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Generationendebatte Das Elternargument von morgen

07.01.2009 ·  In „Die Welt von gestern“ beschreibt Stefan Zweig die rasanten Veränderungen zu Lebzeiten eines 1881 geborenen Menschen. Der Autor Jörg Albrecht, Jahrgang 1981, hat diesen Ball aufgenommen. Ihm antwortet der 81-jährige Jurist Gerd Roellecke.

Von Gerd Roellecke
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Wir hatten den 1981 geborenen Schriftsteller Jörg Albrecht gebeten, „Die Welt von gestern“ des 1881 geborenen Stefan Zweig sozusagen zu überschreiben. Über Albrechts „world of morgen“ schreibt hier der 1927 geborene Jurist Gerd Roellecke.

Die Welt von morgen ist übermorgen die Welt von gestern, auch auf denglisch. Sie ist eine Standpunktfrage. Standpunkte muss man auf den beziehen, der sie vertritt. Im Falle der Standpunkte von Jörg Albrecht und Stefan Zweig (siehe Jörg Albrecht über Stefan Zweig: The world of morgen) zeigen sich zunächst ein Siebenundzwanzigjähriger und ein nahezu Sechzigjähriger und dann zwei Schriftsteller. Die sehen die Welt so gleich und verschieden, wie es Schriftsteller und Zwanzig- und Sechzigjährige immer getan haben.

Auf den ersten Blick gebärdet sich unser zeitgenössischer Zwanzigjähriger etwas pubertär. Sollte er wirklich nicht wissen, dass man analoge Photos genauso verfälschen kann wie digitale, nur mit etwas höherem Aufwand? Dass man Identität nicht aussprechen und deshalb nicht über sie verfügen kann? Dass Heimatlosigkeit hoffnungslos romantisch und Herz ein medizinischer Begriff ist? Dass er seine deutsche Nationalität schon in Holland und Norwegen, spätestens aber in Israel nicht mehr ablegen kann? Und dass sich hässliche Vergangenheiten immer wieder vor den Blick nach vorn schieben?

Im Klick-Zapp-Stil der Wirklichkeit hinterher

Natürlich weiß Albrecht das alles. Sind ja auch angegraute Einsichten. Aber er will es nicht sagen, weil er an die Macht der Worte glaubt, weil er meint, Fremdheit verschwände, wenn man Identität nicht mehr als Selbigkeit, sondern als ständige Änderung begriffe, und weil er will, dass die Gegenwart zu sich selbst aufschließt (Aufklärung!). Im Klick-Zapp-Stil hechelt er der wirklichen Wirklichkeit hinterher.

Ich gebe zu, mir geht das etwas schnell. Ich spreche nur gebrochen Computerisch. Computer interessieren mich nicht. Als ich von meiner mechanischen Schreibmaschine auf dem Computer umstieg, habe ich anfangs mehrfach den gleichen Fehler gemacht. Der Computer hat stets in genau der gleichen Weise reagiert, ohne Zeichen des Unwillens ob der Wiederholungstaten, ohne Proteste, ohne Sanktionen. Er kann eben nicht mehr wiedergeben als ihm jemand eingegeben hat.

Nach den Vorstellungen von Lokalredakteuren

Deshalb kann der Computer nicht die Welt von morgen symbolisieren oder gar sein. Zwar wird er die Kommunikation beschleunigen, vielleicht wie das Handy: „Hallo Jörg! Ich bin hier. Wo bist du?“ Wahrscheinlicher vergrößert er nur den Informationsüberfluss, mit dem wir seit Erfindung des Buchdruckes leben müssen. Informationsüberfluss wird durch die Knappheit an Aufmerksamkeit reguliert. Jede Einzelne hat nur eine begrenzte Kapazität an Aufmerksamkeit. Wie sich die Aufmerksamkeit verteilt, wird daher über die Welt von morgen entscheiden. Die Verteilung ist sehr schwer festzustellen und natürlich noch schwerer zu prognostizieren, wenn man nur ein wenig über solide journalistische Faustregeln hinaus kommen will. Deshalb entspricht die Welt von morgen vermutlich Vorstellungen der Lokalredakteure von heute.

Gut, das ist eine realistische Einschätzung, die nicht wahr sein muss. Für wahr im Sinne von überzeugend hält Albrecht seine Erfahrungen. Ein klassisches Elternargument: „Wenn du das mitgebracht hättest, was wir . . .“ Aber vielleicht hat Albrecht keine Eltern. Eine Heimat hat er ja auch nicht. Deshalb darf man seine Erfahrungen nicht als Argument verstehen. Argument bedeutet: Stehen für etwas Anderes. Darum geht es nicht. Auf die Idee, Erfahrungen stünden für etwas Anderes, kann nur ein Älterer kommen. Und es stimmt, ich bin einundachtzig, nicht Jahrgang, sondern an Jahren. Also nicht in Argumenten denken. Aber wahrscheinlich habe ich ein paar Erfahrungen mehr als Albrecht, einfach durch Zeitablauf. Nein, nicht in Argumenten denken, einfach erzählen.

Es war keine Frage, es war eine wilde Anklage

Es wird 1938 oder 1939 gewesen sein. Ich war elf oder zwölf Jahre alt, gerade ins Jungvolk und aufs Gymnasium gekommen, wie man damals bei uns sagte. Mit dem Lesen unserer kleinen Tageszeitung hatte ich schon in der Volksschule begonnen. Zum Kummer meine Mutter war ich ein begeisterter Pimpf. Die Szene sehe ich noch vor mir, als sei sie erst gestern gewesen. Ich höre, dass meine Mutter vom Einkaufen heimkommt, und will sie begrüßen. Mit dem Aufschließen der Haustür spüre ich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Als mich meine Mutter sieht, schreit sie mich an: „Sie haben seine Praxis geschlossen.“ Dann schüttelt sie mich mit roten Wutflecken auf den Wangen heftig an den Schultern: „Warum haben sie seine Praxis geschlossen? Sag es! Du muss es doch wissen. Du bist doch im Jungvolk.“

Natürlich wusste ich es. Aber sie wusste es auch. Die Praxis gehörte ihrem Augenarzt Dr. Perlmann, einem tüchtigen und gütigen Mann, der ihr viel geholfen hatte. Dr. Perlmann war Jude. Ihre Frage war keine Frage, sondern eine wilde Anklage, auch gegen mich. Ich verstand alles, sogar, dass die Schließung der Praxis wahrscheinlich den Tod Dr. Perlmanns bedeutete. Aber ich konnte nichts sagen und wollte es auch nicht. Ich war verstockt. Meine Mutter ging weinend ins elterliche Schlafzimmer. Wir haben nie wieder über die Sache gesprochen.

In Jörg Albrechts wirklicher Welt, wie sie mir aus seinem Artikel entgegentritt, kommen solche oder ähnliche Geschichten nicht nur nicht vor - das wäre verständlich. In seiner Welt sind sie nicht mehr denkbar. Schon ihre Geschichtslosigkeit schließt solche Geschichten aus. Gibt das zu denken?

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