10.06.2003 · Wie prominente Frauen in Zeitungen bewertet werden, hängt oft davon ab, ob der Text von einem Mann oder einer Frau stammt. Männer verlieren sich gern in rehbraunen Augen, der weibliche Blick ist gnadenloser.
„Von September an übernimmt Sandra Maischberger Bioleks Sendeplatz. Sie wird vor ihrem Gast sitzen und ihn mit ihren warmen klugen Augen fixieren. Sie wird journalistische Fragen stellen, mokant eine Augenbraue heben, und ein sanftes Lächeln wird ihre Mundwinkel umspielen. Wir dürfen uns freuen.“
Auf die Augen kommt es an. Die von Alfred Biolek, dem Vorgänger Sandra Maischbergers, haben der „Frankfurter Rundschau“, der das obige Zitat entnommen ist, weniger gefallen; genauso wenig eigentlich wie der ganze Rest. „Das keckernde Lachen, die weit aufgerissenen Augen, das schenkel-klopfende 'Huihuihui' - das alles war lange Zeit nett anzusehen; ein aufgekratzter Laienpsychologe, der das Vertrauen seiner Gäste genoß (...) Die oft befremdliche Gesichtsbräune des fast Siebzigjährigen ist schon in den letzten Folgen verblichen.“ Wo Keckern war, wird sanftes Lächeln sein, wo Augen einst weit aufgerissen wurden, werden künftig nur die Brauen gehoben - und das Fernsehen wird wieder ein wenig schöner geworden sein.
Gewinnende Mimik
Aus dem Artikel geht es nicht eindeutig hervor, ob sich der „FR“-Autor - es ist ein Mann - mehr auf Maischbergers journalistische Fragen freut oder auf ihre vom Lächeln umspielten Mundwinkel. Das Fernsehen freilich ist ein visuelles Medium, was bedeutet, daß das Bild im Zweifelsfall stärker wirkt als das Wort. Insofern hätte Sandra Maischberger, von ihren klugen Fragen mal ganz abgesehen, allein mit ihrer Kompetenz signalisierenden Mimik schon gewonnen. Doch die wird sie, wie die „taz“ befürchtet, nun ändern müssen.
„Auf dem Biolek-Sendeplatz wird sie menscheln müssen - sie wird den Kopf leicht schräg legen, das Lächeln wohlwollend, aber nicht zu breit, und dabei ihre großen, rehbraunen Augen in eine Schutzhöhle der Geborgenheit verwandeln.“ Damit könnten sogar Augen, die so klug und so groß sind wie jene Sandra Maischbergers, überfordert sein. Der „taz“-Artikel wurde von einer Frau geschrieben. Daß diese sich gleichfalls augenfixiert zeigt, mag verwundern, daß ihr Urteil über Maischberger deutlich kritischer ausfällt als dasjenige der „Rundschau“, eher nicht. Die Mehrzahl aller Zeitungsartikel wird von Männern über Männer geschrieben. Schreibt eine Frau über eine Frau, so darf die Porträtierte selten mit einem Bonus rechnen. Im Gegenteil.
Ihre eigene Tante
„Sandra Maischberger ist ohne Zweifel eine sehr gute Journalistin, eine exzellente Interviewerin. Aber sie scheint eben auch - und das ist der Grund, weshalb sie es im deutschen Fernsehen geschafft hat - furchtbar nett. Fast langweilig nett“, schreibt die „taz“. Die bisherige Fernsehkarriere Maischbergers sei dadurch gekennzeichnet, daß sie sogar in jüngsten Jahren stets ausgesehen habe „wie ihre eigene Tante. Jung mutet sie zwar an, doch scheint sie nie den Anschluß an das zu finden, was ihre Generation gerade vollbringt. Immer bleibt sie diejenige, die fragt: 'Was macht ihr da?'“
Dabei könnte doch gerade diese Unwissenheit der ideale Humus für großartigen Journalismus sein: daß eine, die es selbst nicht weiß, stellvertretend für das ebenso uneingeweihte Fernsehpublikum fragt, was andere da machen. Für die „taz“ aber wird die Interviewerin durch ihre Nichtzugehörigkeit zur Tante. Was dürfte die Zeitung wohl von ihrer Leserschaft erwarten, hätte ein Mann sich ein solches Urteil erlaubt?
Das ehrgeizige Mädchen
„Sie ist immer noch das saubere, ehrgeizige Mädchen aus dem roten Ziegelhaus eines Chicagoer Vororts.“ Das schreibt in der „taz“ wiederum eine Frau, Renée Zucker, über Hillary Clinton. Noch so ein Text, der sich durch den besonders strengen Blick auf die Geschlechtsgenossin auszeichnet. Es scheint, als begegneten manche Journalistinnen extrem erfolgreichen Frauen mit einem natürlichen Mißtrauen. Das blöde Wort der Stutenbissigkeit ist aber fehl am Platze. Womöglich sind Frauen nur einfach sensibler für die Degenerationen, die das Streben nach Macht und deren Erhalt mit sich bringt, und zwar bei Frauen wie bei Männern.
Hillary Clintons Erfolgsweg beschreibt Zucker in einer Mischung aus Faszination und Ekel. „Sie geht dabei so geschickt vor, daß einem ganz schlecht werden kann, wie sehr sie sich zu einer von uns designt. Wie sie auf die Ausgewogenheit von weiblich-mütterlichen Gefühlen und der Präsentation ihrer sachlichen Kompetenz, der nötigen politischen Härte und ihres Machtwillens achtet. Und daß alles, was sie tut, reasonable ist, den Gegebenheiten ihres Alters und den Zeitläuften entspricht. Perfektes Superweib für das neue Jahrtausend.“
So eine wird nicht nur fertig mit den ständigen „Dödelattacken“ (Zucker) ihres Mannes, sondern könnte das „tatsächlich schaffen“, was sie angeblich gar nicht anstrebt: die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten zu werden. Mit diesem Fazit endet der „taz“-Artikel, der ein schlüssiges Psychogramm einer Erfolgsfrau liefert. Und zwar, das ist das allerbeste, ohne ein Wort über Hillarys Augen zu verlieren.