nicht nur Fetisch in den Genlaboren, ist Motiv und Rechtfertigung in einem. Die Frage nun lautet: Wann untergräbt diese mit einer schier unfassbaren Ungeduld betriebene Logik des Heilens die handelsüblichen Moralvorstellungen? Erleben wir hier, wie Habermas in „Die Zukunft der menschlichen Natur“ schrieb, die „Schrittmacher einer Selbstinstrumentalisierung der Gattung Mensch“ am Werk. Oder ist die genetische Programmierung des Menschen fern jener bioethischen Schattenreiche letztlich doch medizinisch legitimierbar, wie das etwa der hochangesehene George Church von der Harvard-Universität für sich in Anspruch nimmt.

          Von einer seiner talentiertesten Bioingenieure, der jungen Chinesin Luhan Yang, sind jedenfalls Experimente publiziert worden, die unbestreitbar die Manipulation der Keimbahn mittels „Crisper“beinhalten. Von einer Klinik in New York hat Luhan Spendereizellen erhalten, von einer Brustkrebspatientin, deren Eierstöcke vorsorglich ebenfalls entfernt wurden. In ihrem Experiment in der Petrischale ging es darum, zu testen, was in Nager- und Affenexperimenten schon gezeigt worden war: In den unreifen Eizellen sollte das tumorauslösende Gen, eines der durch Angelina Jolie berühmt gewordenen BRCA-Gene, durch eine gesunde Genvariante ersetzt werden - der Gendefekt sollte in der Keimzelle buchstäblich gelöscht werden. Und zwar punktgenau. Was dann auch gelang. Seitdem das „MIT Technology Review“ im Harvard-Labor recherchierte, ist die junge Chinesin offenbar nicht mehr zu sprechen. Luhan hat, wie man so erfahren konnte, inzwischen ein Start-up-Unternehmen gegründet, das sich mit den Keimzellen von Schweinen und Rindern vorarbeitet. George Church seinerseits, ihr Mentor und einer der Pioniere der sogenannten „synthetischen Biologie“, der sich außerdem in den Kopf gesetzt hat, mit seinem biotechnischen Arsenal ein Mammut auferstehen zu lassen, verteidigt die Versuche als „lediglich Experimente“.

          Durchgesickert ist nun auch, dass chinesische Forscher ihre Keimbahn-Experimente an menschlichen Zellen längst beendet und die Manuskripte ihrer Arbeit zur Begutachtung auf den Schreibtischen anderer Wissenschaftler liegen. China, man ahnt es, gehört zu jenen Ländern, in denen die Gesetze nicht gemacht wurden, um eine gezielte Veränderung des menschlichen Genpools kategorisch auszuschließen. Der feste Optimierungswille der Humaningenieure stellt also das lückenhafte, vage Recht auf ein unmanipuliertes Genom künftiger Generationen Schritt für Schritt in Frage. Ein Moratorium hat da nicht einmal aufschiebende Wirkung.

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