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Generationenwechsel im DHM : Geschichte für alle

Das älteste Haus der Straße: Das Deutsche Historische Museum Unter den Linden Bild:

Mauerbau und Friedrich der Große warten schon: Der Geschichtsprofessor Alexander Koch wechselt vom Oberrhein an die Spree. In Berlin tritt der Mittvierziger die Nachfolge von Hans Ottomeyer als Präsident des Deutschen Historischen Museums an.

          Ein nationales deutsches Museum sucht einen neuen Leiter. Wo findet es ihn? In den Regionalmuseen der Länder. Das ist das Gesetz des Föderalismus: Die Hauptstadt rekrutiert ihr Personal aus der Provinz. Der Geist des Zentrums wird so immer neu von den Rändern her definiert. Ein Berliner Klüngel, vergleichbar den Kulturzirkeln von Paris oder London, kann sich auf diese Weise nicht bilden; eine Kontinuität womöglich auch nicht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Beim Deutschen Historischen Museum hat man jetzt, nach langer, durch Bundestagswahl und Stiftungsprozedere verzögerter Kandidatensichtung (siehe Herkules verzweifelt gesucht), einen Nachfolger für den scheidenden Präsidenten Hans Ottomeyer gefunden. Alexander Koch, der neue Mann, leitet seit 2005 das Historische Museum der Pfalz in Speyer, eins der erfolgreichsten Häuser seiner Art. Bis zu vierhunderttausend Besucher im Jahr zählt das Museum, das seine Großausstellungen über Hunnen, Hexen, Amazonen, Wikinger, das alte Persien und das Japan der Samurai geschickt durch kleinere Projekte (etwa mit Bildern von „Idolen“) und Kinderausstellungen ergänzt.

          Glück des Tüchtigen

          Die Wurzeln dieser Popularität liegen nicht zuletzt im Design: In Speyer werden Repliken, Abbildungen und Computersimulationen historischer Orte und Objekte großzügig eingesetzt. Für die Wikinger-Schau baute man eine Hütte der Nordmannen nach, und für eine Ausstellung über Heinrich IV. ließ man den Kopf des Salierkaisers aus Schädelabformungen rekonstruieren. Die opulent aufgemachten Kataloge helfen mit, die Kosten dieses Prunks wieder einzuspielen, was, wie bei der Samurai-Ausstellung, nicht jedes Mal funktioniert.

          Muss Könner und Kommunikator, Wissenschaftler und politischer Kopf zugleich sein: Prof. Dr. Alexander Koch

          Außer durch seinen Erfolg empfiehlt sich der neue DHM-Chef auch durch sein relativ jugendliches Alter. Koch, 1966 in Bremen geboren, ist zwanzig Jahre jünger als Ottomeyer, mit Geschick und Fortüne könnte er das Museum bis 2031 leiten. Beides aber, das Glück des Tüchtigen und Klugheit des Könners, wird er brauchen, denn das Deutsche Historische Museum ist kein Ort, an dem man mit Spezialeffekten raschen Lorbeer verdienen kann.

          Könner und Kommunikator

          In der Ära Ottomeyer hat sich das Haus als Publikumsattraktion bewährt - zuletzt durch die Ausstellung über „Hitler und die Deutschen“ -, aber es hat zugleich einen Teil des Ansehens verspielt, das der Gründungsdirektor Christoph Stölzl aufgebaut hatte. Zumal die neue Dauerausstellung im Zeughaus hat Kritik auf sich gezogen, der ein neuer Präsident Rechnung tragen muss.

          Außerdem stehen mit dem fünfzigsten Jahrestag des Mauerbaus und dem dreihundertsten Geburtstag Friedrichs des Großen gleich zwei wichtige Jubiläen vor der Tür, zu denen man vom DHM originelle Ausstellungen erwartet. Ottomeyers Nachfolger steht vor der Herausforderung, zur museumspädagogischen Spontaneität Stölzls zurückzufinden, ohne die großen Anlässe zu vernachlässigen. Er muss Könner und Kommunikator, Wissenschaftler und politischer Kopf zugleich sein. In der deutschen Museumslandschaft ist das eine Aufgabe ohne Beispiel.

          Wie sich Gegenwart in Historie verwandelt

          Anders als bei dem Kunsthistoriker Ottomeyer liegt bei Alexander Koch der Interessenschwerpunkt auf älterer Geschichte und Archäologie. Koch hat über Fibeln der Merowingerzeit, Mausoleen der chinesischen Tang-Dynastie, Byzanz, die Westgoten und den alten Iran publiziert. Im Wettbewerb der deutschen Geschichtsmuseen um zahlende Zuschauer sichert ihm das womöglich einen Vorteil, für das Navigieren über den kulturpolitischen Untiefen der Hauptstadt braucht es andere, handfestere Qualitäten.

          Hier wird sich Kochs Können auch daran erweisen, wie rasch er imstande ist, mit seinem Haus auf Themen der Zeitgeschichte zu reagieren - die nukleare Katastrophe in Japan, die Revolutionen in Nordafrika, den Krieg in Afghanistan, die Auseinandersetzung mit dem Islam. Unter seinem Vorgänger Ottomeyer wurde die Aktualität im DHM jahrelang kleingeschrieben. Aber ein Deutsches Historisches Museum ist ja nicht nur ein Schatzhaus der Geschichte. Es ist, im Idealfall, der Ort, an dem man der Gegenwart dabei zusehen kann, wie sie sich in Historie verwandelt.

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