Home
http://www.faz.net/-gqz-16fkn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Genom-Forschung Seitensprung mit einem Neandertaler

06.05.2010 ·  Die erotische Anziehungskraft mag gering gewesen sein, der Erfolg allerdings war nachhaltig: Leipziger Forscher haben das Neandertaler-Genom großteils entziffert und gezeigt, dass sich unsere Vorfahren in Europa früh mit dem kräftigen Vetter gekreuzt haben.

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (12)

Hatten sie oder hatten sie nicht? Hatten unsere Vorfahren Sex mit Neandertalern - Kinder gar? Die Frage nach den amourösen Beziehungen zu unseren selten schmeichelhaft gezeichneten, eher als grobschlächtig bekannten Ahnen vor zehntausenden Jahren ist fast so alt wie die Urmenschen selbst. 154 Jahre liegt die erste - namengebende - Zufallsentdeckung von Neandertalerknochen und -schädel in einem Steinbruch bei Mettmann zurück. Längst war aus den wilden Spekulationen um die Mischehen auch ein handfester akademischer Streit geworden, der nach einer biowissenschaftlichen Klärung verlangte. Und die wird jetzt geliefert: Jawohl, lautet die Antwort, ein Stück vom ausgestorbenen Vetter steckt in uns allen - zumindest im Großteil von uns. Man weiß sogar ungefähr, wo und wann diese artübergreifenden Beziehungen geknüpft wurden: Vermutlich im Nahen Osten irgendwann vor 50.000 bis 100.000 Jahren.

Fest steht freilich auch: Die erotische Anziehungskraft dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Und genützt hat es unserem kernigen, muskulös-kompakten Vetter stammesgeschichtlich auch überhaupt nichts. Denn vor rund 30.000 Jahren verlieren sich die letzten Spuren des Neandertalers irgendwo in abgelegenen Höhlen der Iberischen Halbinsel. So war die Wissenschaft, wenn es um den Lebenswandel des Neandertalers geht, um seine Gebräuche, Vorlieben und Schwächen, lange auf ihre Phantasie angewiesen. Bis die Molekulargenetik Mitte der neunziger Jahre das Heft in die Hand nahm.

Ein Meilenstein der Leseleistung

Besonders verdient gemacht hat sich hier die Leipziger Gruppe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie um Svante Pääbo. Sie hat das erste Genmaterial aus Knochenresten gewonnen und mit gentechnischen Lesegeräten entziffert, und sie sind es jetzt auch, die federführend in der heutigen Ausgabe der Zeitschrift „Science“ die erste „Rohfassung“ des kompletten Neandertal-Genoms veröffentlicht haben - was bedeutet: Mehr als 60 Prozent der gut drei Milliarden Buchstaben des Neandertaler-Erbguts sind nun bekannt. Schon allein diese „Leseleistung“ ist technisch gesehen ein Meilenstein. Pääbo selbst hatte zu Beginn des Projekts vor vier Jahren durchaus Zweifel. Mittlerweile ist Gene sequenzieren fast ein Kinderspiel. „Die Maschinen für die Genomentzifferung sind heute fünfhundertmal so leistungsfähig“, sagte Pääbo bei der Präsentation.

Es war jedoch nicht nur der Fortschritt in der Genentzifferung, der den Anthropologen die Zuversicht gibt, dass nun abertausende Jahre alte Fossilien routinemäßig dechiffriert werden können und man aus den Gendaten eine Art Persönlichkeitsprofil konstruieren kann. Die Biologen haben es auch geschafft, Verfahren zu entwickeln, mit denen das in winzige Schnipsel zerfallene Genom sinnvoll zusammengefügt und von Verunreinigungen befreit werden kann. Mehr als 95 Prozent des Genmaterials, das in die Leipziger Analysen einging, stammte von Pilzen und Mikroben, die sich auf dem toten Material in Jahrtausenden festgesetzt hatte.

Erst Annäherungen, dann Beziehungen

Mit einem Zahnarztbohrer im „Reinstraumlabor“ haben die Forscher aus einigen Knochenstücken jeweils nicht einmal ein halbes Gramm - die Menge einer Tablette - DNA-reiches Material gewonnen. Konzentriert hat man sich dann auf die Knochen dreier Neandertalerfrauen aus der Vindija-Höhle in Kroatien. Ihre Gensequenzen wurden schließlich mit den ebenfalls dekodierten Genomen von fünf modernen Menschen aus Europa, Asien und Afrika (sowie dem Genomtext von Genpionier Craig Venter) verglichen. Ergebnis: Im Genom der Afrikaner fanden sich keinerlei Hinweise auf typische Neandertalersequenzen, wohl aber in den europäischen und asiatischen. Und zwar mengenmäßig durchaus bemerkenswerte Spuren. Ein bis vier Prozent unseres Genoms stammen vom Neandertaler. „Unser ausgestorbener Verwandter spielt durchaus eine Rolle in unserer Stammesgeschichte“, so schreiben die Forscher, „wenn auch vermutlich eine eher geringe.“ Ein Befund, der trotzdem das Bild unserer Abstammung, aber auch das vom Jahrzehntausende währende Nebeneinander von modernem Mensch und Neandertaler verändert.

Es gab also Beziehungen und Nachkommen, warum nicht auch schon in Afrika? Die Forscher deuten ihre Analysen so: Als der moderne Mensch, Homo sapiens, aus Afrika nach Norden auswanderte, vor mindestens hunderttausend Jahren, traf er erst im Nahen Osten auf die dort schon lange heimischen Neandertaler. Schon in dieser frühen Phase der Koexistenz kam es wohl zu vereinzelten Vermischungen. Und ausschließlich wohl. Die Nachkommen breiteten sich später über Europa und Asien aus, aber Zeichen für spätere „Annäherungen“ hat man jedenfalls nicht gefunden. Neue interessante Spuren hat man allerdings identifiziert, die zeigen, wie der Mensch sich bei aller verwandtschaftlichen Nähe kognitiv und im Körperbau vom Neandertaler fortentwickelte. Dafür genügten offenbar schon Veränderungen in ein paar Dutzend wichtigen Genen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3