22.07.2004 · Was am längsten dementiert wird, tritt am ehesten ein. Marc Conrad war bereits vor ein paar Wochen einmal als Nachfolger von Gerhard Zeiler im Gespräch, doch führte der erste Anlauf auf die Spitze von ...
Von Michael HanfeldWas am längsten dementiert wird, tritt am ehesten ein. Marc Conrad war bereits vor ein paar Wochen einmal als Nachfolger von Gerhard Zeiler im Gespräch, doch führte der erste Anlauf auf die Spitze von RTL nicht sogleich zum Ziel - weil Conrad ein erfolgreicher Produzent ist und der Sender seine Firma Typhoon nicht übernehmen wollte. Jetzt ist der Weg frei und wird gleich auf breiter Front geebnet, da mit Zeiler, der Geschäftsführer nicht nur von RTL in Köln sondern auch Chef der RTL-Gruppe in Luxemburg ist, zum 1. November auch der Informationsdirektor Hans Mahr den Sender verläßt.
Daß er dies so sehr im Einvernehmen tut, wie es einem die Mitteilungen des Hauses glauben machen sollen, kann sich nur vorstellen, wer Mahr nicht kennt. Zwar sollen er und Zeiler sich einst versprochen haben, wenn, dann RTL gemeinsam zu verlassen. Nur dürfte dies wohl kaum so gemeint sein, wie es jetzt läuft: Zeiler steht an der Spitze der gesamten RTL-Familie und ist Beiratsvorsitzender des Senders, während Mahr für RTL zwar weiterhin wirken soll - wie Zeiler es sich wünscht - doch ist noch nicht klar wie und wo. An seine Stelle rückt nun die gegenwärtige Generalsekretärin Ingrid Haas, die zudem für Medienpolitik zuständig bleibt, Chefredakteur und "1. Journalist" wird Peter Kloeppel, der jedoch weiterhin die Nachrichten "RTL aktuell" moderiert. Geschäftsführender Chefredakteur wird Michael Wulf, Generalsekretär wird Thomas Kreyes, der bislang Personalchef des Senders war.
Stagnation auf hohem Niveau
Daß sich dergestalt bei RTL auf Seiten des Sendermanagements und bei der Information sehr viel, in den anderen Bereichen aber nichts tut, mag manche Beobachter erstaunen. RTL ist zwar nach wie vor Marktführer und Geldbringer Nummer eins im Bertelsmann-Konzern, doch stagniert der Sender zugleich auf hohem Niveau (das viele andere gerne hätten). Bei den Shows, den Serien, dem brachliegenden Fernsehfilm zumal, läuft es seit einiger Zeit längst nicht mehr so rund. Da der neue Geschäftsführer Marc Conrad selbst Produzent und schon einmal Programmchef von RTL gewesen ist, dürfte er wissen, was ansteht.
Hans Mahr will, wie er im Gespräch sagt, bis zum 1. November noch zwei Aufgaben erledigen - den Nachrichtensender n-tv noch stärker in die Senderfamilie einbauen und im Herbst die Nachrichten in neuem Gewand präsentieren. Diese ruhen, bei allen Fortschritten, die der Sender gemacht hat, vor allem auf der Popularität von Peter Kloeppel, dem eine aktuelle Image-Umfrage bescheinigt, er habe in den Augen der Zuschauer denselben Grad an Seriosität erreicht wie Ulrich Wickert als Anchorman der ARD. Doch wird die Management-Aufgabe n-tv zum Nachrichtensender Marke RTL zu machen, bis zum 1. November schwerlich erledigt sein. N-tv scheint im Augenblick vielmehr Tag für Tag an Profil zu verlieren, denn zu gewinnen.
Großer Schnitt im aktuellen Trend der Operationsshows
Bei RTL jedenfalls haben sie erkannt, daß die Spitzenposition im hiesigen Senderkonzert nur zu halten ist, wenn man einen Generationenwechsel vornimmt. Wobei der neunundvierzig Jahre alte Gerhard Zeiler vielleicht mehr Seniorität ausstrahlt, als andere in seinem Alter. Wenn man wie er zwei Jobs macht, von denen jeder einzelne manchem zuviel sein dürfte, muß man irgendwann aus dem Tritt kommen. Daß dies so nicht weiterginge, war seit langem klar. Dabei hat Zeiler RTL auf eine Schiene gesetzt, auf welcher der neue Geschäftsführer Conrad schnell fahrt aufnehmen kann. Zeiler hat erkannt, daß die Zukunft des Mediums im Multikanal-Fernsehen liegt, das sein Geld nur noch zu einem Bruchteil mit Werbung verdient und sich Schritt für Schritt über Telefon, Internet, DVD, Musik und Kino neue Märkte erschließen muß. Im Programm freilich setzt der Sender fürs Erste auf die sogenannten Reality-Formate, von denen wir schon geglaubt hatten, sie hätten sich überlebt.
In fünfzehn bis achtzehn Monaten, sagte der scheidende RTL-Chef Zeiler kürzlich, werde es dann vielleicht zu einer Renaissance des fiktionalen Fernsehens kommen. Auf die könnte man mit dem gelernten Produzenten Conrad an der Spitze vielleicht jetzt schon hoffen. Wenigstens hat der Sender, der angeblich fünfhundert Millionen Euro pro Jahr in die Produktion des Programms gibt, demnächst mit der von Nico Hofmann produzierten "Flut" von Hamburg eines jener "Event-Programme", die dort seit Jahren fehlen. Der große Schnitt im eigenen Haus freilich folgt dem aktuellen Trend der Operationsshows - ein "complete Makeover".