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Genetik : Ein Gen als Quelle des Glaubens

  • -Aktualisiert am

Besaßen Jesus, Buddha und Mohammed ein „Gottes-Gen”? Bild: WELLCOME TRUST

„Das Gottes-Gen“ heißt das umstrittene Werk des Biochemikers und Verhaltensgenetikers Dean Hamer, in dem er die gewagte These aufstellt, daß Glaube und Spiritualität genetisch bedingt seien.

          Der Titel seines neuen Buches verheißt eine Sensation. „Das Gottes-Gen“ (The God Gene - How Faith is Hardwired Into Our Genes) heißt das umstrittene Werk des Biochemikers und Verhaltensgenetikers Dean Hamer. Er ist der Chef der Abteilung für Genstrukturen und -regulation am renommierten Nationalen Krebsinstitut und forscht seit mehr als 24 Jahren an den „National Institutes of Health“ in Bethesda vor den Toren Washingtons.

          Nun stellt er die gewagte These auf, daß Glaube und Spiritualität genetisch bedingt seien - wenigstens zum Teil. Dabei verhalte es sich ähnlich wie mit Spatzengezwitscher: Auch das sei angeboren, doch zwitscherten die Vögel in unterschiedlichen „Dialekten“, je nachdem, wo sie aufwüchsen.

          „Spiritualitätsvariante“

          Als Quelle des Glaubens hat der 53 Jahre alte Hamer, der früher einer Kongregationalisten-Gemeinde angehörte, mittlerweile aber Anhänger der Zen-Lehre ist, das Gen VMAT2 ausgemacht, das für den Fluß chemischer Botenstoffe im Gehirn zuständig ist, die Stimmungen und Gefühle steuern. Für eine Studie, die eigentlich das Suchtverhalten von Rauchern erklären helfen sollte, ließ Hamer Testpersonen Fragebogen ausfüllen, in denen sie sich unter anderem über ihre spirituellen Vorstellungen äußern sollten. Anschließend wurde das Genmaterial der Befragten untersucht.

          Dabei stellte Hamer fest, daß Probanden, die besonders hohe Werte bei dem Spiritualitätstest erzielten, auffallend oft eine gemeinsame Variante des VMAT2-Gens aufwiesen. Diese „Spiritualitätsvariante“ sei wahrscheinlich auch im Erbgut von Jesus, Buddha und Mohammed vorhanden gewesen, spekuliert der Entdecker des „Gottes-Gens“. Allerdings gesteht er ein, daß es wahrscheinlich eine ganze Reihe von Genen gebe, die mit über die spirituelle Veranlagung entschieden.

          Der Wissenschaft keinen guten Dienst erwiesen

          Hamers These, daß Glaube zumindest zum Teil genetisch prädisponiert sei, hat schon scharfe Kritik von Geistlichen provoziert: Eine derartige Annahme lasse auf „geistige Armut“ schließen. Vor allem aber wehren sich Theologen gegen den Gedanken, daß chemische Abläufe im Gehirn über den Zugang zu Gott entscheiden. Gott offenbare sich jedermann gleichermaßen, halten sie Hamer vor. Auch Wissenschaftler haben sich kritisch über seine Gottes-Gen-Forschung geäußert. Hamers früherer Chefin an den National Institutes of Health erschien das Glaubensprojekt derart suspekt, daß sie Hamer riet, damit bis zu seiner Pensionierung zu warten.

          Auch der Rezensent der Fachzeitschrift „Scientific American“ ist der Ansicht, Hamer habe sich und der Wissenschaft keinen guten Dienst mit seinem populärwissenschaftlichen Werk erwiesen. Er wirft dem Verhaltensgenetiker, der sich selbst als „Hardcore-Wissenschaftler“ bezeichnet, vor, voreilige Schlüsse zu ziehen und mehr zu spekulieren, als tatsächlich zu beweisen. Das gelte vor allem für Hamers Annahme, daß Glaube womöglich sogar ein evolutionärer Vorteil sei. Bei den Kritikern weckt das Gottes-Gen-Projekt zudem Erinnerungen an die „Schwulen-Gene“, die Hamer 1993 entdeckt haben wollte. Auch damit erregte der Biochemiker erhebliches Aufsehen. Am Ende behielten freilich die Skeptiker recht, denn Hamers vermeintlich sensationelle Entdeckung sexualitätsbestimmender Gene hielt wissenschaftlicher Nachprüfung nicht stand.

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