05.09.2010 · Doris Stump, sozialistische Abgeordnete der Schweiz im Europäischen Parlament, hat ihren Bericht über „Sexistische Stereotype in den Medien“ vorgelegt. Ihre Folgerung: Pressefreiheit stoße an ihre Grenze, sobald die Gendergerechtigkeit beeinträchtigt wird.
Von Lorenz JägerEs war in der DDR nicht alles schlecht. An das dort sehr gebräuchliche Wort „Selbstverpflichtung“ zu erinnern, haben wir gute Gründe, gerade auch in den Medien. Einzelne oder Kollektive verpflichteten sich damals zu besonderen Leistungen bei der Planerfüllung, manchmal wurde dem notorisch unzuverlässigen Selbst auch ein wenig nachgeholfen. Nachhilfe und wenn nötig Nachsitzen ist auch heute bitter nötig bei der Erziehung des neuen Menschen.
Im Mai legte Doris Stump, sozialistische Abgeordnete der Schweiz im Europäischen Parlament, ihren Bericht über „Sexistische Stereotype in den Medien“ vor. Frauen seien nicht nur in den Nachrichten unterrepräsentiert, sondern würden oft auf ältere Rollenbilder – etwa das der Mutter und der Ehegattin – festgelegt. Frau Stump schlägt dagegen gesetzgeberische Maßnahmen vor, sie möchte Verpflichtungen oder Selbstverpflichtungen von „media authorities“ – wer auch immer das bei uns sein mag –, verbindliche Sprachcodes, schließlich die Einführung von Quoten „oder anderen positiven Maßnahmen“ in der Berichterstattung.
Kündigung wegen eines unrechtmäßig gelutschten Gummibärchens
Die Pressefreiheit, sagt Frau Stump, sei das Eine; aber wo es um Gendergerechtigkeit gehe, müsse sie ihre Grenze finden. In der Heimat der Abgeordneten ist man etwas weiter. Man kann Deutschland nur dazu beglückwünschen, dass es hier schon „Zebrastreifen“ gibt; in der Schweiz war bislang „Fußgängerstreifen“ üblich. Damit ist es vorbei: „Mit dem Wort Fußgängerstreifen sind nur die Männer gemeint“, erklärte eine Mitarbeiterin der Berner Fachstelle für die Gleichstellung von Frau und Mann. Aus Vater und Mutter wird nun in amtlichen Schreiben „das Elter“. Also diesmal bin ich unbedingt dabei.
Zum niedersächsischen Wunsch nach einer Selbstverpflichtung der Journalisten (aus dem Haus der Ministerin Aygül Özkan, CDU) kam ich um Minuten zu spät – als ich mich zur Berichterstattung in „kultursensibler Sprache“ bei Migrationsangelegenheiten verpflichten wollte, war der Entwurf schon wieder zurückgezogen. Das soll mir nicht noch mal passieren. Ich verpflichte mich deshalb in aller Form, über Boni (oder Kündigungen wegen eines unrechtmäßig gelutschten Gummibärchens) nur noch in wirtschaftssensibler Sprache zu berichten und über die militärischen Debakel der Vereinigten Staaten nur noch in amerikasensibler. Statt genderunsensibel von Sklaven rede ich künftig von „Sklavinnen und Sklaven“. Erscheint diese Zeitung erst in gerechter Sprache, dann muss die Welt doch noch gut werden.